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Blick zurück: Die Ordnung von Westfalen

«Westfalen» ist ein fixer Begriff in der Völkerrechtsgeschichte. Sonderbarerweise eher im englischen Sprachraum – die amerikanische Strategielegende Henry Kissinger verwendet die Formel «Westphalia» regelmässig – als im deutschen, von wo sie doch stammt: Die westfälische Staatenordnung wurde ausgehandelt und besiegelt anno 1648 in den Friedensverträgen von Münster und Osnabrück.

Nach dem Ende des verheerenden Dreissigjährigen Kriegs vereinbarten, in langwierigen Unterhandlungen, die Diplomaten des Kaisers, Frankreichs, Schwedens, weltlicher und geistlicher Fürsten (reich an Zahl) des Heiligen Römischen Reichs, des spanischen Hofs, der Generalstaaten (Niederlande) und der Eidgenossenschaft, dass fortan der Grundsatz der staatlichen Souveränität gelte. Dieses Prinzip spiegelt sich noch heute in der Charta der Vereinten Nationen, wonach militärisches Eingreifen in Angelegenheiten verboten ist, die im Wesentlichen nationale Jurisdiktionen betreffen. So weit die Theorie; die Praxis ist nicht immer streng «westfälisch».

In gewissem Sinn lässt sich aus diesen Verträgen das formelle Ende des Mittelalters ablesen: Es gab fortan keine universelle, christliche Reichsidee mehr; weder der Kaiser noch der Papst konnten sich nunmehr als anderen Fürsten übergeordnet betrachten. In den Verträgen von Münster und Osnabrück treten alle Parteien gleichberechtigt auf, unabhängig von ihrer Grösse, Macht und, ganz wichtig, Konfession. Das spiegelte sich im Protokoll des Vertragsabschlusses: Alle Monarchen, egal, welcher Stufe und ob katholisch oder protestantisch, wurden mit «Majestät» angesprochen, alle Botschafter mit «Exzellenz». Der Westfälische Frieden lässt sich als der erste Versuch verstehen, eine auf Verfahrensregeln basierte internationale Ordnung festzulegen. Das Instrument einer Diplomatenversammlung als friedensstiftendes Forum etablierte sich in den westfälischen Städten; es fand zum Beispiel ein Echo 1814/15 am Wiener Kongress, der Europa nach Napoleon neu ordnete.

(Illustration: Claudio Köppel/FuW)

Die Vertragspartner in Münster und Osnabrück bekannten sich zum Nebeneinander grundsätzlich gleichberechtigter, in ihren Angelegenheiten exklusiv souveräner Staaten (ungefähr mittlerer Grössenordnung) – obschon der Begriff «souverän» nicht wörtlich vorkommt und es alsbald Rückfälle gab; Frankreichs Sonnenkönig Louis XIV., zu Zeiten des Friedensschlusses ein zehnjähriger Junge, führte ungeniert und fortlaufend Kriege, um seine faktische Vormachtstellung in Europa noch zu verstärken. Frankreich war ohnehin als die Siegermacht aus dem verworrenen dreissigjährigen Ringen hervorgegangen.

Dessen Schauplatz, das Heilige Römische Reich, blieb zwar bestehen, doch war es nun tatsächlich, wie im 18. Jahrhundert der französische Philosoph Voltaire spottete, «ni saint, ni romain, ni empire», sondern nurmehr bloss ein Staatsgebilde wie andere auch, oder eben wie andere nicht: in seinem losen inneren Aufbau einiges kurioser, im Rückstand gemessen an der Herausbildung eines modernen Nationalstaats.

Apropos: Ab 1648 gehörten die Niederlande und die Eidgenossenschaft völkerrechtlich nicht mehr zu diesem vormodernen Konstrukt.

Die Gelehrten sind sich durchaus nicht einig, wie zentral die historische Rolle des Westfälischen Friedens ist. Für manche bildet er das Portal von der alten in die neue Welt, gar ein Grundgesetz der neuen Staatengesellschaft. Andere relativieren; manche normative Elemente moderner europäischer Staatlichkeit datierten vor, andere nach 1648, und ein eigentliches internationales Staatensystem gebe es erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch als Referenzpunkt taugt «Westphalia» allemal.

Auch als literarischer Topos übrigens. Günter Grass hat der Szenerie in der (unterschätzten!) Erzählung «Das Treffen in Telgte» ein launiges Denkmal gesetzt:  In Telgte, zwischen Münster und Osnabrück gelegen, verfasste eine Versammlung deutscher Dichter eine Friedensbittschrift an die tagenden Diplomaten. Als der Aufruf endlich abgefasst und unterzeichnet war, hub im Gasthause ein grosser Schmaus an, man reichte Fisch: «Friedfertiger wurde nie gespeist.»

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