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Die Oktoberrevolution im postfaktischen Russland

Andrej Kolesnikow
«Die Glorifizierung der Vergangenheit kann sogar die politischen Folgen einer schwachen wirtschaftlichen Entwicklung ausgleichen.»
Der 100. Jahrestag bietet Putin Gelegenheit, sein Narrativ zu stärken: dass Russland dank der von ihm selbst konsolidierten Macht zur Grösse zurückkehre. Ein Kommentar von Andrej Kolesnikow.

Russland ist gefangen in einem Kampf zwischen offizieller Geschichte (die der Staat erzählt) und Gegengeschichte (der Erzählung der Zivilgesellschaft und den Erinnerungen der Bevölkerung). Angesichts des 100. Jahrestages der Oktoberrevolution in diesem Jahr wird der Konflikt in den Mittelpunkt des öffentlichen Lebens rücken.

Präsident Wladimir Putin ist die Verkörperung einer nostalgischen Sehnsucht nicht so sehr nach der Sowjetära als nach der Sakralisierung des Staates in jener Zeit, die die Regierung in die Lage versetzte, mit «Fake News» (um einen modernen gängigen Begriff dafür zu verwenden) ihre eigenen Ziele voranzutreiben. Tatsächlich umfassen die Erinnerungen an die Oktoberrevolution ein gutes Mass an Ambivalenz und Beklommenheit. Schon das Wort «Revolution» ist den modernen russischen Eliten ein Graus, da ihm tendenziell nun einmal Attribute wie «orangefarben» oder «farbig» vorangestellt sind – die Bête noire für Putins Regime. Zugleich war die Revolution ein wichtiger Moment in Russlands Geschichte und damit eine Quelle der nationalen Identität.

Für die Kommunistische Partei ist der Jahrestag eine eindeutige Gelegenheit, sich selbst als Nachfolgerin einer grossen, dauerhaften antikapitalistischen Tradition darzustellen, wenn auch einer, die inzwischen die marxistisch-leninistische Lehre und die der russisch-orthodoxen Kirche zusammenführt. Doch die Kommunistische Partei ist nicht mehr an der Macht, und für die aktuellen Machthaber ist es sehr viel schwieriger, einen in sich stimmigen Ansatz zum 100. Jahrestag zu formulieren.

Die Story wird frisiert

Angesichts der historischen Bedeutung der Revolution kann der Kreml es nicht vermeiden, diese zu feiern. Doch statt die erforderliche Versöhnung verfeindeter Parteien – der Roten und der Weissen – zu betreiben, wird sich das Regime vermutlich auf eine Seite stellen, um die Story zum eigenen Nutzen zu frisieren. Dies dürfte im imperialen Sinne geschehen.

Aus imperialer Sicht war Wladimir Lenin ein schurkisches Genie, das das russische Reich an einem Moment erschütterte, als dieses florierte und vor Spiritualität überfloss. Joseph Stalin habe das Reich dann wieder aufgebaut – vorgeblich auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus, in Wahrheit jedoch auf der Basis traditioneller konservativer russischer Werte.

Nikita Chruschtschows poststalinistisches «Tauwetter», als Repression und Zensur gelockert wurden, habe die Grundwerte des Reiches untergraben und die Krim in fahrlässiger Weise der Ukraine überlassen. Doch ab Ende 1964, als Chruschtschow abgesetzt wurde, habe sich die Lage verbessert, und die Russen hätten ruhig und zufrieden gelebt. Der Fall der Sowjetunion, der auf eine weitere Erschütterung des Reiches hinauslaufe, sei eine grosse geopolitische Katastrophe in der Geschichte Russlands gewesen.

Eiszeiten waren gut, Tauwetter schlecht

Gemäss dieser Interpretation waren die Eiszeiten in der Geschichte Russlands – Phasen, in denen kaltblütige Führer mit eiserner Faust herrschten – gut für das Land. Tauwetter – Phasen der Demokratisierung und der Modernisierung – sei schlecht und von Zerrüttung und Gewalt geprägt gewesen. Alle Verweise des Putin-Regimes auf die stalinistische Ära müssen Putins eigenes Image als moderner gütiger Diktator untermauern, der in der Lage ist, Russlands globalen Einfluss wiederherzustellen und dem Land Wohlstand zu bringen.

Dieser Diskurs hat einige Kommunalbehörden dazu gebracht, Denkmäler für Stalin und Iwan den Schrecklichen aufzustellen, während die Bundesbehörden feierlich eines zu Ehren von Wladimir dem Grossen errichteten, der den Rus von Kiew den orthodoxen Glauben brachte. Welch glückliche Fügung, dass er sogar den Namen mit dem heutigen Präsidenten teilt.

In gewissem Sinne ist die Geschichte mächtiger als die Politik. Die Propaganda konzentriert sich auf die militärischen Erfolge in Russlands «tausendjähriger Geschichte» (Copyright: Wladimir Putin), um das Bild des Landes als einer vom feindlichen Westen belagerten Festung zu verfestigen. Der Zweite Weltkrieg, aus dem im Westen siebzig Jahre freiheitlicher Demokratie hervorgegangen sind, wird in Russland genutzt, um dem derzeitigen autokratischen Regime Legitimität zu verleihen.

Es gibt auch eine andere Geschichte

Die Glorifizierung der Vergangenheit kann sogar die politischen Folgen einer schwachen wirtschaftlichen Entwicklung ausgleichen. Man bedenke, wie Putins Ansehen von der Annexion der Krim profitiert hat – einem Schritt, den er unter historischen Gesichtspunkten verteidigte –, und das trotz der verheerenden Auswirkungen dieses Schrittes auf die russische Wirtschaft. Weil diese Auswirkungen überwiegend durch die westlichen Sanktionen bedingt waren, passten sie wie angegossen zur lenkenden Hand von Putins imperialem Narrativ.

Doch jenseits der Biografie eines Staates – der Geschichten von Kriegen, Kanonaden, militärischen Befehlshabern, Staatsmännern, Verwaltungshierarchien und dem Aufbau eines Imperiums, die Russlands offizielle Geschichte ausmachen – gibt es noch eine andere Geschichte. Es ist die Geschichte der Freiheit, die die Erzählungen und Erinnerungen von Normalbürgern, Dissidenten und unabhängigen Denkern umfasst.

In seinem Kampf mit dieser Gegengeschichte versucht das Regime, persönliche Geschichten und Biografien zu vereinnahmen. Als Putin sich dem informellen Marsch des «Bessmertnyi Polk» (unsterbliches Regiment) anschloss, mit dem die Bürger ihrer im Zweiten Weltkrieg gestorbenen Angehörigen gedenken, verwandelte er ihn in eine Initiative des Kremls.

Vergangenheit im Dienste der Gegenwart

Doch derartige Bemühungen können den Konflikt zwischen diesen beiden Formen von Geschichte nicht verbergen, der sich am vielleicht klarsten in der Kluft zwischen Konservativen und Liberalen bei der Verurteilung der stalinistischen Unterdrückung spiegelt. Er wird auch in den Diskussionen über den Zweiten Weltkrieg – den Grossen Vaterländischen Krieg, wie die Russen ihn nennen – und die turbulenten Neunzigerjahre deutlich. In diesem Sinne ist der Jahrestag der Oktoberrevolution trotz seiner Symbolkraft als zweitrangiges Ergebnis zu betrachten.

Trotzdem wird der 100. Jahrestag Putin Gelegenheit bieten, sein bevorzugtes Narrativ zu stärken: dass Russland, das unter mächtigen nationalen Führern immer am grossartigsten gewesen sei, nun dank der von Putin selbst konsolidierten Macht zur Grösse zurückkehre. Dies ist Geschichte im russischen Stil: eine Vergangenheit, die für die Zwecke der Gegenwart nutzbar gemacht wird.

Copyright: Project Syndicate.