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Die realwirtschaftliche Öffnung, die wir brauchen

Die Covid-Folgen haben in der Wirtschaft ein Umdenken ausgelöst. Nun müssen die Regierungen Massnahmen ergreifen. Ein Kommentar von John B. Taylor.

John B. Taylor
«Die digitale Vernetzung derjenigen sicherzustellen, die noch nicht darüber verfügen, ist inzwischen wichtiger als die Subventionierung von Strassen und Brücken.»

Angesichts der derzeitigen staatlichen Massnahmen, um den Covid-bedingten Konjunkturabschwung zu stoppen und die Wende zu einer Erholung einzuleiten, müssen wir uns auf neue Wege zur Öffnung und zur Schaffung von Märkten konzentrieren. Bisher wurde diese Aufgabe fast völlig vom privaten Sektor übernommen, doch müssen die Regierungen mehr tun, um ihn zu unterstützen.

Der erste Schritt besteht darin, genau zu beobachten, wie die Märkte sich nach monatelanger Kontaktsperre und wirtschaftlichem Lockdown öffnen. Gemäss jüngsten Daten des US-Statistikamtes ist der Versandhandelsumsatz (überwiegend online) im April um 8% gewachsen; im März lag das Wachstum bei 5%. Bei allen anderen wichtigen Ausgabenkategorien im Einzelhandel ist dagegen ein Rückgang zu verzeichnen: Der Umsatz bei Motorfahrzeugen und -ersatzteilen ist 12% gesunken, der Umsatz der Lebensmittelgeschäfte 13%, und die Ausgaben für Bekleidung und Accessoires sind 79% gefallen. Doch innerhalb dieser anderen Kategorien erleben bestimmte Artikel einen Boom, darunter Bedarfsartikel für das Heimbüro und Sportgeräte wie etwa Heimtrainer. Walmarts CEO Doug McMillon hat es vor kurzem so formuliert: «Es hat ein Ausverkauf bei Erwachsenenfahrrädern eingesetzt, weil die Eltern anfingen, sich den Kindern anzuschliessen.»

Auch die Telemedizin erlebt einen explosionsartigen Anstieg, da weitere Anbieter Onlinedienste einführen und die Menschen ermutigen, auf virtuelle Betreuung umzustellen. Steigende Datenvolumen zeigen, dass die Patienten diese Angebote aufgreifen. Die kürzlich angekündigte Fusion des Cloud-Kommunikationsunternehmens Twilio und des Ärztenetzwerks Zocdoc ist nur ein Beispiel für das Wachstum, das hier eingesetzt hat. In der Spitze ist Twilios Nutzung, gemessen an der Zahl gleichzeitiger Teilnehmer, seit Mitte Februar 850% gestiegen (und gemessen an der Zahl täglicher Videominuten um 500%). Das Unternehmen plant jetzt, einen frei zugänglichen HIPAA-konformen Zocdoc-Videoservice einzuführen.

Zoom-Boom

Im gleichen Zusammenhang konstatiert der CEO von RadNet, Howard Berger, eine starke Zunahme des Bildgebungsgeschäfts, weil der steile Anstieg der Nachfrage nach telemedizinischen Leistungen die Ärzte zwingt, Instrumente zur Ferndiagnose zu nutzen, die hoch auflösende Videos oder Fotos erfordern.

Neue Methoden zum Onlinekauf und -verkauf breiten sich zudem in bisher unerforschte Bereiche wie Bildung und Finanzwesen aus, wo die Nutzung von Videokonferenzen rasch um sich greift. Laut dem CEO von Zoom Video Communications, Eric Yuan, hostet Zoom heute 200 Mio. Sitzungsteilnehmer täglich – gegenüber 10 Mio. im Vorjahr. Und wie Ami Joseph von Hedgeye gezeigt hat, haben sich Zooms kumulative Rechnungen allein seit März von rund 11 Mio. auf 22 Mio. erhöht. Andere digitale Kommunikationsplattformen erleben ähnliche Veränderungen.

Viele Unternehmen sind zudem dabei, Pläne zu entwickeln, um dauerhaft mehr Remote-Arbeit zu ermöglichen. So hat etwa Mark Zuckerberg letzte Woche angekündigt, dass innerhalb eines Jahrzehnts mehr als die Hälfte der 48’000 Facebook-Beschäftigten Telearbeiter sein werden.

Hemmnisse beseitigen

Diese systemischen Erschütterungen haben überall in der Wirtschaft ein deutliches Umdenken ausgelöst. Es ist Zeit, dass die Regierungen mit geeigneten politischen Massnahmen nachziehen, um die Öffnung und das weitere Wachstum neuer Märkte zu unterstützen.

In den USA hat die Regierung von Präsident Donald Trump bereits eine Hürde für die Telemedizin ausgeräumt, indem sie angekündigt hat, dass die beiden grossen staatlichen Krankenversicherungen Medicare und Medicaid die gleichen Sätze für virtuelle Arztbesuche bezahlen werden wie für Praxisbesuche. Obwohl diese Änderung zeitlich begrenzt ist, kann und sollte sie verlängert werden.

Zudem hat Trump am 19. Mai direkte Massnahmen zur Öffnung neuer Märkte ergriffen. In seiner Durchführungsverordnung zur regulatorischen Entlastung in Unterstützung der wirtschaftlichen Erholung erklärt er: «Die Behörden sollten dem (Covid-19-bedingten) wirtschaftlichen Notstand begegnen, indem sie Verordnungen und andere Vorgaben, die die wirtschaftliche Erholung hemmen könnten, aufheben, abändern, auf ihre Durchsetzung verzichten oder anderweitig Ausnahmen davon zulassen.»

Steuerliche Erleichterungen

Doch man kann noch viel mehr tun. Die Gouverneure der Einzelstaaten sowie die Kommunalbehörden sollten, dem Modell des Weissen Hauses folgend, ihre eigenen Durchführungsverordnungen erlassen. Sie könnten typische einzelstaatliche und kommunale Regulierungsfragen wie Berufszulassungen, Landnutzung und die Grenzen von Einzelstaaten und Landkreisen übergreifende Transaktionen abdecken.

Ein weiterer offensichtlicher Schritt wäre, dass die USA ein neues Gesetz erlassen, um die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 2018 im Fall South Dakota gegen Wayfair rückgängig zu machen, gemäss deren die Einzelstaaten die Steuern auf Internetkäufe erhöhen, um den Wettbewerbsvorteil der Internetanbieter gegenüber den herkömmlichen Ladengeschäften auszugleichen. Zudem sollte jedes neue Infrastrukturgesetz Ausgaben für den Breitbandausbau für unzureichend versorgte Bevölkerungsteile umfassen.

Wandel um Jahre vorangebracht

Die digitale Vernetzung derjenigen sicherzustellen, die noch nicht darüber verfügen, ist inzwischen wichtiger als die Subventionierung von Strassen und Brücken, und es gibt eindeutige Möglichkeiten für die USA, ihre Hardware- und Softwaresysteme zu verbessern. Unternehmen wie Alphabet (die Holding-Gesellschaft von Google) haben versprochen, Remote-Lernen, Telemedizin und Breitbandausbau zu unterstützen. Der ehemalige CEO von Google, Eric Schmidt, äusserte kürzlich in der Sendung «Face the Nation» des US-Fernsehsenders CBS, die vergangenen zwei Monate hätten «den Wandel um zehn Jahre vorangebracht. Plötzlich ist das Internet nicht mehr bloss optional.» Aus meiner eigenen Erfahrung mit der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre online stimme ich dem aus ganzem Herzen zu.

Aller Wahrscheinlichkeit steuern wir nicht auf eine neue Normalität zu, sondern vielmehr auf einen Zustand des kontinuierlichen Wandels und der Modernisierung, soweit man blickt. Um in dieser neuen Ära zu überleben und zu profitieren, brauchen die USA und andere Länder eine Wirtschaftsstrategie, um Märkte zu öffnen und sie offen und am Wachsen zu halten. Und nein: Die Öffnung des Landes ist keine Alternative zur Öffnung von Märkten. Wir müssen beides tun.

Copyright: Project Syndicate.

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