Zum Thema: Lindt & Sprüngli ist aus der Vernunft geboren

Die Person Rudolf Sprüngli-Schifferli

Der Visionär zur Jahrhundertwende.

Es ist bereits eng auf dem Werdmühle-Areal in Zürich, als Rudolf Sprüngli-Schifferli (1845 bis 1926) von seinem Vater 1892 die Schokoladefabrik übernimmt. Der als ruhelos und ständig an technischen Verbesserungen grübelnd beschriebene Sprüngli legt sich ins Zeug. Aber auch durch Investitionen in Kälteanlagen und Energiegewinnung und durch den Bau eines weiteren Fabrikgebäudes kann die steigende Nachfrage nicht gestillt werden. Eine Standortverlegung wird notwendig.

Rudolf Sprüngli-Schifferli wagt den Neuanfang. In Bendlikon nahe Kilchberg erwirbt er 1898 eine Liegenschaft, wo sogleich mit dem Bau einer Fabrik begonnen wird. Die Pläne für die Produktionsabteilung zeichnet der technikverliebte Sprüngli gleich selbst. Für ein Familienunternehmen stellt die Bausumme von 1,5 Mio. Fr. jedoch eine grosse Belastung dar. Durch die Umwandlung der Einzelfirma R. Sprüngli Sohn in die Chocolat Sprüngli AG, ausgestattet mit 1,5 Mio. Fr. Aktienkapital, wird das finanzielle Risiko verteilt. Die beiden entscheidenden Schritte zeugen von Sprünglis Unternehmergeist und Weitsicht.

Visionär ist der für seine soziale Kompetenz gerühmte Sprüngli noch in anderen Bereichen. So führt er bezahlte Ferien für die Belegschaft und eine betriebseigene Krankenkasse ein.

In Sachen Infrastruktur ist Chocolat Sprüngli für das 20. Jahrhundert bereit. Was die Technologie und neuartige Produkte anbelangt, sind die Möglichkeiten aber trotz allen Neuerungen limitiert. Da trifft es sich bestens, dass der Berner Rodolphe Lindt auf der Suche nach einem neuen Eigentümer für sein Unternehmen ist. Lindt, eher Bonvivant als Geschäftsmann, hat 1879 erstmals das Conchierverfahren angewandt, das zartschmelzende Schokolade produziert. Er verkauft diese auch 1900 noch geheime Technik und die Fabrik in Bern für 1,5 Mio. Fr. an Sprüngli. Die Aktiengesellschaft Vereinigte Berner und Zürcher Chocoladefabriken Lindt & Sprüngli (LISN 100'800.00 +0.70%) ist geboren.

Doch die Freude währt nicht lange. Sprüngli ist die Verbindung mit Lindt offenbar zu vertrauensvoll angegangen. Der Streit mit Rodolphe Lindt und dessen Bruder August setzt ihm als scheuem und harmoniebedürftigem Patron zu. Die unterschiedlichen Firmenkulturen werden dem jungen Unternehmen fast zum Verhängnis. 1902 stellt Sprüngli das Präsidium des Verwaltungsrats zur Verfügung. 1905 zieht er sich auch als Delegierter zurück, bleibt aber einfaches Mitglied bis 1922. Ausserhalb des Unternehmens engagiert er sich als Gemeinderat in Rüschlikon als Zunftmeister der Zunft zur Schiffleuten in Zürich.