Dü-da-do. Der Dreiklang weckt Erinnerungen an Postautofahrten durch prächtige Gebirgslandschaften. Hinten der Dieselmotor, hart und laut arbeitend, vorne der Chauffeur, der das Gefährt durch heikle Passagen zirkelt und vor unübersichtlichen Stellen jeweils das Dreiklanghorn erklingen lässt, das dem Andante der Ouvertüre zu Gioachino Rossinis Oper «Wilhelm Tell» entnommen sein soll.

Szenenwechsel: ein an- und abschwellendes Surren. Durch die Altstadt des Walliser Hauptorts Sitten rollt mit maximal 20 km/h ein elektrisch angetriebener Postauto-Shuttle des französischen Herstellers Navya. Das Gefährt für bis zu neun Personen fährt vollautomatisiert und hat weder Lenkrad noch Pedale. Sensoren lesen die Strasse, erkennen Hindernisse und Markierungen. Ein Programm der Start-up-Gesellschaft BestMile – einer Gründung aus der EPFL (ETH Lausanne) heraus – überwacht und steuert es.

Das ist kein fernes Zukunftsbild. Das Beschriebene wird nächsten Sommer im Rahmen eines zweijährigen Tests Realität. Doch es ist erst der Anfang einer Entwicklung, in deren Verlauf die Auto- und die Nutzfahrzeugbranche tiefgreifende Veränderungen erfahren werden. Automobile und Nutzfahrzeuge werden «intelligent» – computergesteuert, selbstfahrend, lernfähig. Der Wandel wird die Branche durchschütteln. Neue Akteure werden auftreten, neues Denken wird Einzug halten, neue Geschäftsmodelle werden entstehen. Gewichte und Gewichtungen werden sich verschieben.

Ein neues Zeitalter beginnt

Das Fahrzeug der Zukunft soll sämtliche Verkehrssituationen allein bewältigen können. Es wird seine Umgebung mit allen Bewegungen erkennen, auch vorausahnend, und sich darauf einstellen. Dazu wird es mit anderen Fahrzeugen kommunizieren, mit der Verkehrsinfrastruktur vernetzt sein, aus den riesigen Datenmengen lernen und vielfältige digitale Dienstleistungen erbringen.

«Die Autoindustrie ist reif für eine Revolution, und die beginnt jetzt», sagte Bill Ford (F 9.66 -0.82%), Präsident des von seinem Urgrossvater gegründeten Konzerns, im November am Web Summit in Dublin. «In naher Zukunft werden Historiker die heutige Zeit als Wendepunkt in der Autoindustrie beschreiben», prophezeit der Start-up-Entwickler Bijan Khosravi in einem Artikel für «Forbes». «Wir treten in ein neues Zeitalter ein», sagte mit gravitätischer Miene Carlos Ghosn, CEO von Nissan und Renault (RNO 60.28 -3.13%), im Oktober an der Tokyo Motor Show.

Technologie ist vorhanden

Ein wichtiger Treiber der Entwicklung ist die Sicherheit. In 94% aller Verkehrsunfälle in den USA sind gemäss Google (GOOGL 1087.58 -2.61%) – dem Internetkonzern, der selbst an einem Roboterauto arbeitet – Fehler von Menschen im Spiel. Mit intelligenter Technik in der Kontrolle soll die Unfallzahl drastisch sinken. Der Trend, der mit elektronischen Sicherheits- und Assistenzsystemen eingeleitet worden ist, wird so konsequent fortgeführt.

Ausser mehr Sicherheit werden erleichterte Mobilität, ein effizienterer Ressourceneinsatz und Zeitgewinn zu den Vorteilen intelligenter Fahrzeuge gezählt. Aus unangenehmen Fahrsituationen entstehen neue Möglichkeiten, die Zeit im Fahrzeug besser und angenehmer zu nutzen und dieses zu einem erweiterten Wohnraum oder Büro zu machen. «Das autonome Fahren ist keine Frage des Ob, sondern des Wann», lässt sich Daimler-CEO Dieter Zetsche gerne zitieren.

Dass die Autoindustrie an einem Wendepunkt steht, ist der Technologie und ihrer Miniaturisierung geschuldet. Das erreichte Niveau ermöglicht vieles, was bis vor kurzem noch undenkbar war. Wurde um die Jahrtausendwende noch über die ersten Spurhalteassistenten gestaunt, liessen sich im Mai dieses Jahres Journalisten in einem Technologieträger von Audi pilotiert durch Schanghai zur Consumer Electronics Show (CES) fahren.

Die benötigte Sensor- und Kameratechnik, die Radar- und Lidarsysteme (eine mit Radar eng verwandte Technik), aber auch die Karten als wichtiger Teil der Navigation haben sich rasant entwickelt. Das Gleiche gilt auf übergeordneter Ebene für die Datenverarbeitung, die Systemvernetzung und die Rechenleistung, die das Ganze erst möglich macht. Ein heutiges Smartphone hat mehr Rechenleistung, als der gesamten Nasa im Mondlandejahr 1969 zur Verfügung gestanden hatte. Und es kostet praktisch nichts.

Die für das autonome Fahren benötigte Hardware sei weitgehend vorhanden, lautet eine Erkenntnis der Driverless World Conference von Barclays (BARC 148.98 1.1%), die Anfang September in London stattfand. Hohe Kosten einzelner Komponenten seien die einzige technische Hürde, bilanzieren Analysten der britischen Bank, sehen darin aber kein Hindernis von Dauer. «Technisch sind wir so weit», signalisiert daher nicht nur BMW (BMW 64.15 1.58%).

Entwicklung in Stufen

Autobauer sehen den Weg zum intelligenten Vehikel als einen mehrstufigen Prozess. In der ersten Phase geht das Fahren ohne Füsse, danach ohne Hände, später ohne Augen und schliesslich ohne Gehirn resp. Aufmerksamkeit (vgl. Grafik 2). Automobile von Tesla lassen sich bereits mit teilautomatisierten Fahrfunktionen bestellen. Freihändiges Fahren ist möglich, wird aber nicht empfohlen. Ältere Modelle können per Software Update aufgerüstet werden. Das System, das selbständig einer Fahrspur folgen und sie auch wechseln kann, funktioniere trotz Schwächen ganz gut, urteilen Fachmagazine.

Die letzte Stufe – das Roboterauto ohne Selbstfahrmöglichkeit – halten nicht alle Produzenten für erstrebenswert. Google denkt da anders. Das Google-Auto, das für Testzwecke bereits auf öffentlichen Strassen verkehrt, hat wie der Postauto-Shuttle von Navya weder Lenkrad noch Pedale. Ob die Internetgruppe mit einem eigenen Gefährt auf den Markt kommen wird oder nur mit einem Betriebssystem wie Android für Smartphones, bleibt abzuwarten. Auch die Ideen von Apple (AAPL 195.57 -1.52%) zum «ultimativen mobilen Gerät» sind noch nicht publik gemacht.

Mag die Hardware für autonomes Fahren auch bereit sein, in der Software stellen sich noch einige Probleme. Sie ist zum einen hochkomplex. 100 Mio. Programmierzeilen seien für ein autonom fahrendes Gefährt nötig, hält Barclays fest und vergleicht dies mit 8 Mio. für einen Airbus (AIR 125.44 0.32%) A380 und 30 Mio. für die S-Klasse von Mercedes, die bereits einen ansehnlichen Automatisierungsgrad aufweist.

Zum andern wirft die Programmierung ethische Fragen auf. Wer wird bevorzugt, wenn sich ein Unfall nicht mehr vermeiden lässt und nur noch zwischen zwei Kollisionsgegnern gewählt werden kann? Zwischen dem Kind, das auf die Strasse springt, und dem Lastwagen, der entgegenkommt? Zwischen dem schweren Geländewagen und dem leichten Kleinwagen?

Daneben gibt es diverse andere Punkte und Fragen, die mit Blick auf die nächsten Entwicklungsstufen noch zu klären und zu lösen sind.

Branche wird neu geordnet

«Die Digitalisierung verändert die Regeln für unsere Branche massiv», sagte Harald Krüger, CEO der BMW Group, in einem Interview mit «auto motor und sport». Das gilt in mehrfacher Hinsicht.

Neue Akteure werden auf den Plan treten. Die Digitalisierung vermählt den Autobereich mit dem ICT-Bereich (Informations- und Kommunikationstechnologie). Vor allem ICT-Unternehmen werden daher auf den Mobilitätsmarkt drängen. Ausser Google und Apple können die auch Uber, Baidu (BIDU 113.26 -2.95%) oder anders heissen.


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