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Die Schatten der Ungleichheit

Statt wie einige ein universelles Grundeinkommen zu fordern, wäre es besser, die niedrigen Löhne derjenigen, die arbeitsfähig sind, zu subventionieren, schreibt Michael J. Boskin.

Michael J. Boskin
«Es besteht nicht viel Spielraum für eine deutliche Ausweitung des Sozialstaats, ohne dass Wirtschaftswachstum und Generationengerechtigkeit ernstlich leiden würden.»

Die Ungleichheit hat in den vergangenen Jahren immer mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dies spiegelt sich überall – in päpstlichen Enzykliken und wirtschaftswissenschaftlichen Werken französischer Sozialisten ebenso wie in technischen universitären Debatten und volkstümlichen Formulierungen von Politikern und Kommentatoren. Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-Pandemie haben diese Sorgen weiter verstärkt.

Doch über welchen Aspekt der Ungleichheit sollten wir uns sorgen? Es gibt Ungleichheiten bei Chancen und Ungleichheiten bei Ergebnissen, übergreifende Ungleichheit und Ungleichheit in den Randbereichen der Verteilung. Sollten wir uns mehr um absolute oder relative Positionen – Mobilität oder Stabilität – sorgen? Was ist wirklich wichtiger: Die Verteilung des wirtschaftlichen Kuchens oder Niveau und Verbesserung des Lebensstandards?

In China hat sich die Ungleichheit während der vergangenen vier Jahrzehnte steil erhöht, während zugleich hunderte Millionen Menschen aus schlimmster Armut befreit wurden. In den USA ist das BIP pro Kopf nach Steuern heute 50% höher als im weniger ungleichen Dänemark und Schweden, wo höhere Steuern enorme Sozialsysteme finanzieren. Unter den US-Bundesstaaten hat Kalifornien – nach Korrekturen zur Berücksichtigung seiner um 20% höheren Haushaltsgrösse und um 15% höheren Lebenskosten – die höchste Armutsrate.

Arbeitsanteil am Volkseinkommen sinkt

Darüber hinaus sind Konsum und verfügbares Einkommen deutlich weniger ungleich als die viel zitierten Markteinkommen. Über einen längeren Zeitraum genommene durchschnittliche Messwerte zeigen tendenziell weniger Ungleichheit, was die Tatsache spiegelt, dass viele Menschen nur zeitweilig arm oder reich sind. Viele meiner Studenten haben derzeit ein geringes Einkommen, aber werden zu einem späteren Zeitpunkt fast mit Sicherheit sehr wohlhabend sein. Es überrascht nicht, dass Alters-Verdienst-Profile und Messgrössen für Vermögensakkumulation während des Lebenszyklus zu jedem beliebigen Zeitpunkt beträchtliche Ungleichheit zeigen. Alle Datenquellen haben Stärken und Schwächen, sei es die Stichprobengrösse oder -häufigkeit, die Auswahl der abgedeckten Elemente oder die Vergleichbarkeit (die im Fall internationaler Daten besonders relevant ist).

Ich habe, unter mir bestmöglicher Berücksichtigung dieser Faktoren, folgende Zusammenfassung der wichtigsten Trends bei der Ungleichheit in den USA in den letzten Jahrzehnten erstellt. Seit etwa 1980 sind die Gehälter für Arbeitnehmer mit besonderen Fertigkeiten deutlich, die (inflationsbereinigten) Reallöhne der geringer Qualifizierten dagegen langsamer gestiegen (was nicht mit einem Rückgang zu verwechseln ist). Dies spiegelt die Begünstigung qualifizierter Arbeitskräfte durch die technologische Entwicklung, die negativen Auswirkungen der Globalisierung auf weniger qualifizierte Arbeitnehmer und die Beschaffenheit von Angebot und Nachfrage bezüglich der Qualifikationen von Arbeitskräften.

Während dieses Zeitraums ist die Gesamtungleichheit in fast allen hochentwickelten Volkswirtschaften gestiegen (obwohl manche glauben, dass sich das umkehren wird), was nahelegt, dass die nationale Politik nicht die primäre Ursache für diesen Anstieg sein kann. In ähnlicher Weise ist der Arbeitsanteil am Volkseinkommen nach einer langen Phase der Stabilität in allen wichtigen Volkswirtschaften gesunken.

Soziale Mobilität geht zurück

Zugleich dürfte die soziale Mobilität, obwohl sie nach wie vor relativ hoch ist, zurückgegangen sein, und zwar auch zwischen den Generationen. Veränderungen bei der Gehaltsverteilung konzentrieren sich überwiegend in der oberen Hälfte, und obwohl es ganz oben eine relative Vermögenszunahme gegeben hat, ist diese geringer, als einige Kommentatoren behaupten.

Tatsächlich hat es eine enorme Zunahme bei Geld- und Sachtransfers gegeben. Ein Sechstel der US-Einkommen beruht auf derartigen Zahlungen, und in den Sozialstaaten Westeuropas ist der Anteil sogar noch höher. Amerikas ungedeckte Verbindlichkeiten aus staatlichen Pflichtleistungen betragen inzwischen ein Mehrfaches der ohnehin schon hohen Staatsverschuldung.

Während die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen (und noch stärker beim Konsum) beträchtlich bleibt, ist sie viel geringer als die Ungleichheit bei den Markteinkommen. Fügt man die Transferleistungen hinzu und zieht die Steuern ab, stellt man fest, dass das Einkommen der Top-1% in den USA um über ein Drittel fällt, während sich das der untersten 20% verdreifacht.

Flut sollte alle Boote heben

Schliesslich wurden bis vor kurzem bei der Bekämpfung der Armut nur begrenzte Fortschritte gemacht, und das, obwohl etliche Dutzend Programme mit Gesamtkosten von jährlich 1,2 Bio. $ neu aufgelegt wurden. In den drei Jahren vor der Covid-Krise jedoch ging das beschleunigte Wirtschaftswachstum mit einer Verringerung der Armut auf das niedrigste Niveau aller Zeiten einher. Die Medianeinkommen stiegen deutlich stärker als in den acht Jahren zuvor, und am stärksten stiegen die Löhne ganz unten. Das Einkommensgefälle zwischen Akademikern und Nichtakademikern verringerte sich, und das Gleiche gilt für das zwischen Weissen und Minderheiten.

Was sagen uns diese allgemeinen Trends? Der frühere US-Präsident John F. Kennedy hat einmal geäussert, dass die Flut alle Boote hebe. (Präziser wäre es, zu sagen, dass die Flut relativ gesehen die meisten Boote anhebt und die wenigsten auf Grund sitzend oder gesunken zurücklässt.) In einer im Wachstum befindlichen Volkswirtschaft sind das absolute Wohl derjenigen weit oben und derjenigen weit unten positiv korreliert; die wichtigsten politischen Massnahmen, die man verfolgen sollte, sind daher die, die ein starkes Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung fördern.

In diesem Kontext besteht nicht viel Spielraum für eine deutliche Ausweitung des Sozialstaats, ohne dass Wirtschaftswachstum und Generationengerechtigkeit ernstlich leiden würden. Durch die immer grösseren ungedeckten Verbindlichkeiten für die Sozialversicherung, Medicare und ihre einzelstaatlichen und kommunalen Gegenstücke sowie die negativen Anreizeffekte höherer expliziter und impliziter Steuern (welche die Rate spiegeln, mit der die Empfänger angesichts steigender Einkommen Sozialleistungen verlieren) sind jeder derartigen Ausweitung Grenzen gesetzt.

Reformen erforderlich

Durch Konsolidierung, Modernisierung und gezieltere Ausrichtung der bestehenden Programme könnten die USA Mittel für die dringendsten Erfordernisse freisetzen. Die Bundesregierung braucht keine 47 beruflichen Weiterbildungsprogramme in neun Behörden, die pro Jahr rund 20 Mrd. $ kosten und wenig bringen. Genauso könnte man durch Verlangsamung der Zunahme der Ausgaben für die Sozialversicherung für jene, die bereits über beträchtliche andere Mittel verfügen, die Notwendigkeit künftiger Steuererhöhungen verringern und dazu beitragen, Präsident Franklin D. Roosevelts ursprüngliches Ziel zu erreichen, ein gewisses «Mass an Absicherung … gegen Altersarmut» zu gewährleisten.

Zudem können Bildungsreformen wie die Ausweitung der freien Schulwahl und die Bezahlung nach Leistung die Chancen benachteiligter Kinder verbessern. Die Besteuerung von Wirtschaftsaktivitäten und Personen auf breiterer Basis kann die Steuersätze niedrig halten und trotzdem für die ausreichende Finanzierung der notwendigen staatlichen Funktionen sorgen.

Während einige Linke und libertäre Rechte auf ein universelles Grundeinkommen drängen, wäre es viel besser, schlicht die niedrigen Löhne derjenigen, die arbeitsfähig sind, zu subventionieren. Das würde die Einkommen erhöhen, stärkere Anreize zur Arbeit schaffen und mehr Menschen auf die wirtschaftliche Leiter bringen als hohe Mindestlöhne, die die Menschen durch zu hohe Kosten aus dem Arbeitsmarkt drängen und von Sozialleistungen abhängig machen. Während die direkten Kosten von Lohnsubventionen erheblich wären, würde dies durch die Verringerung der Zahlungen aus bestehenden Programmen weitgehend ausgeglichen.

Es ist Zeit, die Macht des Markts statt des Staats einzuspannen. Auf diese Weise werden wir Abhängigkeit durch Chancen und die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg ersetzen.

Copyright: Project Syndicate.