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Ein Artikel aus dem Dossier Schweizerische Nationalbank
Märkte / Makro

«Die Schweiz ist Weltmeister in der Währungsmanipulation»

Der Leiter der Brüsseler Denkfabrik Ceps, Daniel Gros, hält im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» die Mindestkurspolitik der Schweizerischen Nationalbank für schädlich.

Die Schweizerische Nationalbank gerät international in die Kritik wegen ihrer Wechselkurspolitik. Seit einem Jahr garantiert sie, dass der Euro sich nicht unter 1.20 Fr. abwertet, und wendet dafür Milliardenbeträge auf.

In erster Linie kauft sie erstklassige Eurostaatsanleihen auf und parkt Guthaben bei der Deutschen Bundesbank. Damit verstärkt sie die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone, warnt die Ratingagentur Standard & Poor’s. Die Lösung der Eurokrise werde dadurch erschwert. Brasiliens Finanzminister spricht gar von einem globalen Währungskrieg. Auch Daniel Gros, Leiter des Brüsseler Thinktank Ceps, hält das Verhalten der Schweiz für schädlich, ist aber der Überzeugung, dass die Eurozone inzwischen das Schlimmste überstanden hat.

Herr Gros, ist es berechtigt, von einem weltweiten Währungskrieg zu sprechen?
Nein, es gibt einige Scharmützel. Die Überfälle, die stattfinden, werden nicht so sehr als feindlicher Akt wahrgenommen.

Wer beteiligt sich an der Währungs­manipulation?
In erster Linie die Schweiz.

Die USA pflegen den Dollar auch.
Nein, die USA manipulieren den Dollar nicht. Sie intervenieren nicht. Sie machen einfach ihre Politik und konzentrieren sich auf ihre eigenen Prioritäten.

Aber sie lassen zu, dass als Folge dieser Politik der Dollar schwach ist.
Das Einzige, was zählt, sind die Taten. Unter den Grossen intervenieren nur die Eurozone und das Federal Reserve nicht. Die Japaner hingegen ganz massiv, die Chinesen auch, und die

Schweizer sind Weltmeister relativ zu ihrer Grösse.

Die Nationalbank hat gute Gründe.
Die hat jeder. Die Schweiz will nur einen Leistungsbilanzüberschuss von 12 bis 13% des Bruttoinlandprodukts behalten. Das ist ihr «guter Grund».

Als kleine Volkswirtschaft ist die Schweiz wesentlich mehr vom Wechselkurs ­abhängig als beispielsweise China.
Warum soll eine kleine Volkswirtschaft einen höheren Aussenhandelsüberschuss haben als eine grosse? Das lässt sich nicht rechtfertigen.

Bisher hat die Schweiz sehr viel Kapital im Ausland reinvestiert. Das findet jetzt nicht mehr statt.
Das Merkmal eines Leistungsbilanzüberschusses ist, dass Kapital im Ausland angelegt wird. Die einzige Frage ist, ob das die Privaten tun oder der öffentliche Sektor. In der Vergangenheit investierten die Privaten im Ausland. Als sie kalte Füsse bekamen, überliessen sie das Risiko der Nationalbank. Deshalb ist die SNB (SNBN 2140 -0.37%) da ganz gross eingestiegen.

Es ist aber auch viel Geld wegen der ­Eurokrise in die Schweiz geflossen und hat für Aufwertungsdruck gesorgt.
Ich glaube nicht, dass man ohne weiteres von einem massiven Zufluss von heissem Kapital sprechen kann. Die Schweiz hat viel mehr in Aussenhandelsüberschüssen angehäuft.

Hat die Nationalbank also nicht richtig gehandelt, als sie vor einem Jahr den ­Mindestkurs eingeführt hat?
Das kommt darauf an, aus welchem Blickwinkel man den Entscheid betrachtet. Aus der Sicht der Schweiz hat sie das Richtige getan. Und sie hat das hervorragend dargestellt: nicht als Überfall auf die Eurozone, sondern als Selbstverteidigung ge­gen böse Spekulanten. Aber aus der Sicht der restlichen Welt lässt sich das Verhalten schlecht rechtfertigen, solange sie über einen rekordhohen Leistungsbilanzüberschuss verfügt.

Sie sprechen von einem Überfall auf die Eurozone. Standard & Poor’s hat diese ­Woche den Vorwurf erhoben, die Schweiz forciere über die Käufe von Euroanleihen zur Schwächung des Frankens letztlich das Auseinanderdriften innerhalb der Währungsunion zwischen Kern und Peripherie. Stimmt dieses Urteil?
Ja, das sehe ich genauso. Denn die Schweiz investiert ja nur in Hartwährungsanlagen und vergrössert damit die Target-Ungleichgewichte der Deutschen Bundesbank. Indem die SNB über 300 Mrd. Fr. in die Eurozone gepumpt hat, hat sie das ­Ungleichgewicht im Euroraum verstärkt. Es war nicht der einzige Grund, aber vielleicht ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ausserdem: 300 Mrd. Fr. sind mehr als ein Tropfen!

Sollte die Schweiz den Mindestkurs erhöhen oder aufgeben? Was soll sie machen?
Noch einmal: Das kommt auf die Sicht an. Für die Schweiz besteht natürlich das Interesse, so fortzufahren wie bisher.

Ist es wahrscheinlich, dass die Regie­rungen in der Eurozone die Schweiz ­ermahnen, zurückhaltender zu sein?
Das glaube ich nicht. Die Schweiz hat sich eine überzeugende Verteidigungslinie aufgebaut, indem sie argumentiert, man müsse Spekulanten abwehren, und 1.20 Fr./€ sei bereits viel zu hart. Aber sie will ja nur ihren Leistungsbilanzüberschuss verteidigen.

Sie sagen, ausser der Eurozone und den USA pflegen fast alle wichtigen Staaten den Aussenwert ihrer Währung. Sehen Sie Parallelen zu den Dreissigerjahren?
Nein, das war etwas ganz anderes. In den Dreissigerjahren wäre so etwas gar nicht schlecht gewesen, denn wenn jeder so handelt, führt das dazu, dass die Geldmengeninflation global zunimmt. Aber damals beteiligten sich nicht alle.

Hat also der gegenwärtige Abwertungswettlauf auch seine gute Seite, da die Geldmenge erhöht wird in Zeiten, in denen Deflation droht?
Ja, so lässt sich schon argumentieren. Nur: Es droht keine grosse Deflation. Die Währungsmanipulation, die sich gegenwärtig beobachten lässt, ist letztlich eine Nebenwirkung der weltweiten Bemühungen, die eigene Volkswirtschaft anzukurbeln.

Wie lange kann das so weitergehen? Gibt es Grenzen?
Nein, es gibt theoretisch keine Grenzen. Die Notenbanken könnten sich gegen­seitig hochschaukeln. Die EZB könnte im Gegenzug Franken oder auch Dollar kaufen. Aber das führt nicht weit.

Ganz grundsätzlich: Ist die Lösung der Eurokrise inzwischen auf dem richtigen Weg oder immer noch nicht?
Sie ist auf dem richtigen Weg, aber sie steht noch am Anfang des Weges.

Trotz Freigabe des Rettungsschirms ESM und Anleihenkäufen durch die EZB?
Die Bankenunion ist ein wesentliches Element. Und hier muss, um bei der Metapher zu bleiben, erst noch ein Weg durch den Dschungel gehauen werden. Man weiss ungefähr, wo dieser Pfad entlanglaufen sollte, aber es wird noch einige Zeit dauern, bis man sich in diesem Dschungel der Partikularinteressen durchsetzt. Es geht nicht darum, einen Zeitplan einzuhalten, sondern dass man es richtig macht. Da kann noch viel verkehrt laufen.

Zum Beispiel?
Die grösste Schwachstelle ist die Nichtverzahnung von Aufsicht und Abwicklung. Es kann künftig nicht sein, dass die Aufsicht bei der EZB liegt und die Abwicklung den nationalen Behörden überlassen wird. Man versucht sich zu einigen, aber es ist noch nichts entschieden. Die nationalen Behörden wollen ihre Gärten verteidigen.

Wie stufen Sie die wirtschaftspolitischen Reformen beispielsweise am Arbeitsmarkt ein, die die Regierungen Italiens und Spaniens durchgeführt haben?
Das ist natürlich nur der Anfang eines langen Weges. Deutschland benötigte dafür zehn Jahre. In den beiden Ländern wird das nicht anders sein. Es muss noch sehr viel mehr nachkommen, und die Länder müssen noch viel länger durchhalten.

Wie können diese Regierungen, ausser zu sparen und zu sanieren, in dieser Situation die Wirtschaft auch stimulieren?
Das können sie nicht. Das ist das Problem: Wenn eine Volkswirtschaft kein Geld mehr aus dem Ausland erhält, dann muss sie sich anpassen, sich reformieren und darauf warten, dass weltweit die Exporte steigen und die Wirtschaft erneut zu wachsen beginnt.

Ist ein Austritt Griechenlands noch ­wahrscheinlich?
Das wird jeden Tag unwahrscheinlicher.

Wie viele Mitglieder wird die Europäische Währungsunion in fünf Jahren zählen?
Das könnten durchaus ein paar mehr sein als heute.

Die Zinsen und die CDS-Prämien spiegeln die Lage derzeit also zu negativ?
Die heutige Situation erinnert mich an die Jahre 1992 bis 1995. Damals sagten die Finanzmärkte auch: Italien schafft das nie. Und sie lagen damit falsch.

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2 Kommentare zu ««Die Schweiz ist Weltmeister in der Währungsmanipulation»»

  • Peter Lieberherr sagt: 28.09.2012 – 19:21 Uhr

    Was für ein Schwachsinn aus der Denkfabrik, in erster Linie mache die Schweiz Währungskrieg. Es ist wohl eher umgekehrt: Der Euro-Raum hat über 500 Millionen Einwohner und der US-Dollar-Raum über 300 Millionen. Dem stehen im Schweizer-Franken-Raum 8 Millionen Einwohner gegenüber. Das ergibt ein Wirtschaftsmacht- oder Kriegsmacht-Verhältnis Schweiz gegen die “restliche Welt” von 800 : 8. Wenn 800 Millionen Weichwährungs-Bürger nur jeder 10o0 Franken als Sicherheit unterm Kopfkissen haben möchte, dann braucht’s dafür halt 800 Milliarden Franken!
    Es ist schon möglich, dass die USA und die EU ihre Währungen nicht pflegen, wieso sollten sie auch. Dafür wird im internationalen Finanzcasino auf Teufel komm raus manipuliert. Und Standard & Poor’s ist eine Speerspitze der internationalen Währungs- und Zinsspekulation. Um ihre Geschäfte betreiben zu können, hätten die Finanzakrobaten nur zu gerne einen frei manipulierbaren Schweizerfranken. Dem sagt man dann “Finanzmärkte” und ausbaden müsste das der Werkplatz Schweiz.
    Immerhin gibt Herr Daniel Gros zu, dass die SNB aus der Sicht der Schweiz das Richtige getan hat. Ich möchte der SNB dafür danken.

  • Ivana Uhler sagt: 28.09.2012 – 14:16 Uhr

    Das Kernproblem ist der Euro. Südeuropa’s Wirtschaft kann wegen des Euros gegenüber Nordeuropa nie konkurrenzfähig werden und muss zwangsläufig verarmen. Ohne Fiskalunion schafft eine gemeinsame Währung krasse und kontinuierlich wachsende Ungleichgewichte. Die Aufrechterhaltung des Euros wird letzlich nicht wie erhofft zur EU-Integration führen, sondern zur Destabilisierung und ernsthaften Auseinandersetzungen in Europa führen.
    Weil die nordeuropäischen Euro-Länder (z.B. mit tiefen Zinssätzen für ihre Verschuldung) kurzfristig auf Kosten von Südeuropa profitieren, werden sie weiterhin an der Fehlkonstruktion Euro festhalten. Solange bleibt der Schweiz keine Wahl und sie muss sich mit einem fixen Wechselkurs verteidigen.