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«Die Schulden sind das grösste Wachstumsrisiko»

Marie Owens Thomsen, Chefökonomin bei Indosuez Wealth Management, rät Investoren zur Vorsicht. Interessant seien Aktien der Sektoren Technologie und Gesundheit.

Frau Owens, die globale Unsicherheit ist gross. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel hat vergangene Woche seine Konjunkturprognose für 2019 um 0,1 Prozentpunkte auf 3,2% gesenkt. Auslöser sei vor allem der Handelskrieg zwischen den USA und China. Was sind weitere Abwärtsrisiken für das globale Wachstum?
Der Handelskrieg ist nicht nur eine Angelegenheit zwischen Washington und Peking. Dadurch nimmt zwischen den Staaten der Protektionismus zu, und wir alle werden dafür einen Preis zahlen müssen. Für uns ist jedoch die Verschuldung das grösste Problem. Sie ist auf rekordverdächtige Höhe gestiegen. Es zeigen sich allerdings regionale Unterschiede. Während sich im Westen vor allem die Staaten verschuldet haben, sind es in Schwellenländern  hauptsächlich die Unternehmen.

Vor allem die Verschuldung der Staaten ist als Thema bereits vor längerem in der Öffentlichkeit angekommen. Seit der Wirtschaftskrise 2008/09 leben wir nun schon damit. Zu welchen wirtschaftlichen Konsequenzen führt diese Entwicklung?
Durch die hohe Verschuldung kann sich das Wirtschaftswachstum verlangsamen. Die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff argumentieren ja in einem bekannten Aufsatz, dass, wenn die Schulden eines Staates die Schwelle von 90% seiner Wirtschaftsleistung überschreiten, das BIP langsamer wächst. Ich bin da etwas kritischer. Für mich ist es zu dogmatisch, einen einzelnen Wert dafür anzunehmen.

Was wäre denn sinnvoller: Sollte statt eines einzigen Werts ein gewisser Zielkorridor für die Verschuldung festgelegt werden?
Es ist nur bedingt hilfreich, wenn versucht wird, sämtliche Probleme auf eine einzige Variable zu reduzieren. Zahlreiche Marktteilnehmer versuchen dies. Die Realität ist aber ungleich komplexer. Deswegen bin ich gegen einen einzigen Wert, anhand dessen die Schulden bewertet werden. Es gibt keine Einheitsgrösse, die für alle passt.

Was müssen Investoren somit bei den Schulden beachten?
Geht es darum, die Tragfähigkeit der Schulden eines Staates zu beurteilen, ist wichtig zu wissen, in welcher Währung die Schuldtitel emittiert worden sind und von wem sie gehalten werden. Es macht einen Unterschied, ob Schulden in der Landes- oder in Fremdwährung ausgegeben wurden und ob sie von heimischen oder ausländischen Investoren gehalten werden. Ein Beispiel dafür ist Japan, wo die Schulden vor allem im Inland gehalten werden. Da gibt es keine Probleme mit der Refinanzierung. Nützlich ist zudem, wenn nicht nur die relativen, sondern auch die absoluten Zahlen in die Beurteilung einbezogen werden. Wenn ich auf einer Konferenz auftrete, frage ich meine Zuhörer oft, ob sie wissen, welches Land am stärksten verschuldet ist. Meist lautet die Antwort dann Japan. Das Land ist mit 240% des BIP verschuldet. In absoluten Zahlen sind es allerdings die USA. Dadurch entsteht ein anderes Bild.

Letztlich sollten sich Anleger aber für eine Investition entscheiden können.
Wenn wir uns für eine Anlagemöglichkeit entscheiden, versuchen wir, das Thema von allen Seiten zu betrachten. Wir helfen auch unseren Kunden dabei, damit sie sich auf die wichtigsten Faktoren, die die Entscheidung beeinflussen könnten, konzentrieren können. Manchmal ist das nicht ganz einfach. Was ich bei EZB-Präsident Mario Draghi zum Beispiel immer vermisst habe, ist etwas mehr Farbe, mehr Informationen. Auch wenn er sonst ein herausragender Gouverneur der EZB war und ist. Aber ich hätte trotzdem etwas besser verstehen wollen, warum die EZB der Meinung ist, dass das Inflationsziel bei 2% liegen soll, auch wenn die Inflation aktuell unter diesem Wert notiert.

Apropos Inflation: Im Mai 2019 betrug sie in der Eurozone 1,2%, das ist der tiefste Wert seit einem Jahr. Es gibt Stimmen, die ein Ankurbeln der Inflation fordern. An welchem Punkt sagen Sie, jetzt ist die Inflation zu tief?
Solange der Konjunkturzyklus positiv ist, gibt es so etwas wie eine zu tiefe Inflation überhaupt nicht. Anleger machen jedoch oft eine Verbindung zwischen sinkenden Preisen und einer Depression. Man hört «Deflation» und denkt «Krise». In Kombination mit einem konjunkturellen Abschwung sind sinkende Preise eine äusserst toxische Verbindung.

Wie sieht die Lage derzeit aus?
Der Kontext heute ist komplett anders. Es gibt zum Teil Deflation, etwa bei Halbfabrikaten, aber die Wirtschaft wächst. Die Zentralbanken sollten ihr Inflationsziel allerdings etwas weniger dogmatisch handhaben. Steigt die Inflation unter den aktuellen Bedingungen auf 2%, würde dies bedeuten, dass die Reallöhne sinken. Und das gilt es zu vermeiden. Ich will, dass die Menschen Geld in der Tasche haben. Das ist auch besser für die Wirtschaft.

Wie positionieren sich Investoren denn am besten in der derzeitigen Situation?
Die Verlangsamung der globalen Wirtschaft ist nicht wirklich positiv, aber es besteht auch keine Veranlassung, sämtliche Assets zu verkaufen und zu 100% in Cash zu gehen. In den ersten vier Monaten des Jahres sind die Preise aller Assetklassen rasch gestiegen, da kann es sich schon mal lohnen, etwas Gewinn mitzunehmen. Derzeit mahnen wir Anleger wegen des raschen Anstiegs der Kurse zur Vorsicht. Zum Schutz vor Kursverlusten empfehlen wir Futures oder Optionen. Auch Gold (Gold 1507.54 0.79%) ist eine Alternative, oder die Vergrösserung des Cash-Anteils im Portfolio.

Wie bewerten Sie die Qualität der verschiedenen Assets?
Investoren sollten jetzt darauf achten, die Qualität ihres Portfolios möglichst hoch zu halten und kontinuierlich zu verbessern. Risikoreichere Assets gilt es umzuschichten in qualitativ hochstehendere Anlagen. Zum Beispiel in solche mit höherem Kreditrating. Wegen der hohen Verschuldung vieler Gesellschaften machen uns Unternehmensanleihen im Moment jedoch etwas nervös.

Wenn ich doch in Unternehmen investieren will, wie erkenne ich solche, bei denen sich ein Engagement lohnt?
Das ist nicht ganz einfach. Ein solcher Prozess braucht Arbeit. Aber generell sind Unternehmen vorzuziehen, die über ausreichend Cashflow verfügen, um ihre Schulden zu bedienen. Für mich ist das die Mindestanforderung an Qualität.

Welche Sektoren, welche Trends bieten für Anleger interessante Möglichkeiten?
Einer der wichtigsten Trends, den sich Investoren anschauen sollten, ist der Technologiesektor. Auch abgesehen von Google (GOOGL 1188.48 -1%), Apple (AAPL 211.41 0.5%) oder Facebook (FB 184.132 -1.09%) existieren da interessante Möglichkeiten. Die Entwicklung des Sektors hat allerdings zwei Seiten: Dass immer weniger grosse Konzerne den Bereich dominieren, ist vom wirtschaftlichen Standpunkt her suboptimal. Das verringert den Wettbewerb, und die Konsumenten müssen möglicherweise Qualitätseinbussen in Kauf nehmen.

Wie sieht dies aus Sicht des Anlegers aus?
Vom Standpunkt des Investors ist die Entwicklung positiv. Die Konzerne schütten eine Dividende aus und haben hohes Wachstumspotenzial. Aufgeklärte Anleger können dieser Entwicklung jedoch durchaus etwas entgegensetzen, in neuere Unternehmen und Start-ups investieren und sie so unterstützen. Ein weiterer grosser Trend ist die demografische Entwicklung. Unternehmen aus dem Gesundheitswesen oder der Altenpflege sind ein gutes Investment, das unabhängig von der Konjunktur funktioniert.

Wie wichtig ist für Sie das Investieren in Unternehmen unter dem Fokus Nachhaltigkeit?
Der Klimawandel und seine Folgen sind ein grosses Risiko. Schaffen wir es nicht, ihn in den Griff zu bekommen, könnten in Zukunft unvorstellbar hohe Kosten auf uns zukommen. Die Wichtigkeit, in zukunftsrelevante Bereiche zu investieren, versuchen wir auch unseren Kunden zu vermitteln. Es ist allerdings schon so, dass es vor allem für Privatanleger heute ungleich schwieriger geworden ist als noch vor der Finanzkrise 2008/09. Heute ist die Komplexität der Finanzmärkte gestiegen. Das ist auch ein Problem vieler ETF. Anleger, denen Nachhaltigkeit wichtig ist, müssen sich bewusst sein, dass sie immer in den gesamten Index investieren. Ganz egal, ob da auch Titel dabei sind, die sie eigentlich gar nicht möchten. Wir empfehlen dagegen selektives Kaufen. Mit einem ETF ist das nicht möglich. Gerade wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht: Investiert man etwa in einen ETF, der den französischen Leitindex Cac 40 abbildet, ist vielen nicht klar, dass der Ölkonzern Total (FP 43.63 -1.41%) den grössten Anteil am Index hat.

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