Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Spekulationsblasen
Märkte / Makro

Die Panik von 1825

Spekulationen in lateinamerikanischen Staatsanleihen lösen in London einen Börsencrash aus und führen zur ersten Schwellenländerkrise.

Der Betrug des schottischen Abenteurers Gregor McGregor bleibt in der Finanzgeschichte bis heute einzigartig: 1822 nimmt er in London ein Darlehen für den fiktiven Staat Poyais auf.

Die Marktkonstellation Anfang des 19. Jahrhunderts hätte nicht besser sein können für diesen Schwindel. Risikofreudige Investoren finden im niedrigen Zinsumfeld kaum ertragreiche Anlagen in Grossbritannien. Anleihen der noch jungen lateinamerikanischen Staaten bieten deshalb eine willkommene Alternative. Geblendet von fantastischen Versprechungen vergessen Anleger jegliche Vorsicht.

1. Spannende neue Welt

Die Wirtschaft in Grossbritannien brummt. Mit dem Friedensvertrag von Paris enden 1815 die Napoleonischen Kriege. Die Stabilität auf der Insel verleiht der industriellen Revolution, die bereits im vorherigen Jahrhundert begonnen hat, neue Fahrt.

Die Exporte boomen, Infrastrukturprojekte lösen einen Investitionsschub aus. Die Bank of England unterstützt den Wirtschaftsaufschwung mit einer lockeren Geldpolitik. London hat während des Kriegs Amsterdam vollends als globale Finanzmetropole abgelöst und profitiert weiterhin von Kapitalzuflüssen.

Mit dem neuen Wohlstand steigt auch die Nachfrage nach Investitionen – ertragreiche Anlagen sind allerdings rar. Die Renditen britischer Staatsanleihen sinken ab 1820 stetig. 1824 werfen sie nur noch rund 3% ab. Auf der Jagd nach Rendite entdecken Anleger ausländische Obligationen. 1821 emittiert die Bank von Nathan Rothschild in London eine Staatsanleihe für Preussen. Es handelt sich um den ersten ausländischen Bond, der in Pfund denominiert ist und markiert den Anfang des globalen Bondmarkts.

Zur gleichen Zeit, auf der anderen Seite des Atlantiks: Durch Südamerika fegt ein Sturm der Revolution. Die Freiheitskämpfer nutzen den Kontrollverlust der spanische Kolonialmacht während der Napoleonischen Kriege aus. Anfang des 19. Jahrhunderts erklären zahlreiche Staaten ihre Unabhängigkeit von Spanien, zu den ersten gehören Kolumbien, Chile und Mexiko. Der Geldbedarf der jungen Staaten ist immens. Auf der Suche nach finanzstarken Investoren gelangen die Regierungen an die Börsenplätze in Europa.

2. Der Mythos von Poyais

1822 platziert Kolumbien die erste lateinamerikanische Staatsanleihe an der Londoner Börse. Der Coupon beträgt 6%. Im gleichen Jahr folgen Emissionen von Chile und Peru. Die exotischen Bonds stossen auf rege Nachfrage. Bis Ende 1825 platzieren zwölf lateinamerikanische Staaten Schuldtitel im Wert von 20 Mio. £ (was heute etwa 1,5 Mrd. £ entspricht).

Die Hoffnungen der renditehungrigen Anleger in das Wirtschaftspotenzial von Südamerika sind riesig. Auf dem Kontinent werden enorme Bodenschätze vermutet. Dass das tatsächliche Wissen gering ist und die Ländereien weit weg sind, tut der Zuversicht keinen Abbruch.

Diese Umstände macht sich der Hochstapler Gregor McGregor zu Nutze. Problemlos findet er Käufer für Staatsanleihen des Märchenlands Poyais und verkauft Papiere im Wert von 600 000 £. Sein Auftritt ist so überzeugend, dass sich im folgenden Jahr zweihundert Auswanderer auf den Weg machen, um das Land zu besiedeln. Statt einer Hauptstadt mit pompösen Barockbauten und Goldschätzen finden sie jedoch ein karges Land und moskitoverseuchte Sümpfe vor. Krankheit und Hunger fordern Todesopfer. Es dauert Monate, bis die Überlebenden von der Expedition zurück sind und vom Betrug berichten.

Der Boom weitet sich dennoch auf Aktien von Minengesellschaften aus. Mit Hilfe der überlegenen britischen Technologie soll die Förderung der Rohstoffe in Lateinamerika explodieren. Angefacht werden die Erwartungen von fantastischen Werbekampagnen. So heisst es etwa im Prospekt der Rio Plata Mining Association: «Goldklumpen tauchen in der Erde auf, wenn Regen die oberste Staubschicht wegspült.»

3. Vergessene Lehren

Die Börseneuphorie gewinnt 1824 an Fahrt. Eine ähnliche Aktivität hat Grossbritannien zuletzt rund hundert Jahre zuvor erlebt, als die Südseeblase die Aktienkurse anheizte. Zahlreiche Gesellschaften werden gegründet und an die Börse gebracht, obwohl der Unternehmenszweck wie damals oft höchst zweifelhaft erscheint. So verspricht etwa die Metropolitan Bath Company, Londons Haushalte mit Meerwasser zu beliefern, damit auch weniger gut betuchte Bürger die Vorteile eines Salzwasserbads geniessen können.

Politiker und Journalisten stellen sich in den Dienst der Unternehmen und treiben die Spekulation an. Die Lehren aus der Südseeblase sind vergessen. Zur Parlamentseröffnung 1825 heisst es in der Rede des Königs: «Nie gab es in der Geschichte dieses Landes eine Periode, in der sich die Wirtschaft in solch blühender Verfassung befand.» Premierminister Liverpool beobachtet die Entwicklung allerdings mit Sorge. Er warnt im Februar 1825, dass der Staat nicht helfen werde, sollte die Spekulationsblase platzen. Seine Befürchtungen bewahrheiten sich schon bald.

4. Die Banken fallen

Im Verlauf des Frühlings sinken die Preise südamerikanischer Anleihen ohne ersichtlichen Grund und büssen bis im Sommer 1825 rund die Hälfte an Wert ein. Als die Union der Provinzen von Zentralamerika im August ein kleines Darlehen an der Londoner Börse aufnehmen will, haben die Papiere aus Lateinamerika ihren Glanz verloren. Die Emission der Schuldtitel floppt.

Die Entwicklung bringt Regionalbanken ausserhalb Londons in Not. Die kaum regulierten Institute haben während des Börsenbooms zu locker Kredite vergeben. Bankkunden ziehen plötzlich ihre Einlagen ab. Zeitgleich tritt die Bank of England auf die Kreditbremse. Sie stellt im August fest, dass ihre Goldreserven gemessen am zirkulierenden Papiergeld drastisch geschrumpft sind. Die Notenbank fährt ihre Kreditaktivität im Herbst massiv zurück und verweigert gar erstklassigen Instituten wie Barings oder Rothschild Darlehen.

Die Politik der Bank of England bedeutet den Todesstoss für zahlreiche Regionalbanken. Die Krise akzentuiert sich Anfang Dezember. Ein Kunde zieht unerwartet 30 000 £ bei der Londoner Bank Pole, Thornton & Co. ab. Zwar gewährt die Bank of England einen Notkredit, doch das Finanzhaus kann nicht gerettet werden. Am 14. Dezember geht es Konkurs und zieht weitere vierzig Regionalbanken mit in die Tiefe. Bis Mitte Dezember stellen sechs Londoner Banken das Geschäft ein. An den Aktienmärkten brechen die Kurse bis zu 80% ein.

Sogar die Bank of England schwankt bedrohlich und muss zunächst ihr eigenes Überleben sichern. Ihre Reserven betragen mittlerweile weniger als 1 Mio. £. Die Rettung kommt aus Paris: Am 19. Dezember erreicht eine Schiffsladung Gold im Wert von 4 Mio. £ London. In den folgenden Tagen nimmt die Notenbank das Geschäft wieder auf und es gelingt ihr, die Lage an den Börsen bis Ende Jahr zu beruhigen. Doch die Folgen der geplatzten Blase wirken noch lange nach.

5. Globale Schockwelle

Das Ausmass der Krise zeigt sich im folgenden Jahr. 10% der rund 770 britischen Banken sind bankrott. Nach dem Finanzkollaps schlägt die Krise auf die Realwirtschaft durch. Die Zahl der Konkurse verdreifacht sich im Vergleich zu den Vorjahren und erreicht im ersten Halbjahr 1826 ihren Höhepunkt. Industrieunternehmen fahren ihre Produktion zurück, die Arbeitslosigkeit steigt. Premierminister Liverpool macht seine Drohung wahr: Er weigert sich, mit staatlicher Unterstützung für eine Entspannung der Situation zu sorgen, um keinen Anreiz für weitere Spekulationen zu schaffen.

Der Börsencrash fordert aber nicht nur Opfer auf der Insel: Die Schockwelle erreicht Amsterdam, Wien, Italien und Deutschland, wo weitere Banken Konkurs gehen. Im Zuge der Wirtschaftskrise versiegen die Kapitalströme nach Lateinamerika. Abgeschnitten von jeglichen Finanzierungsmöglichkeiten erklärt Peru als erstes südamerikanisches Land im April 1826 seinen Bankrott. Alle übrigen Staaten Lateinamerikas folgen dem Beispiel – die Finanzwelt erlebt die erste Schwellenländerkrise.

Leser-Kommentare