Meinungen

Die ökonomischen Risiken für 2020

Die Weltwirtschaft wird sich wahrscheinlich auch dieses Jahr stabil entwickeln. Doch gibt es einige Unsicherheitsfaktoren. Sie könnten das Jahr verderben. Ein Kommentar von Anatole Kaletsky.

Anatole Kaletsky
«In Europa hat der Brexit, statt eine Euroskepsis auszulösen, wie eine Impfung gewirkt.»

Der im Januar startende Reigen der Wirtschaftsprognosen ist kaum noch erwähnenswert, da die Vorhersagen seit zehn Jahren die gleichen sind. 2020 ist es noch wahrscheinlicher als in jedem früheren Jahr seit der Finanzkrise, dass die Weltwirtschaft weiter wächst, die Zinsen auf ihren Tiefst verharren und die Aktienmärkte weiter steigen.

[infi 1R]Statt also das wahrscheinlichste Szenario vorherzusagen, ist es nützlicher, unwahrscheinliche Ereignisse in Betracht zu ziehen, die dieses günstige Szenario verändern würden. Es sind zehn Risiken, die 2020 wirtschaftliche und finanzielle Probleme hervorrufen könnten. Ein globales Wachstum ist jedoch wahrscheinlicher als jede Kombination dieser Rückschläge.

Das kleinste Risiko ist eine von den USA oder China verursachte globale Rezession. Eine Rezession ist unvermeidlich, aber 2020 weniger wahrscheinlich als zuvor. Während Investitionen und Fertigung global unter dem US-chinesischen Handelskrieg gelitten haben, haben makroökonomische Massnahmen in beiden Ländern den Wohnungsbau, den Dienstleistungssektor und die öffentlichen Ausgaben angekurbelt. Die Weltwirtschaft wird weiter vom Rückenwind durch die letztjährigen Zinssenkungen in den USA und durch Chinas Bemühungen, ein Wachstum von 6% zu stützen, profitieren.

Kaum Zinsanstieg

Zudem ist das Risiko eines Zinsanstiegs gering. Anleger und Unternehmen sind besorgt, dass die Zeit niedriger Zinsen in den USA bald enden könnte. Inflation und langfristige Zinsen dürften 2020 etwas steigen, doch eine Straffung der Geldpolitik steht ausser Frage.

In Europa hat der Brexit, statt eine Epidemie der Euroskepsis auszulösen, wie eine Impfung gewirkt. Selbst führende populistische Politiker in Italien, Frankreich und Deutschland scheinen von der Brexit-Erfahrung abgeschreckt. Die Verhandlungen über ein Handelsabkommen für die Zeit danach werden die negative Wahrnehmung verstärken. Allerdings ist die Politik volatil; eine politisch bedingte Eurokrise bleibt ein geringes, aber nicht zu vernachlässigendes Risiko.

Obwohl der Handelskrieg zwischen den USA und China 2019 die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, war Europa das schwächste Glied der Weltwirtschaft. Die Entwicklung hat sich jedoch stabilisiert: Die Europäische Zentralbank hat ihre quantitative Lockerung wieder aufgenommen, und die politische Stimmung hat begonnen, sich gegen haushaltspolitische Sparmassnahmen zu wenden.

Doch die deutsche Wirtschaft sieht sich nach wie vor einer Krise ausgesetzt, und die europäischen Politiker weisen eine ungetrübte Bilanz törichter Bemühungen auf, das Haushaltsdefizit dann zu senken, wenn ihre Volkswirtschaft Unterstützung durch die Fiskalpolitik benötigt. Eine Rezession in Europa bleibt 2020 das grösste makroökonomische Risiko.

Dann ist da die Gefahr einer bedeutenden Energieversorgungskrise. Seit der Tötung des Kommandeurs der iranischen Quds-Brigaden, Kassem Suleimani, herrscht Besorgnis an den Finanzmärkten über eine Spirale hin zu einem Krieg und einem  steilen Anstieg des Ölpreises. Jeder globalen Rezession in den vergangenen fünfzig Jahren ging eine Verdoppelung des Ölpreises voran. Dafür müsste der Preis auf mehr als 110 $ steigen. Das ist unwahrscheinlich, aber es wäre möglich, falls ein Krieg zwischen den USA und dem Iran den Schiffsverkehr im Persischen Golf zum Erliegen brächte. Eine ölpreisbedingte Rezession ist ein moderates Risiko.

Auch nicht auszuschliessen ist ein verstärkter Protektionismus. Die Märkte sind derart vom Handelskrieg USA/China besessen, dass sie schlechte Nachrichten eingepreist haben. Es bleiben einige andere Handelsrisiken vorab für Europa, dem durch einen Zusammenbruch der Brexit-Verhandlungen oder eine Neuausrichtung der protektionistischen Instinkte Trumps von chinesischen Elektronikartikeln auf deutsche Autos Gefahr droht.

Aber Trump wird 2020 vermutlich zu sehr mit der Konfrontation mit dem Iran und den Wahlen beschäftigt sein, um einen Handelskrieg mit der EU anzufangen. Zugleich wird sich an den Handelsbedingungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU bis 31. Dezember nichts ändern. Folglich ist eine globale Zunahme des Protektionismus in diesem Jahr ein kleineres Risiko als 2018/19.

Ein moderates Risiko ist der Anstieg der Schuldenquote der US-Konzerne. Während eine Schuldenblase irgendwann zum Risiko werden wird, gibt es keinen Grund, warum sie platzen oder auch nur in sich zusammenfallen sollte, bevor die Zinsen deutlich steigen.

Eher unwahrscheinlich ist ein Zusammenbruch der Autoindustrie. Ihr Umsatz ist 2019 weltweit eingebrochen, was verheerende Folgen für die deutsche Volkswirtschaft hatte, die der grösste Exporteur von Autos ist. Die Produktion in Deutschland liegt inzwischen unter dem Tiefststand während der Rezession von 2009. Ein Sturm aus Umweltbedenken, gesellschaftlichem Wandel und Umstellungen im Energie- und im Technologiebereich hat dazu geführt, dass die Auto- und die Maschinenindustrie sich in einem wohl langfristigen Niedergang befinden. Doch der Nachfrageeinbruch 2019 war so extrem, dass eine vorübergehende Erholung wahrscheinlich ist. Daher dürfte die Branche 2020 weniger Probleme verursachen.

Hauptrisiko US-Wahlen

Das Risiko für den Technologiesektor ist dagegen politischer Art – und gross. Die Giganten können nicht länger auf Rücksichtnahme durch die Politik zählen. Facebook (FB 200.275 -0.22%), Apple (AAPL 293.495 -1.57%), Amazon (AMZN 1987.64 -1.08%) und Google, die als Innovatoren und Agenten des Fortschritts galten, werden inzwischen als Monopolisten betrachtet, die die Politiker manipulieren und die Verbraucher ausbeuten. Ernste politische Herausforderungen für ihr Geschäftsmodell könnten zu einer Wiederholung der Dotcom-Krise der Jahre 2000 bis 2002 führen.

Das Hauptrisiko bildet die US-Präsidentschaftswahl. Der Konsens an den Märkten, dass Trump die Wahl gewinnen wird, bedeutet für die Märkte zwei potenzielle Erschütterungen. Trump könnte als Sieger noch protektionistischer und unberechenbarer agieren. Falls sein Gegner Bernie Sanders oder Elizabeth Warren heisst, droht den vier grössten US-Wirtschaftssektoren – Gesundheit, Finanzen, Technologie, Energie – eine Destabilisierung. Angesichts der Tatsache, dass Trump mit Sicherheit Aussagen machen wird, die die Anleger verunsichern, und dass einige Meinungsumfragen einen Wahlsieg der Demokraten nahelegen werden, wird die US-Politik vor dem 3. November wohl gelegentliche Panikattacken auslösen.

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