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«Die Rückkehr alter Werte lähmt den Westen»

Edmund Phelps, Nobelpreisträger von 2006, glaubt, dass die Mentalität entscheidend ist für die Innovationskraft. Erlebnisorientierte Kulturen seien dynamischer.

Der Westen verdankt seinen Wohlstand einer Innovationskraft, die sich seit der Industrialisierung nicht mehr nur in privilegierten Schichten regt, sondern zu einem Massenphänomen geworden ist. Edmund Phelps, Nobelpreisträger für Wirtschaft 2006, stellt in seinem neuen Buch «Mass Flourishing» – wörtlich übersetzt «Massen-Aufblühen» – einen Abfall der Innovationsrate im Westen fest: Die Produktivität wächst immer langsamer. Ein Grund ist die Rückkehr vormoderner Werte, die das Individuum in seinem Wunsch bremsen, den Durchbruch zu Neuem zu erleben.

Professor Phelps, Innovation und Unternehmertum stehen im Zentrum ihres Buches «Mass Flourishing». Was ist bei Ihnen anders als bei einem Joseph Schumpeter?
Schumpeter behauptete nie, der Unternehmer sei kreativ. Im Gegenteil, er sagte, der Unternehmer sei fast nie kreativ. Er reihte sich in die Tradition der deutschen Historischen Schule ein, die besagte, dass Innovation von Wissenschaftlern und Seefahrern komme. Schumpeter fügte dem 1911 eines hinzu: Es braucht Unternehmer, um Innovation umzusetzen.

Sie fassen Kreativität weiter?
Innovation heisst: das Wissen ausbauen, sich auf Entdeckungsreisen einlassen, auf das persönliche Wachstum, das mit einem solchen Leben einhergeht – auch wenn es sich um ein einfaches Leben handelt. Wir müssen die fixe Idee loswerden, dass zündende Ideen nur aus den Wissenschaften kommen. Sie können irgendwoher stammen, das hat etwa die Entwicklung des modernen Pflugs gezeigt. Es ist vielmehr wichtig zu verstehen, welche kulturellen Werte die Bereitschaft unterstützen, den Sprung ins Unbekannte zu wagen, abseits der Masse zu stehen.

Masse ist ein gutes Stichwort: Welche Rolle spielt sie bei «Mass Flourishing»?
Seit Anbeginn der Geschichte gab es Individuen, die durch Fähigkeiten und auch mit Glück die Welt veränderten. Es handelte sich aber um seltene Erscheinungen, Leute aus der Elite, die die Chance hatten, etwas zu erschaffen. Anfang des 19. Jahrhunderts weitete sich die Begeisterung für die Entdeckung, die Leidenschaft für das Wagnis, die Freude an der Herausforderung erstmals auf breitere Schichten aus – zum ersten Mal handelte es sich um eine Erfahrungsmöglichkeit für die Massen, nicht mehr nur für Leute am Hof von Fürsten.

Ist es ein Verdienst des Kapitalismus, die Massen dank fortschreitendem Wohlstand zur Innovation befähigt zu haben?
Das Aufkommen von Wirtschaftssystemen mit innerer Dynamik in Grossbritannien, den USA und später Deutschland und Frankreich war zwar stark abhängig von Institutionen wie Privateigentum und Bankwesen. Aber diese Länder hatten einen gut funktionierenden merkantilen Kapitalismus bis ins 18. Jahrhundert. Und doch gab es da das Phänomen massenhafter Innovation noch nicht. Der Kapitalismus war notwendig, aber nicht hinreichend. Es brauchte die Durchsetzung moderner Werte: die Wichtigkeit, für sich selbst zu denken und zu arbeiten, die Überzeugung, dass jeder Kreativität besitzt und damit ein Zeichen setzen kann, nicht nur der liebe Gott. Diesen Gedanken brachte Giovanni Pico della Mirandola schon in der Renaissance hervor.

Sie sagen, dass der Westen den Zugang zu seinen eigenen Werten zu verlieren droht.
Wir haben genügend Evidenz dafür, dass etwas schiefgelaufen ist. Die Wirtschaft in Grossbritannien und Deutschland hat in den Jahrzehnten nach 1935 dramatisch an Innovationskraft eingebüsst. Die Innovationswelle hatte Frankreich später erfasst und scheint auch etwas später verebbt zu sein. Aber auch in Frankreich war es spätestens nach den Sechzigerjahren vorbei.

Die Produktivität nimmt aber doch nach wie vor zu, auch in Europa.
Ja, aber ihr Zuwachs schrumpft. Zudem nimmt die Diffusionsrate neuer Technologien ab: Die Verbreitung von Pioniertechnologie in Massenanwendungen stockt. Doch genau diese Verbreitung ist wichtig, um die Durchschnittsproduktivität zu verbessern. Europa begann in den Vierzigerjahren, US-Technologie zu kopieren. In den frühen Siebzigerjahren nahm das Produktivitätswachstum in den USA abrupt ab. Man muss daraus schliessen, dass es zu einem Abfall in der Innovationsfähigkeit der USA gekommen ist. Der Pool im Rest der Welt noch nicht genutzter Neuerungen aus den USA wurde allmählich aufgebraucht, bis das Wachstum in Deutschland, Frankreich und Italien in den Neunzigerjahren beinahe austrocknete. Die Innovationsrate hat sich in den USA von rund 2 auf etwa 1% halbiert.

Wie messen Sie das?
An dem Anteil der Produktivitätszunahme, der nicht durch das Wachstum des ein­gesetzten Kapitals pro Arbeitsstunde erklärt werden kann.

Was hat die Leidenschaft für das Neue ­gebremst?
Genauso wie es zum Aufstieg moderner Werte kam, die ab einer kritischen Masse im 19. Jahrhundert den Wunsch nach ­Innovation befeuerten, befinden sich diese womöglich auf dem Rückzug. Es ist aber schwer, Evidenz für die Ver­kümmerung moderner Werte in den USA zu finden. Was ich aber feststelle, ist die Rückkehr alter Werte.

Welche sind das?
Werte wie Familienbande, Solidarität, im Freundeskreis bleiben. So viele junge Leute reden darüber, dort zu bleiben zu wollen, wo ihre Freunde sind. Das heisst: Wenn sich die Freunde nicht von der Ost- zur Westküste bewegen, dann tun sie es auch nicht. Wenn die Freunde nicht nach Schanghai gehen, dann gehen sie auch nicht nach Schanghai. Dazu gehört aber auch der Vorrang materieller Ziele vor erlebnisbezogenen. Traditionelle Werte hatten immer eine materialistische Note. Letztlich dreht sich alles um Vermögen. Vielleicht geht es darum, es zu teilen – aber es geht um Vermögen, nicht um Erleben, nicht darum, die beste Zeit des Lebens ­haben zu wollen. Das ist eine moderne Idee, ein modernes Konzept.

Haben wir die Chance, den Zugang zu ­diesem Gefühl wieder zu finden?
In meinen pessimistischen Momenten glaube ich, wir können nur versuchen, die Restauration alter Werte einzudämmen. Die traditionelle Front hat die US-Politik mittlerweile im Griff, und in Europa gibt es keinen Politiker, der nach maximal zwei Minuten nicht das Wort Solidarität benutzt. Sie sagen den Leuten: Alles, was du tun musst, ist acht Stunden pro Tag arbeiten, und du wirst deinen fairen Anteil bekommen. Den fairen Teil wovon bitte? Was in diesen acht Stunden produziert wurde, ist grösstenteils das Ergebnis neuer Ideen. Und jeder sollte dafür belohnt werden? Seit wann kann jemand Erfolg haben ohne persönlichen Beitrag, sonder nur, weil er seine Stunden abspult, im Gleichschritt mit allen anderen? Ich glaube kaum, dass das Leben so funktioniert, und schon gar nicht eine dynamische Wirtschaft.

Und wenn Sie optimistischer sind?
Obwohl ich glaube, dass es schwer wird, wenn wir nicht unsere Werthaltungen verändern, könnte man an der Corporate Governance ansetzen. Derzeit haben die Aktionäre die Kontrolle über ihr Unternehmen verloren, insbesondere über die CEO. Deren Saläre und Boni ­haben dramatisch zugenommen, während ihre Wirkungszeit immer kürzer wird. Sie ­haben ein kurzes Zeitfenster, innerhalb dessen sie ein Vermögen machen können. Innovationen, die sich nicht innerhalb von fünf Jahren auszahlen, inter­essieren sie kaum.

Man hört viel über die Dynamik in Asien. Liegt dort der neue Innovationsinkubator?
Ich glaube, niemand kann behaupten, Singapur etwa sei eine Wirtschaft, die die Welt ständig mit atemberaubenden neuen Produkten oder Produktionsmethoden beglückt. Aber wie in allem anderen gibt es Abstufungen. Ich sage nicht, Singapur sei ein Land gänzlich ohne massenhafte Dynamik. Das wäre absurd. Aber man kann das nicht mit der Rolle der USA von 1830 bis 1940 oder der britischen von 1815 bis 1900 vergleichen.

Steht die starke Rolle des Staates, auch in China, nicht im Widerspruch zu einer Dynamik, wie sie im Westen möglich war?
Ich glaube, die chinesische Wirtschaft ist zu komplex, um von der Regierung in all ihren Aspekten gesteuert werden zu können. Es gibt bereits viele private Unternehmer dort. Sie müssen ihre Businesspläne nicht der Regierung zur Genehmigung vorlegen. Natürlich hindert Dirigismus die Dynamik. Deshalb ist es wichtig, dass die Politik den Privatsektor nicht zu eng an die Kandare nimmt. Zudem müssen die Finanzierungsmöglichkeiten verbessert werden, und die besten Studenten dürfen nicht weiterhin alle in den Staatsapparat abwandern.

Wie ernst steht es um den Niedergang des Wachstums im Westen?
Der Abfall im Produktivitätswachstum in den USA kam 1973 überraschend. Das Problem schien sich Anfang der Neunzigerjahre zu verflüchtigen, aber überarbeitete Daten weisen darauf hin, dass diese Periode keine Ausnahme war. Was man feststellen kann, ist eine Wiederbelebung des Produktivitätswachstums mit dem Aufkommen des Internets zwischen 1996 und 2004. Unser Groove ist zurück, dachten wir. Aber danach sank das Produktivitätswachstum auf die Niveaus davor zurück. Nach 2007 verschlechterte sich die Lage sogar, was auf die Finanzkrise zurückzuführen sein dürfte sowie auf einen generellen Vertrauensverlust.

Wie wird es weitergehen?
Ich sehe derzeit nichts, was uns zurückführen könnte zu den Wachstumsraten von vor 1973. Möglich ist, dass die USA immerhin wieder wachsen wie zwischen 2004 und 2007 oder 1973 und 1996.

Was halten Sie von der unorthodox ­lockeren Geldpolitik in der Finanzkrise?
Ich gehöre nicht zu den Ökonomen, die glauben, dass Geldpolitik nichts bringt. Ich glaube, die Zentralbanken können die Beschäftigung eine Zeit lang ankurbeln. Das Fed wollte den Prozess am Arbeitsmarkt beschleunigen. Ich unterstützte die quantitative Lockerung, weil ich denke, dass die Inflationsrate zu tief ist. Aber das Fed hat so viel Liquidität geschaffen, dass es richtig ist, langsam nervös zu werden.

Fünf Jahre nach Lehman sind wir noch ­immer nicht in der Lage, eine Bank abzu­wickeln, die zu gross ist, um sie ohne kata­strophale Folgen untergehen zu lassen.
Die Banken sind ein sehr wichtiger Sektor, der nicht nur für sich selbst gesehen schlecht funktioniert. Er spielt auch nicht die Rolle, in der wir ihn gerne sähen: die Förderung von Innovation. Es gab eine Zeit, als Banker viel ökonomischen Sinn hatten und ein Gespür dafür, was sich auszahlen würde und was nicht. In gewissen Ländern haben sich die Banken per­vertiert zu einem Depot für Staatsanleihen, in den USA zu Fördereinrichtungen für Hypotheken. Beides unter politischem Druck. Ich denke, wir müssen zurück zu kleineren Banken, die die lokalen Unternehmen kennen, die Start-ups.

Befürworten Sie ein Trennbankensystem à la Glass-Steagall?
Ich glaube nicht, dass das Bankensystem vor der Rücknahme von Glass-Steagall besser funktioniert hat. Larry Summers kann trotz allem nicht für das grandiose Scheitern des Bankensystems verantwortlich gemacht werden. Citibank hat nicht das Ende von Glass-Steagall abgewartet, um unvorsichtig Geld auszuleihen.

Was sagen Sie zum US-Haushaltsstreit?
Den Zusammenbruch von Verhandlungen hat es schon früher gegeben. Es ist aber relativ ungewöhnlich, einen Stillstand in gewissen Teilen der Administration zu haben. Aber auch das hatten wir schon, 1996. Ein Grund für dieses Hickhack zwischen Regierung und Legislative und zwischen Teilen der Legislative selbst ist, dass die USA eine echte Demokratie sind. Es gibt viele Möglichkeiten für ­Minderheiten, einen Prozess zu stoppen. Wenn in Frankreich der Präsident ein ­Gesetz erzwingen will, dann kann er das, er ist praktisch ein Diktator für fünf Jahre. Das wäre in den USA ein unhaltbarer Zustand. Es wäre, wie wenn man jemandem die Autoschlüssel für fünf Jahre überlässt.

Apropos alte Werte: Meinen Sie mit der Minderheit die Tea Party?
Ich bedaure die schmutzige Taktik der Tea Party. Auf der anderen Seite will ich ihr nicht das Recht absprechen, für die Meinung einzustehen, die Staatsausgaben seien ausser Kontrolle geraten. Ich habe kein Problem mit hohen Staatsausgaben. Ein Problem habe ich aber mit einer Regierung, die nicht in der Lage ist, Subventionen für Niedriglöhne umzusetzen, um Erwerbsquote und Löhne benachteiligter Menschen zu erhöhen. Washington verbraucht viel zu viel Geld für alle möglichen Interessengruppen und zu wenig, um seine Kernaufgaben wahrzunehmen: die Unterstützung einer dynamischen Wirtschaft und ökonomische Gerechtigkeit.

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