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Meinungen

Die Ökonomie von Krieg und Frieden

Dominic Rohner
«Die Eroberung von mineralienreichen Gebieten verstärkt die Schlagkraft von Rebellenbewegungen.»
Der Ressourcenfluch und Minderheitenprobleme sind wesentliche Konfliktursachen. Das politische System der Schweiz führt vor Augen, wie auch Minderheiten echten Einfluss ausüben können. Ein Kommentar von Dominic Rohner.

Das 20. Jahrhundert geht als Zeitalter der Extreme in die Geschichte ein. Zum einen erlebte es zwei Weltkriege mit beispielloser Zerstörungskraft, ethnisch und religiös motivierte Massaker, zahlreiche Bürgerkriege und Terrorismus – nach konservativen Schätzungen wurden so über 100 Mio. Menschen dahingerafft.

Zum andern bescherten uns die vergangenen hundert Jahre aber auch eine rapide und weitreichende Demokratisierung, die europäische Einigung und viele Fortschritte in Bezug auf Persönlichkeitsrechte, Gleichstellung und Toleranz.

Die volkswirtschaftliche Friedensforschung versucht zu verstehen, welche Faktoren weniger Gewalt und mehr Frieden bringen können. Eine wichtige Thematik ist der Ressourcenfluch – die Tatsache, dass wertvolle Bodenschätze zu Konflikten und Armut führen können. Um dem Abhilfe zu schaffen, müssen die dahinter wirksamen Mechanismen erst verstanden werden.

Blut und Öl

Das erste Fazit dieser Forschung ist, dass höhere Ressourcenpreise Verteilungskonflikte anfeuern. Was sich dagegen unternehmen lässt, ist beispielsweise das Fördern alternativer Energien, die die Abhängigkeit von Öl vermindern und die Preise senken können.

Aber es ist nicht nur der Marktwert des Öls, der eine Rolle spielt, sondern auch dessen geografische Verteilung, wie wir in jüngsten Forschungsartikeln dargelegt haben. Internationale Ölkriege sind am wahrscheinlichsten, wenn von zwei Staaten einer kein oder weit weg liegendes Öl hat und der andere Öl in der Nähe der gemeinsamen Grenze. In diesem Fall hat der erste Staat Anreize, den anderen anzugreifen.

Die geografische Verteilung von Ölreserven spielt auch in Bürgerkriegen eine wichtige Rolle: Ethnische Minderheiten mit wenig politischer Macht, doch besonders ressourcenreicher Erde haben starke Anreize, Unabhängigkeit zu suchen, wie historische Kriege im Nigerdelta, in Kurdistan, in Sudan, Osttimor und Angola eindrücklich unterstrichen. Ein Lösungsansatz ist die Einbindung von Minoritäten in die Regierung.

Im Weiteren legt die wissenschaftliche Literatur dem schwarzen Gold (Gold 1292.13 -0.51%) auch zur Last, Korruption zu fördern und den Staatsapparat auszuhöhlen. Schliesslich dient das Stehlen von Öl und wertvollen Mineralien auch der Finanzierung von Rebellenarmeen. Wie wir neuerlich in einem Artikel zeigen, verstärkt die Eroberung von mineralienreichen Gebieten die zukünftige Schlagkraft von Rebellenbewegungen, die sich nun einfacher finanzieren können. Man denke an den IS und den Ölschmuggel, die Blutdiamanten von Liberia und Sierra Leone oder an die Plünderung des Kongos. Unsere empirischen Schätzungen führen zur Schlussfolgerung, dass Transparenzinitiativen und das Zertifizieren der Mineralienherkunft eine Schlüsselrolle in der Befriedung spielen.

Auch die Demografie ethnischer Gruppen hat einen wichtigen Einfluss. Das Gefahrenpotenzial ist am ausgeprägtesten in Ländern mit zwei oder drei grossen linguistischen, religiösen oder ethnischen Gruppen, grösser noch als in Ländern mit einer Vielzahl kleiner Gruppen, denen typischerweise die Koordination schwerer fällt. Beispiele dieser traurigen Logik umfassen unter anderem Angola, Guatemala, Sri Lanka, Ruanda und Burundi.

Vertrauen durch Handel

Ein erster Lösungsansatz für ethnische Spannungen ist die wirtschaftliche Integration. Wie unsere jüngste Forschung aufgezeigt hat, wird ethnischer Hass von einem auf Misstrauen basierendem Teufelskreis befeuert: Jede feindselig interpretierte Handlung führt – selbst wenn ihr keine Absicht zugrunde liegt – zu erhöhtem Misstrauen, und dieses führt dazu, dass interethnische Geschäfte abnehmen. Und wenn wirtschaftliche Beziehungen schwächer sind, sind die Anreize kleiner, unbedingt den Frieden zu retten, was weitere feindselige Handlungen wahrscheinlicher macht. Der auf Kriege folgende Vertrauensverlust zwischen ethnischen Gruppen lässt sich empirisch belegen, zum Beispiel für Uganda.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist die Promotion wirtschaftlicher Bottom-up-Kooperation wichtig, da dies das nötige Vertrauen für zukünftigen Frieden schaffen kann; ein Beispiel dafür ist die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle (Kohle 92.05 -0.65%) und Stahl nach dem Zweiten Weltkrieg.

Eine der Lektionen, wie man das Risiko ethnischer oder religiös motivierter Kriege vermindern kann, ist das konsequente Teilen von Macht. Die Geschichte der modernen Schweiz veranschaulicht dies eindrücklich: Nach dem Sonderbundskrieg von 1847 stand die Schweizer Gesellschaft am Abgrund und war gespalten zwischen den siegreichen Protestanten, denen ein Nationalstaat vorschwebte, und den besiegten Katholiken, die einen losen Staatenbund beibehalten wollten. In dieser instabilen Zeit hatten die Gründer der modernen Schweiz eine geniale Idee: Wenn das politische System auch der Minderheit reellen Einfluss garantiert, verschwindet das Motiv, gewaltsam nach der Macht zu greifen. Dieses Leitmotiv durchdringt alle Schweizer Institutionen der Verfassung von 1848. Sei es in der Kollektivregierung, in der die Vertreter der unterlegenen Katholiken bald Einzug hielten, oder sei im Instrument der Volksabstimmung mit doppelter Mehrheit, das den durchschnittlich weniger bevölkerungsreichen katholischen Kantonen starke Vetomacht verleiht. Auch die durch den Föderalismus bedingte Dezentralisierung, das Proporzwahlrecht und das mit zwei Kammern bestückte Parlament weisen die gleiche Stossrichtung auf.

Auch in jüngster Zeit wurden Machtteilung und starke Einbindung von Minderheiten erfolgreich umgesetzt, zum Beispiel in Nordirland. Das Good Friday Agreement von 1998 beteiligte sowohl die Katholiken wie auch die Protestanten an der politischen Macht, nicht nur auf Regierungs- und Parlamentsebene, sondern ebenso in der Verwaltung. Nach dieser Einigung gab es einen starken Rückgang von Gewalt. In einem aktuellen Forschungspapier untersuchen wir empirisch den Einfluss von Machtteilung auf Bezirksebene in Nordirland in den vergangenen Jahrzehnten und finden, dass die Einbindung beider Gruppen in die Lokalregierungen zu einer starken, systematischen Abnahme von politischer Gewalt geführt hat.

Dies zeigt auf, dass politische Institutionen, die die Macht teilen und Minderheiten in die Politik einbinden, wie diejenigen der alten Eidgenossen, nichts an Aktualität und Wert eingebüsst haben.