Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Fünf Jahre nach Lehman
Märkte / Makro

«Die Politiker haben uns im Stich gelassen»

Richard Sylla, Professor für Finanzgeschichte an der New York University, zieht im Interview mit FuW Parallelen zwischen dem Lehman-Crash und der Finanzkrise in den frühen Dreissigerjahren.

Der Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers löste ein Jahrhundertbeben im Finanzsektor aus. Dennoch sei im historischen Vergleich deprimierend, wie zögerlich sich die Welt vom Schock erhole, sagt Richard Sylla. Der Doyen auf dem Gebiet der amerikanischen Finanzgeschichte macht dafür die politischen Entscheidungsträger in Washington und Europa verantwortlich. Sparmassnahmen und Budgetkürzungen hätten das Problem sogar noch verschlimmert, sagt er. Im Gegensatz zum grossen Bankenkrach nach 1929 sei es der Finanzbranche dieses Mal zudem gelungen, ihre Macht zu erhalten. Das bremse Reformen für ein stabileres Finanzsystem.

Professor Sylla, seit dem Lehman-Crash ist ein halbes Jahrzehnt vergangen. Was erwartet uns in den kommenden fünf Jahren, wenn man die Geschichte als Kompass nimmt?
Während Finanzkrisen verlieren die Menschen oft den Mut, und alles erscheint trüb. Tatsache ist aber auch, dass bis jetzt jede Finanzkrise vorbeigegangen ist. Auch ist die Welt die meiste Zeit frei von Erschütterungen im Finanzsystem. Speziell an dieser Krise ist jedoch, dass sie so hartnäckig ist. Vom Epizentrum in den USA hat sie sich weiter nach Europa ausgebreitet, wobei sich herausgestellt hat, dass die europäischen Banken noch schwächer waren als die amerikanischen. Nun hat sie offenbar auch die aufstrebenden Märkte erfasst. Das zeigt, wie eng die internationalen Verflechtungen heute sind.

Wie gravierend war der Kollaps von Lehman Brothers im historischen Vergleich?
An der Börse waren die Auswirkungen enorm. Es war, als würden der Dow Jones Industrial und der S&P 500 über eine Klippe stürzen. Der US-Aktienmarkt verlor in wenigen Monaten die Hälfte an Wert. Einen ähnlich schweren Einbruch gab es zwar auch beim Crash von 1929. Damals hielten jedoch kaum mehr als 10% der amerikanischen Bevölkerung Aktien, wogegen es heute direkt und indirekt über Pensionsfonds rund die Hälfte ist. Ähnlich verhält es sich auch mit Engagements im Häusermarkt. Wegen des heftigen Schocks sind dann viele Kleinanleger aus Aktien ausgestiegen – wie so oft genau zum falschen Zeitpunkt.

Wie steht es denn jetzt um die Aussichten an der Börse? Seit März 2009 haben sich amerikanische Aktien bereits kräftig erholt und bewegen sich auf höherem Niveau als vor der Krise.
Der Zeitpunkt ist wohl nicht mehr so günstig wie vor zwei oder drei Jahren. Ich habe zwar keine Ahnung, was in den nächsten paar Wochen oder Monaten passieren wird. Mit Blick auf die Vergangenheit stehen die Chancen jedoch gut, dass Aktien in fünf Jahren höher notieren als heute. Eine entscheidende Rolle spielt dabei, dass sich nun endlich eine echte Erholung der US-Wirtschaft abzuzeichnen beginnt.

Warum hat das so lange gedauert?
Die politischen Entscheidungsträger haben uns im Stich gelassen. Sie haben uns nicht geholfen, schneller aus der Krise zu kommen. Sie waren sich uneinig darüber, was das beste Rezept gegen die Krise ist, und haben die Situation zum Teil sogar noch verschlimmert. Besonders Europa hat zunächst primär auf Sparmassnahmen gesetzt, was offensichtlich keine gute Idee war. Die Ansicht, Budgetkürzungen seien der beste Weg aus der Krise, ist inzwischen diskreditiert worden. Es deprimiert mich deshalb, dass gewisse Politiker in Europa wie auch Vertreter der republikanischen Partei in den USA trotz gegenteiliger Fakten weiterhin an diesem Glauben festhalten.

Auch nach dem Bankenkrach zu Beginn der Dreissigerjahre kam die Wirtschaft nur langsam in Schwung. Was für Parallelen und Unterschiede sehen Sie zur Grossen Depression?
Anders als heute kam es damals nach der Finanzkrise bereits in den Jahren 1933 bis 1936 zu einem recht robusten Aufschwung. Dann begann sich das Federal Reserve aber Sorgen um die Inflation zu machen, und die Roosevelt-Regierung schraubte die Staatsausgaben zurück. Das löste 1937 einen zweiten Abschwung aus, der zwar nicht so schlimm wie zu Beginn der Dreissigerjahre, aber dennoch gravierend war.

Die Grosse Depression mündete letztlich in den Zweiten Weltkrieg. Wie gross ist die Gefahr, dass es in den kommenden Jahren ebenfalls zu einem globalen Konflikt kommen wird?
Die schwere Weltwirtschaftskrise hat es Hitler damals wohl erleichtert, an die Macht zu kommen. Zudem hat sie möglicherweise den Militarismus in Japan gefördert. Ob wirklich ein direkter Zusammenhang besteht, ist jedoch schwierig zu sagen. Auch gibt es eine ganze Reihe von Finanzkrisen, die nicht zu einem grossen Krieg geführt haben. Die Kreditklemme von 1907 zum Beispiel, die auch europäische Länder wie Italien erfasst hatte, bringt kaum jemand mit dem Ersten Weltkrieg in Verbindung.

Um eine erneute Bankenkrise zu verhindern, sind nach dem Lehman-Crash Finanzreformen in Angriff genommen worden. Wie beurteilen Sie diese Sicherheitsmassnahmen unter historischer Betrachtung?
Bei der Grossen Depression kam es damals im Rahmen des New Deal zu einer griffigen Finanzreform. Dazu zählten etwa die Etablierung der Einlagenversicherungsbehörde FDIC oder die Einführung eines Trennbankensystems nach dem Glass-Steagall-Gesetz. Im Gegensatz dazu ist bis heute unklar, was die Finanzreform Dodd-Frank bringen soll. Obschon das Gesetz bereits seit mehr als drei Jahren in Kraft ist, wird noch immer an seiner Umsetzung gearbeitet. Es wird zwar viel geredet, tiefgreifende Veränderungen wurden bislang jedoch keine gemacht. So steht zum Beispiel noch immer offen, wie die Volcker-Regel zum Verbot des Eigenhandels von Banken ausgestaltet werden soll. Das, obschon sie ein zentraler Teil von Dodd-Frank ist.

Warum kommen die Reformen nicht vorwärts?
Das grösste Problem besteht darin, dass die Finanzinstitute viel Geld an die Politiker spenden. Sie nehmen damit grossen Einfluss darauf, in welche Richtung die regulatorischen Veränderungen gehen sollen. Sie haben so den Reformprozess erfolgreich verlangsamt und versuchen, ihn totzureden. In den Dreissigerjahren hingegen war die Finanzbranche dermassen diskreditiert, dass sie kaum noch etwas zu sagen hatte. Die regulatorische Antwort auf die Krise war damals deshalb viel effektiver.

Weshalb konnten die Banken ihren Einfluss dieses Mal wahren?
Die amerikanische Regierung und das Federal Reserve haben nach dem Lehman-Crash Sofortmassnahmen ergriffen, um die Lage zu stabilisieren. Ein Auswuchs der Krise in eine Depression wurde dadurch verhindert, und die Banken konnten so ihre Macht erhalten. Anders als in den Dreissigerjahren können sie heute damit argumentieren, dass alles nicht so schlimm war und es deshalb keine einschneidenden Veränderungen auf regulatorischer Ebene brauche.

Zuweilen wird sogar behauptet, dass die amerikanischen Steuerzahler mit der Rettung der Banken ein profitables Geschäft gemacht hätten. Stimmt das?
An dieses Argument glaube ich nicht. Viele Verluste werden nach wie vor kaschiert. Die verstaatlichten Hypothekarbanken Fannie Mae und Freddie Mac zum Beispiel schreiben inzwischen zwar wieder Gewinn. Dennoch haben sie noch immer grosse Löcher in ihrer Bilanz. Auch mit der Rettung von General Motors hat die US-Regierung bislang keinen Profit gemacht, selbst wenn es der Autoindustrie heute wesentlich besser geht.