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Die Person: Gottlieb Duttweiler

Der Bezos von damals.

Am 8. Oktober 1948 fliegen Steine in zwei grosse Fenster des Bundeshauses. Der Täter ist schnell identifiziert. Es ist Nationalrat Gottlieb «Dutti» Duttweiler. In Bern ebenso berühmt wie berüchtigt für seine Unnachgiebigkeit. Er protestiert gegen die Verschleppung eines Geschäfts im Parlament. Die Aktion ist kalkuliert: Jede Schikane seiner Gegner, ob wirtschaftlich oder politisch, versucht er in einen Vorteil umzumünzen. Er ist ein Pionier in Sachen Öffentlichkeitsarbeit, und weit mehr als das.

Duttweiler wird am 15. August 1888 in Zürich geboren. Der Sinn fürs Geschäft zeigt sich früh. Als Kind züchtet er Meerschweinchen und verkauft sie. 1906 beginnt er die kaufmännische Lehre beim Zürcher Handelsbetrieb Pfister & Sigg, acht Jahre später ist er Teilhaber – und macht in den Lebensmittelkrisen des Ersten Weltkriegs einen stattlichen Profit. Der Wohlstand währt jedoch nicht lange: Die Handelsgesellschaft geht 1923 in Konkurs. Duttweiler verliert alles.

Mit seiner Frau Adele wandert Duttweiler kurzzeitig nach Brasilien aus, aber das Projekt einer eigenen Farm scheitert. Das Ehepaar kehrt praktisch mittellos in die Schweiz zurück. Dort leiht der Unternehmer sich 100 000 Fr., kauft damit fünf Lastwagen und gründet an seinem 37. Geburtstag eine Aktiengesellschaft namens Migros. Es ist ein waghalsiges Unterfangen. Dass es gelingt, verdankt Duttweiler unter anderem seinem wohl wichtigsten Charakterzug. Rückschläge sieht er als Chancen. Migros wird zu seinem Leben.

Die Detailhändlerin ist Duttweilers Versuch, einen Kapitalismus zu schaffen, der dem Menschen dient. In fünfzehn Thesen hält er seine Überzeugungen fest. Im Zentrum steht die Idee, Kapital und Arbeit in der sozialen Marktwirtschaft zu versöhnen. Als Chef gilt er als rechthaberisch, pingelig und cholerisch. Dem Volk zeigt er hingegen oft seine andere – charismatische und humorvolle – Seite. Reden hält er spontan und ausschliesslich auf Mundart.

Als Reaktion auf die Einführung des Filialverbots 1933 steigt Duttweiler in die Politik ein. Weil ihm keine Partei zusagt, gründet er den Ring der Unabhängigen. Die neue politische Kraft gewinnt auf Anhieb sieben Sitze im Nationalrat. Ab 1935 gibt er die Zeitung «Die Tat» heraus, als Sprachrohr seiner Bewegung. Kurz vor seinem Tod legt er den Grundstein für das Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon. Im Zentrum werden bis heute wirtschafts- und sozialpolitische Fragen diskutiert. Sein Wirken überdauert ihn. Neben Migros in unzähligen Beiträgen und Filmen, die sein Leben und Schaffen festhalten.