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Wie sich eine statistische Beobachtung zur Relation von Arbeitslosigkeit und Nominallöhnen zu einer Handlungsanleitung für die Wirtschaftspolitik entwickelte.

Eines der einflussreichsten Theoreme in der Geschichte der Ökonomie findet Platz auf lediglich siebzehn Seiten.

Sein Verfasser Alban William Housego (Bill) Phillips war bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zwar ein angesehener Ökonom in Grossbritannien, über die Landesgrenze hinaus aber weitgehend unbekannt.

Phillips selbst bezeichnete das nach ihm benannte Theorem als «schlampigen Versuch», den er an einem Wochenende geschrieben hätte. Er starb 61-jährig, bevor die Kontroverse um seinen bekanntesten ökonomischen Beitrag den Höhepunkt erreichte.

Eine triviale Beobachtung?

Publiziert wurde die Phillips-Kurve 1958 im Fachmagazin «Economica» der London School of Economics (LSE) unter dem Titel «The Relation between Unemployment and the Rate of Change of Money Rates in the United Kingdom, 1861–1957». Phillips hatte kurz zuvor den Lehrstuhl für Ökonomie an der Universität übernommen.

In ihrer ursprünglichen Form beschreibt die Phillips-Kurve einen statistischen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenrate und der Veränderung der Nominallöhne. Dabei handelt es sich um eine inverse, nichtlineare Relation: Ist die Arbeitslosigkeit niedrig, steigen die Löhne schnell, bei hoher Arbeitslosigkeit steigen die Löhne nur langsam oder sie sinken.

Als Ausgangspunkt stellte Phillips folgende Hypothese auf: Wenn die Nachfrage nach Arbeit hoch und die Arbeitslosigkeit niedrig ist, haben Arbeitnehmer eine grosse Verhandlungsmacht und können daher höhere Löhne durchsetzen. Nimmt die Nachfrage ab, sind sie nicht ohne Weiteres gewillt, ihre Leistung für weniger Geld anzubieten. Die Löhne sinken zwar, aber langsamer, als sie gestiegen sind. «Das Ziel der Studie ist es, zu untersuchen, ob sich diese These statistisch untermauern lässt», schrieb Phillips einleitend.

Basierend auf den Daten für Grossbritannien analysierte er den Zeitraum von 1861 bis 1957, wobei er verschiedene Perioden separat betrachtete. Die in obiger Grafik dargestellten Datenpunkte und die daraus abgeleitete Regressionskurve zeigen die jährliche Arbeitslosenrate und die jährliche Veränderung der Nominallöhne für die Jahre 1861 bis 1913.

Sie diente als Basiskurve für die Analyse der übrigen Perioden. Phillips folgerte, dass die Veränderung der Nominallöhne durch das Niveau der Arbeitslosigkeit und die Veränderung der Arbeitslosenrate erklärt werden kann.

Die Erkenntnisse mögen auf den ersten Blick trivial klingen, es war aber das erste Mal, dass der Zusammenhang zwischen Löhnen und Arbeitslosigkeit statistisch untersucht und grafisch dargestellt wurde.

Der Zeitgeist ist günstig

In den späten Fünfzigerjahren beherrschte der Keynesianismus die ökonomische Lehre, andere Überzeugungen fanden daneben kaum Platz – und Phillips traf mit seiner Arbeit den Nerv der Zeit.

Paul A. Samuelson, ein Vertreter des Nachkriegs-Keynesianismus und einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, griff die Phillips-Kurve auf und wendete sie auf die US-Wirtschaft an. 1960 publizierte er zusammen mit Robert M. Solow die modifizierte Phillips-Kurve, die heute weitaus bekannter sein dürfte als die ursprüngliche Version. Die Ökonomen setzten die Analyse in einen makroökonomischen Kontext, der bislang gefehlt hatte, und leiteten einen stabilen Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation ab:

Steigt die Inflation, sinkt die Arbeitslosigkeit, umgekehrt führt eine abnehmende Teuerung zu mehr Arbeitslosen.

Samuelson nahm die modifizierte Phillips-Kurve 1961 in seinem Lehrbuch «Economics» auf, das die Volkswirtschaftslehre zu beiden Seiten des Atlantiks während Jahren dominierte. Innerhalb kürzester Zeit gehörte die Kurve zu den Eckpfeilen der Makroökonomie. Die Politik tat ein Übriges: Regierungen weltweit verstanden das Modell als Rezept, um sich mit höherer Inflation eine niedrigere Arbeitslosigkeit zu erkaufen. Die Phillips-Kurve wurde zum Steuerungsinstrument für die Wirtschaftspolitik.

Ein «schlampiger Versuch»

Während dieses Prozesses ging viel von Phillips’ ursprünglicher Arbeit verloren. Er vertrat nie die Auffassung, dass es möglich oder wünschenswert sei, die Arbeitslosenrate mit Hilfe von Lohn- oder Preiswachstum zu steuern. Im Gegenteil: Im Zentrum stand für ihn die Frage, wie stabile Löhne und Preise sichergestellt werden können.

Es gibt verschiedene Hinweise, dass Phillips mit der Studie, die seinen Ruhm begründete, nicht zufrieden war. Gegenüber Freunden und Kollegen bezeichnete er die Arbeit als «groben, schlampigen Versuch» und «hastige Arbeit», die er während eines Wochenendes geschrieben hätte. Er weigerte sich, weitere Kommentare oder Artikel dazu zu verfassen und schaltete sich auch nicht in die öffentliche Diskussion ein. Wegbegleiter vermuten, dass ihm sehr wohl bewusst war, dass die Phillips-Kurve Mängel aufwies. Dazu zählte, dass die Daten im untersuchten Zeitraum oft nur schwach mit der zugrundeliegenden Kurve von 1861 bis 1913 übereinstimmten.

Phillips hatte nie viel Wert darauf gelegt, seine Forschungspapiere zu veröffentlichen, und er hat während seiner akademischen Karriere in der Tat sehr wenig publiziert. In dieser Hinsicht war er ein Perfektionist: Bestand die kleinste Möglichkeit eines Mangels, zog er es vor, die Analyse in die Schublade zu verbannen. Dass die Phillips-Kurve überhaupt an die Öffentlichkeit gelangte, ist wahrscheinlich seinem Mentor und späteren Nobelpreisträger James Meade zu verdanken. Als sich abzeichnete, dass Phillips die Professur an der LSE erhalten sollte, drängte Meade auf die Fertigstellung der Arbeit, um damit den Anspruch auf den Posten, falls erforderlich, zu untermauern.

Ende einer Ära

Als die Phillips-Kurve Ende der Sechzigerjahre den Popularitätshöhepunkt erreichte, wurde Kritik aus prominenter Ecke laut. Die Ökonomen Milton Friedman, ein Monetarist, und Edmund Phelps zweifelten unabhängig voneinander die Gültigkeit der Theorie an. Sie argumentierten, dass gut informierte Arbeitnehmer den Nominallöhnen keine Bedeutung beimessen, sondern die um die Inflation bereinigten Reallöhne als Entscheidungsgrundlage nutzen. Sie kalkulieren die erwartete Teuerung in die Lohnverhandlungen ein und fordern entsprechend eine noch höhere Entschädigung. Zwar kann die Arbeitslosenrate unter dem Einfluss höherer Inflation kurzfristig sinken, doch langfristig wird sie wieder auf das Ausgangsniveau klettern. Lediglich die  Teuerung erhöht sich.

Die Siebzigerjahre lieferten den Beweis für die Kritiker: Sowohl die Inflation als auch die Arbeitslosigkeit schnellten nach oben.

Die Teuerung in den USA stieg 1974 um über 12%, die Arbeitslosenquote kletterte auf über 8% im Jahr 1975. Die Kombination von Stagnation und Inflation – die sogenannte Stagflation – hätte gemäss Phillips-Kurve und Keynesianismus gar nicht auftreten dürfen. Sie beendete die rund dreissigjährige Vorherrschaft des Keynesianismus, der für das beobachtete Phänomen keine Lösungsansätze liefern konnte.

Yellen am Steuer

Die Phillips-Kurve nach Vorbild der Sechzigerjahre wird heute nicht mehr angewendet. Für die US-Wirtschaft etwa lässt sich in den vergangenen Jahrzehnten kein stabiler Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation feststellen.

Allerdings hat die Idee, die Arbeitslosigkeit über die Geldpolitik zu steuern, alles andere als ausgedient. US-Notenbankchefin Janet Yellen erklärte im Frühling, die expansive Geldpolitik so lange weiterzuführen, bis sich die Lage am US-Arbeitsmarkt verbessert hätte. Damit kommt sie ihrem Auftrag nach: Seit 1977 muss das Fed mit der Wahrung der Preisstabilität und dem Ziel der Vollbeschäftigung ein duales Mandat erfüllen. Die US-Inflationsrate ist im Mai unerwartet auf 2,1% geklettert. Yellen wird sich womöglich bald zwischen den beiden Zielgrössen Preisstabilität und Arbeitslosigkeit entscheiden müssen.