Märkte / Makro

«Die Ruhe ist einzig der EZB zu verdanken»

Der an der Harvard-Universität lehrende Ökonom Kenneth Rogoff warnt davor, die Eurokrise bereits als beendet zu betrachten. Das begründet er im Interview mit der «Finanz und Wirtschaft» am Wef.

Mark Dittli, Davos

Es ist ruhig geworden um die Eurokrise. Zu ruhig, glaubt der an der Harvard-Universität lehrende Ökonom Kenneth Rogoff. Im Gespräch am Rande des World Economic Forum in Davos warnt er davor, die Entspannung an den Finanzmärkten als Ende der Krise zu deuten. Die Entspannung sei einzig und allein der Politik der EZB zu verdanken. Ihr Chef Mario Draghi habe ausgezeichnete Arbeit geleistet – doch sei sein Arsenal nun leer, warnt der Amerikaner.

Herr Rogoff, der Präsident der Bundesbank, Jens Weidmann, hat kürzlich vor einem globalen Währungskrieg gewarnt. Teilen Sie seine Sorge?
Nein. Ich denke, da liegt eine Fehlinterpretation der Ereignisse vor. Die Leute ziehen dramatische Parallelen zu den Dreissigerjahren, als mehrere Länder in Serie den Goldstandard verliessen und so ihre Währung abwerteten – dabei geht vergessen, dass damals genau diese Abkehr vom Goldstandard die Länder befreit und dazu beigetragen hat, die Grosse Depression zu beenden. Heute ist die Situation nicht unähnlich. Die Weltwirtschaft braucht weitere geldpolitische Lockerungen.

Sie halten die jüngsten Bemühungen der Bank of Japan, den Yen zu schwächen, also nicht für gefährlich?
Diese Aktion war längst überfällig. Die Bank of Japan hätte das vor zehn Jahren tun sollen. Es wäre besser gewesen für Japan und die Weltwirtschaft. Die Bank of Japan wird nicht die Einzige bleiben: Ich gehe davon aus, dass die Europäische Zentralbank bald die Zinsen senken wird, und die US-Notenbank wird ebenfalls noch weitere unkonventionelle Schritte beschliessen. Natürlich sind alle diese Massnahmen riskant. Aber sie sind nötig.

Wieso denn? Die Weltwirtschaft zeigt doch Signale einer Wachstumsbeschleunigung.
Viel Tempo gewinnt die Wirtschaft nicht. Ich würde eher von Stabilisierung sprechen, während die Finanzmärkte an Tempo gewinnen. Das ist aber nicht das Gleiche. In Europa haben die Arbeitslosenraten Rekordhöhen erreicht, in den USA kann erst in etwa vier Jahren wieder von Vollbeschäftigung gesprochen werden. Japan steckt wieder in der Rezession. Die Geldpolitik muss in diesem Umfeld locker bleiben.

Fürchten Sie nicht, die Notenbanken könnten ihre politische Unabhängigkeit verlieren, wenn sie so aktiv ins Wirtschaftsgeschehen eingreifen?
Ich sehe es eher so: Die Notenbanken waren während der Finanzkrise von 2008 und seither über weite Strecken die Institutionen, die weitaus am besten funktioniert haben und überhaupt handlungsfähig waren. Sie mussten während dieser Zeit aus der Not Massnahmen ergreifen, die eigentlich Sache der Politiker, der Finanzminister gewesen wären. Als EZB-Chef Mario Draghi im Sommer 2012 seine weitreichende Garantie für die Staatsschulden der Eurozone abgab, handelte er eigentlich nicht als Notenbankchef. Das wäre der Job eines Politikers, eines europäischen Finanzministers, gewesen. Draghi musste es tun, weil die politischen Institutionen in der Eurozone dysfunktional sind.

Trifft das nur auf Europa zu?
Nein, überhaupt nicht. Während der heissesten Zeiten der Finanzkrise musste Fed-Chef Ben Bernanke Dinge tun, um die sich eigentlich Schatzsekretär Henry Paulson hätte kümmern sollen. Das ist das grosse Dilemma: Die Krise tobt, Entscheide müssen getroffen werden. Die Notenbanken können einfach am effizientesten handeln. Und weil sie so gut agiert haben, erhalten sie den Ball immer wieder zugespielt. Natürlich ist das bedenklich, und natürlich sollte nicht leichtfertig mit der Unabhängigkeit der Zentralbanken umgegangen werden. Aber wir sprechen hier von einer Jahrhundertkrise.

Die Schweizerische Nationalbank hat sich ebenfalls ins Getümmel gestürzt und zur Verteidigung der Euro-Franken-Kursuntergrenze ihre Bilanz aufgebläht. Sie wird dafür im Ausland ab und an als Währungsmanipulatorin gebrandmarkt. Zu Recht?
Es war zunächst einmal ein sehr riskanter Schritt, den die SNB vollzogen hat. Eine derartige Wechselkursgrenze ist ein grosses Experiment für ein Land mit einem derart offenen Kapitalmarkt. Wir wissen nicht, was das alles für Konsequenzen haben wird. Aber eine Währungsmanipulation sehe ich hier nicht. Das war vielleicht vor zwei Jahren der Fall, als die SNB laufend gegen den Franken intervenierte. Heute denke ich eher, dass andere Länder damit liebäugeln, die Strategie der SNB zu kopieren. Es geht dabei nicht nur darum, die Währung zu schwächen, sondern vor allem darum, endlich etwas Inflation zu schaffen.

Sie haben vor einem Jahr Aufsehen erregt, als Sie forderten, wir bräuchten eine etwas längere Zeit mit etwas erhöhter Inflation. Denken Sie das immer noch?
Absolut. Es würde uns allen besser gehen, wenn wir gegenwärtig weltweite Inflationsraten von 3% sähen. Das würde dem Arbeitsmarkt helfen, dem Häusermarkt, es würde den Prozess des Schuldenabbaus unterstützen. Unser Problem heisst Deflation respektive zu niedrige Inflationsraten. Das Risiko rekordhoher Arbeitslosigkeit ist viel akuter als das Risiko einer Wiederholung der inflationären Siebzigerjahre.

Wieso stemmen sich denn beispielsweise Exponenten der Bundesbank so dagegen? Spielt da wirklich noch die Erinnerung an die Weimarer Republik mit?
Es ist wichtig, dass Bundesbanker wie Weidmann ihre Besorgnis ausdrücken. Sie geben damit ein Signal an die Märkte, dass sie auf der Hut sind.  Es geht auch nicht nur um die Beruhigung der deutschen Bevölkerung, sondern auch der chinesischen Investoren, die europäische Anleihen kaufen. Falls Weidmann die Geldpolitik der EZB jedoch blockieren wollte, könnte er das tun. Das tut er aber nicht, sondern beschränkt sich darauf, sein Unbehagen auszudrücken.

Weidmann spielt also den Bad Cop, während Draghi tut, was getan werden muss?
Draghi setzt um, was in der aktuellen Situation nötig ist, aber die grosse Frage bleibt natürlich, was mit der Eurozone geschehen soll. Die EZB kann nur ihre Bilanz zur Verfügung stellen, um die Dinge zu stabilisieren.

War seine Ankündigung im Sommer, das Outright-Monetary-Transactions-Programm OMT zu starten, richtig?
Absolut. Das war dringend nötig, und Draghi hat damit tolle Arbeit geleistet. Aber er hat damit nur Zeit gekauft. Zeit für die Politiker, die Konstruktionsprobleme der Eurozone endlich zu lösen. Die EZB kann sie nicht lösen.

Der Schritt hat die Finanzmärkte jedenfalls kräftig beruhigt.
Genau, das war auch nötig. Bloss werden die Politiker jetzt bereits wieder bequem und selbstgefällig und glauben, sie hätten diesen Stimmungswandel erreicht. Dabei dürfen wir keine Sekunde vergessen: Die Eurokrise ist längst nicht vorbei. Und die EZB hat mit dem OMT-Programm ihre Nuklearwaffe abgefeuert. Draghi hat seine Karten geschickt gespielt, aber jetzt hat er keine Karten mehr.

Wie viel Zeit hat die EZB gekauft?
Das ist unmöglich zu sagen. Möglicherweise zwei Jahre, vielleicht auch fünf. Mehr nicht.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit.
Das klingt nur so. Sie wird im Nu um sein, und alles fliegt wieder hoch. Wir wissen, wie dieser Film abläuft. Staatsschuldenkrisen verlaufen über Jahre, das ist ein Zeitraum, den die Öffentlichkeit und die Medien gar nicht fassen können. Zudem: Die Politik der EZB ist nicht ohne Kosten. Verluste auf der Bilanz der Zentralbank sind am Ende Verluste des Steuerzahlers.

Was genau muss denn auf politischer Ebene geschehen?
Die Staaten der Eurozone müssen eine Fiskal- und politische Union bilden. Sie müssen ein Land werden, mit einer Regierung, einem Premier oder Kanzler, einem Finanzministerium. Die Idee, eine gemeinsame Währung, aber eigenständige Regierungen zu haben, war von Beginn weg ein Fehler. Will die Währungsunion langfristig überleben, muss sie eine politische Union werden. Das Vorbild könnte Kanada sein, das eine deutlich losere Konföderation einzelner Staaten ist als die USA oder die Schweiz.

Was ist mit dem Weg der internen Abwertung, indem Länder wie Spanien und Italien ihr Preis- und Lohnniveau senken, um wieder wettbewerbsfähig zu werden?
Das geht zu langsam. Spanien hat eine Arbeitslosenrate von über 25%, Italien hat kein Wachstum in Sicht. Diverse Länder, mit Sicherheit Spanien und Portugal, wahrscheinlich auch Irland, werden eine Restrukturierung ihrer Schulden benötigen.

Irland?
Ich weiss, Irland ist momentan jedermanns Liebling. Es stimmt, es wurden dort riesige Fortschritte erzielt, aber der Schuldenüberhang ist schlichtweg erdrückend. Mit Austerität allein kommen diese Länder nicht auf die Beine. Wir haben das Ende dieser Geschichte noch lange nicht gesehen.

Aber zeigen nicht die baltischen Staaten, dass es geht?
Stimmt, auch die baltischen Länder haben riesige Fortschritte erzielt und ihr Preisniveau gesenkt. Allerdings waren ihre Lohnkosten erst in den wenigen Jahren vor 2008 sprunghaft gestiegen, da war es einfacher, die Löhne wieder zu drücken. Die Bevölkerung weiss zudem, dass als Alternative droht, wieder in die Einflusssphäre Russlands zu driften, und das erachten die Leute als die schlimmere Option. Alles in allem halte ich das Hohelied auf die baltischen Staaten aber für übertrieben. Auch dort steht noch viel Arbeit bevor.

Wie gross sind die Chancen, dass die von Ihnen skizzierte politische Union Tatsache wird?
Das kann ich nicht sagen. Ich weiss nur, dass sie langfristig nötig sein wird, wenn die Währungsunion überleben soll. Nur damit Sie verstehen, worum es geht: Ich spreche von einer politischen Union, in der dem zentralen Finanzministerium 30 bis 40% aller Steuereinnahmen der Mitgliedländer zufliessen. Spätestens dann wird der Zeitpunkt sein, an dem die Kernländer sehr genau schauen, mit wem sie sich verheiraten. Ein Staat wie Griechenland würde sicher nicht in den inneren Kreis aufgenommen.