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Die Ökonomie des Erfahrungswissens

Verstädterung, Schulbildung und Internetzugang genügen nicht, um Erfahrungswissen zu übertragen. Daher sind Schwellenländer heute weniger produktiv, als es reiche Länder 1960 waren. Ein Kommentar von Ricardo Hausmann.

Ricardo Hausmann
«Wissen wandert, wenn Menschen das tun.»

Fast alle reichen Länder sind reich, weil sie den technologischen Fortschritt ausnutzen. Sie haben den grössten Teil ihrer Erwerbsbevölkerung aus der Landwirtschaft in die Städte verlagert, wo sich Know-how leichter gemeinsam nutzen lässt. Ihre Familien haben weniger Kinder und bilden sie intensiver aus und erleichtern dadurch weitere technologische Fortschritte.

Die armen Länder müssen einen ähnlichen Wandel durchlaufen, um reich zu werden: Sie müssen die landwirtschaftliche Beschäftigung reduzieren, städtischer werden, weniger Kinder haben und die Kinder, die sie haben, länger schulisch ausbilden. Wenn sie dies tun, wird sich die Tür zum Wohlstand auch für sie öffnen. Und passiert das nicht bereits?

Lassen Sie uns beispielsweise Brasilien im Jahr 2010 mit dem Grossbritannien des Jahres 1960 vergleichen. Brasilien war 2010 zu 84,3% städtisch geprägt, seine Fruchtbarkeitsrate betrug 1,8 Geburten pro Frau, seine Erwerbsbevölkerung verfügte über eine Schulbildung von im Schnitt 7,2 Jahren, und Universitätsabsolventen machten 5,2% der potenziellen Arbeitnehmerschaft aus. Dies sind bessere gesellschaftliche Indikatorwerte, als Grossbritannien sie 1960 aufwies. Damals war Grossbritannien zu 78,4% verstädtert, seine Fruchtbarkeitsrate lag bei 2,7, seine Erwerbsbevölkerung hatte durchschnittlich sechs Jahre Schulbildung, und seine Universitätsabsolventen machten weniger als 2% der potenziellen Arbeitnehmer aus.

Brasilien ist kein Einzelfall: Kolumbien, Tunesien, die Türkei und Indonesien standen 2010 im Vergleich zu Japan, Frankreich, den Niederlanden bzw. Italien 1960 gut da. Diese Länder erreichten in diesen Bereichen nicht nur bessere gesellschaftliche Indikatorwerte, sondern sie konnten zudem von den technologischen Innovationen des vergangenen halben Jahrhunderts profitieren: Computern, Handys, dem Internet, Teflon usw. Dies sollte eine höhere Produktivität ermöglichen, als 1960 denkbar war.

Was Schwellenländern fehlt

Man sollte also annehmen, dass die heutigen Schwellenvolkswirtschaften reicher wären, als es die heutigen hochentwickelten Länder damals waren.

Sie sind es nicht – und zwar nicht einmal annähernd. Das BIP pro Kopf zu konstanten Preisen war 1960 in Grossbritannien um 140% höher als 2010 in Brasilien. Es war in Japan damals um 80% höher als derzeit in Kolumbien und im damaligen Frankreich 42% höher als im heutigen Tunesien. In den Niederlanden war es damals sogar 250% höher als heute in der Türkei, und in Italien 470% höher als aktuell in Indonesien.

Wie kommt es, dass die heutigen kleineren, gebildeteren Familien in den Schwellenländern so viel weniger produktiv sind, als ihre Gegenstücke es vor einem halben Jahrhundert in den heutigen reichen Ländern waren? Warum können die heutigen Schwellenmärkte das Produktivitätsniveau, das in Ländern mit schlechteren gesellschaftlichen Indikatorwerten und viel älteren Technologien erreicht wurde, nicht replizieren?

Die Antwort auf diese Frage lautet: Erfahrungswissen. Um etwas herstellen zu können, müssen Sie wissen, wie man das macht, und dieses Wissen ist zum grossen Teil latentes Wissen – d.h., es ist nicht in Büchern zu finden, sondern nur in den Gehirnen derer, die es anwenden müssen.

Es dort hinzubekommen, ist sehr schwierig. Erfahrungswissen wird überwiegend durch «Learning by Doing» erworben. Dies ist die Art und Weise, in der wir Musiker, Friseure, Ärzte und Wissenschaftler ausbilden. Überlegen Sie nur, wie lange ein Erwachsener braucht, um eine Fremdsprache zu erlernen, oder ein Musiker, um die Violine zu beherrschen.

Zudem ist der Schatz an Erfahrungswissen gross und wächst ständig weiter, sodass nur ein winziger Bruchteil davon im Kopf eines Einzelnen Platz hat. Die meisten Produkte jedoch erfordern mehr Kenntnisse, als im Kopf eines Einzelnen Platz haben, und man braucht daher für ihre Herstellung Teams von Leuten mit unterschiedlichem Wissen, nicht viel anders als in einem Symphonieorchester.

Mehr Erfahrungswissen anzusammeln, ist einfacher gesagt als getan, da Volkswirtschaften Erfahrung nur auf der Basis bestehender Arbeitsplätze sammeln können. Wie lernen Menschen, Tätigkeiten auszuüben, die es noch nicht gibt? Wie schaffen und mobilisieren sie zusammenpassende Teams in neuen Wirtschaftsaktivitäten, wenn das dafür nötige Erfahrungswissen fehlt?

Jüngste Untersuchungen am Center for International Development (CID) der Universität Harvard legen nahe, dass Erfahrungswissen durch erstaunlich langsame und enge Kanäle fliesst. Die Produktivität von Nuevo León (Mexiko) ist höher als in Südkorea, aber die von Guerrero, einem anderen mexikanischen Staat, ähnelt gemessen am Niveau der in Honduras. Wissen von einem mexikanischen Staat zum andern zu bringen, hat sich als schwierig und langwierig erwiesen.

Es ist einfacher, Gehirne zu bewegen, als Erfahrungswissen in Gehirne zu bekommen – und nicht nur in Mexiko. So hat Frank Neffke vom CID gezeigt, dass, wenn in deutschen oder schwedischen Städten neue Industriezweige den Betrieb aufnehmen, dies meistens passiert, weil sich Unternehmer und Unternehmen aus anderen Städten dort ansiedeln, die qualifizierte Arbeiter mit entsprechender Branchenerfahrung mitbringen. Einheimische stellen derartige Unternehmen selten ein.

Wissenstransfer meist nur auf kurze Distanz

Der jüngst verstorbene Ökonom Steven Klepper argumentierte, das sich Branchen clusterförmig in bestimmten Städten ansiedeln, einfach weil neue Firmen primär von Ex-Mitarbeitern anderer erfolgreicher Firmen gegründet werden, die das einschlägige Erfahrungswissen mitbringen. Tatsächlich weist die umfangreiche Literatur zu Wissenstransfers auf deren bemerkenswert enge geografische Ausbreitung hin. Die Ausnahmen bestätigen häufig die Regel. Die USA wären nie in der Lage gewesen, in nur vier Jahren die erste Atombombe zu bauen, hätte Hitler nicht so viele bedeutende Wissenschaftler dazu gebracht, Europa zu verlassen.

Unterm Strich sind Verstädterung, Schulbildung und Internetzugang beklagenswert unzureichend, um das für mehr Produktivität erforderliche Erfahrungswissen effektiv zu übertragen. Dies ist der Grund, warum die heutigen Schwellenländer so viel weniger produktiv sind, als es die reichen Länder 1960 waren, obwohl Letztere weniger verstädtert waren, höhere Geburtenraten und weniger formale Bildung aufwiesen und viel ältere Technologien verwendeten.

Die Implikationen für die Politik sind klar. Know-how steckt in den Köpfen, und die Schwellen- und Entwicklungsländer sollten sich darauf konzentrieren, Fachkräfte anzulocken, statt Barrieren für deren Zuzug zu errichten. Sie sollten ihre Diasporen anzapfen, ausländische Direktinvestitionen in neuen Bereichen anlocken und wenn möglich ausländische Firmen erwerben. Wissen wandert, wenn Menschen das tun.

 

Copyright: Project Syndicate.

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