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Die Retterin ist eine schlechte Besitzerin

Raiffeisen übernahm vor sechs Jahren Notenstein. Warum die Privatbank auf keinen grünen Zweig kam und nun vor der Vollintegration stehen könnte.

Raiffeisen hat eine Dauerbaustelle. Ihr Name: Notenstein. Die Privatbanktochter kommt seit dem Kauf nicht vom Fleck. Das wird am Freitag wieder deutlich werden, wenn Raiffeisen Zahlen für 2017 vorlegt. Der Kriechgang Notensteins, die 2012 aus der ältesten Privatbank des Landes – Wegelin aus St. Gallen – hervorging, ist hausgemacht. Eine Folge von Verweigerung, falschen Prioritäten und schlechter Kommunikation.

Es beginnt zum Jahreswechsel auf 2012, als den acht Partnern Wegelins klar wird: Es ist aus. Die US-Behörden schütteln auf der Suche nach Steuersündern und Schwarzgeld den Finanzplatz durch, Wegelin steht vor Anklage in den USA. «Das ist der Todesstoss», habe er damals gedacht, sagt ein Ex-Partner zu «Finanz und Wirtschaft».

Ein teures Abenteuer

Konrad Hummler und Otto Bruderer, das Wegelin-Führungsduo, wählen die Flucht nach vorne. «Es hiess: Macht euch keine Sorgen, wir haben eine Lösung», sagt ein Ex-Mitarbeiter Wegelins. Am 27. Januar  2012 spalten die Teilhaber die Bank auf. Hier das kontaminierte US-Geschäft, dort der vermeintlich saubere Rest aus privatem und institutionellem Geschäft, der den Namen Notenstein erhält.

Am selben Tag verkaufen die Partner Notenstein an den Retailriesen aus der sankt-gallischen Nachbarschaft: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion erwirbt Raiffeisen für 577 Mio. Fr. eine Privatbank mit 21 Mrd. Fr. Vermögen, 700 Mitarbeitern und 13 Standorten. Eine gründliche Vorabprüfung des Objekts durch den Käufer findet nicht statt. «Das konnte nur Raiffeisen so machen», sagt ein ehemaliger Teilhaber.

Der damalige Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz, Alleinherrscher im genossenschaftlichen Reich, will die Hypothekarbank vom Zinsgeschäft unabhängiger machen und flicht ein Netz von Beteiligungen. Gleich nach dem Notenstein-Deal springen institutionelle Kunden ab. Vor allem Kantonalbanken wollen aus politischen Gründen nichts mit der Raiffeisen-Tochter zu tun haben. Und der neue Name zieht nicht. «Es gab praktisch kein Nettoneugeld», sagt ein Ex-Mitarbeiter.

Auch intern stösst Notenstein auf wenig Liebe. Keine der Raiffeisenbanken sucht das Know-how der neuen Tochter. Rund 200 Mrd. Fr. Vermögen verwalten die 225 eigenständigen Banken von Allschwil bis ins Centovalli. Und dort sollen die Gelder nach ihrem Willen auch bleiben. «Die Zusammenarbeit war gleich null», sagt ein Ex-Notensteiner. Hinzu kommt, dass Raiffeisen längst mit einem anderen Vermögensverwalter liiert war. Anlagefonds und ihre Verwaltung, Wertschriftenverwahrung und -verarbeitung bezieht die Bank von Vontobel (VONN 51.2 0.29%). Die Zürcher, die Notenstein ebenfalls gerne gehabt hätten, sehen wegen des Deals die Kooperation verletzt und klagen gegen Raiffeisen.

Vincenz schaltet auf Konfrontation, will das institutionelle Geschäft Notensteins ausbauen. Kleine Gesellschaften werden zusammengekauft. «Sie wollten das Asset Management von Grund neu aufbauen, ohne Know-how, ohne kompetente Führungsfiguren, ohne System», sagt ein Ex-Mitarbeiter. Die versprochenen Vermögen bleiben aus. Die Asset-Management-Aktivitäten Notensteins, seit Mitte 2015 in der separaten Tochter Vescore vereint, schreiben gemäss Insidern monatlich 3,5 Mio. Fr. Verlust.

Nach Vincenz’ Abgang mistet seine ehemalige Nummer zwei das teure Beteiligungsgeflecht aus. Der neue Raiffeisen-CEO Patrik Gisel bezeichnet Vescore öffentlich als «grösste Baustelle» und lässt durchblicken, er wolle verkaufen. Mitte 2016 wird Vescore an Vontobel veräussert, mit der Gisel zuvor die Wogen geglättet hatte. Gisel braucht Vontobel, Notenstein schaut in die Röhre.

Private Banking in der Krise

Neben dem Asset-Management-Abenteuer wird die eigentliche Stärke Notensteins, das Private Banking, vernachlässigt. In fünf Jahren hat der Geschäftsbereich vier verschiedene Chefs. Die Mitarbeiterfluktuation ist hoch. «Es ist ein harter Wettbewerb um Angestellte», sagt ein ehemaliger Teilhaber. Wenn eine Bank derart lang in den negativen Schlagzeilen stehe, sei sie ein leichtes Angriffsziel für abwerbende Konkurrenten.

Zugleich setzt die Mutter der ausblutenden Tochter Druck auf. «Wir müssen in zwei bis fünf Jahren 40 Mrd. Fr. Kundenvermögen verwalten», sagt Gisel 2016. Das geht nur durch Zukäufe. Der einzige, der gelingt, ist derjenige der Basler La Roche (ROG 273.2 1.58%) mit 6 Mrd. Fr. Vermögen. La Roche bleibt jedoch eine Bank in der Bank. In den Wirren um die siechende Notenstein übernehmen die Basler die Oberhand. Ex-La-Roche-Teilhaber Christoph Gloor wird Private-Banking-Chef, Mathis Büttiker Investmentleiter. Der eigentliche Bank-CEO, Adrian Künzi, scheint auf verlorenem Posten. Das Mantra des Ex-Wegelianers, zu den «drei besten Vermögensverwaltern der Schweiz» zu zählen, wirkt illusorisch.

Gisel holt die Unternehmensberater von McKinsey, die mit dem Programm Papillon den letzten Rest Wegelins entfernen. Die Bank wird zum reinen Frontbetrieb, die Mitarbeiter zu Verkäufern. Ende 2017 wird Künzi gegangen. Nach sechs Jahren hat Notenstein gleich viel Kundenvermögen wie beim Kauf durch Raiffeisen, bei der Hälfte der Mitarbeiter.

Nach Künzi übernimmt Finanzchef und Gisel-Intimus Patrick Fürer – ein Manager, kein Privatbanker. Wurde zuvor noch über den Verkauf an Vontobel spekuliert, geht innerhalb Raiffeisens nun um: Notenstein ist als Marke derart verbrannt, jetzt könnten die Auflösung und die Vollintegration in die Mutter anstehen. Offiziell verneint Raiffeisen diese Möglichkeit.

 

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