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«Die Schweizer Banken sind viel zu teuer»

Jörg Sandrock, Chef der Schweizer Smartphone-Bank Neon, sagt, ein Konto koste hierzulande zu viel und der Wettbewerb unter den Finanzhäusern sei zu zahm.

Valentin Ade

Lange tat sich im Bereich des Mobile Banking wenig in der Schweiz, jetzt kommt Bewegung in den Markt (vgl. Text unten). Eines der neuen Angebote nennt sich Neon – ein gratis Bankkonto rein auf dem Smartphone. Neon-Gründer und -CEO Jörg Sandrock sagt im Interview, wo die Chancen seines Start-up in einem kleinen Markt liegen, wo die in- und die ausländische Konkurrenz lauert und was die Banken falsch machen.

Herr Sandrock, Sie richten sich mit einer Mobile-Banking-Lösung direkt an den Einzelkunden. Ist der Schweizer Markt nicht viel zu klein, um so als Start-up Erfolg zu haben?
Zugegeben, das Modell hat seine Tücken. Wenn wir uns mit einem Angebot an Unternehmen wenden würden, bräuchten wir weniger Kunden, damit unser Start-up zum Fliegen käme. Im Geschäft mit Einzelkunden haben wir höhere Werbekosten, wir sehen aber da eine grosse Chancen, weil wir glauben, dass Schweizer Banken ihre Kunden vernachlässigen.

Was liegt im Schweizer Retailbanking im Argen, wo sehen Sie Ihre Chance?
Die Leistungen der Banken in der Schweiz sind im Vergleich mit dem Ausland viel zu teuer. In Ländern wie Belgien, Deutschland oder Dänemark zahlen Sie keine Gebühren, in der Schweiz hingegen kostet ein simples Konto mit Karte oft über 100 Fr. im Jahr. Das kommt daher, dass der Wettbewerb hierzulande nicht besonders intensiv ist. In Grossbritannien zum Beispiel ist der Markt viel umkämpfter – die Entwicklung der Banken dort ist deshalb viel schneller. Die Schweizer Banken haben also gar keinen Anreiz, günstiger zu werden.

Glauben Sie die Banken können ihre Kosten im Tiefzinsumfeld überhaupt noch weiter senken?
Bestehende Banken sind natürlich gefangen in ihren Kostenstrukturen. Wir hingegen haben keine komplexe Führungsstruktur, keine komplexen Produkte, keine alte IT. Wir haben gerade Mal zehn Mitarbeiter, eine Bank in der Schweiz hat durchschnittlich ca. 500 Mitarbeiter. Wir bauen jetzt eine schlanke, einfache, sehr sichere App und geben die Kostenvorteile an die Kunden weiter.

Sie sagen, die Banken sind also nicht nur zu teuer, sie haben auch die Digitalisierung verschlafen?
Es gibt vielleicht ein paar wenige Banken in der Schweiz, die digitaler unterwegs sind als der Rest. Dazu zählen eine Grossbank und ein bis zwei Kantonalbanken, aber den Unterschied macht keine. Da können wir wirklich etwas verändern.

Was machen Sie denn so grundsätzlich anders als die andern?
Das klingt jetzt vielleicht paradox, aber wir bieten weniger. Wir haben keine Filialen – nur unsere App, auf die wir all unsere Kraft verwenden. Darüber bieten wir den Kunden ein einfaches, benutzerfreundliches Erlebnis. Da sind wir besser als jede Bank in der Schweiz, das messen und verbessern wir konstant.

Was bieten Sie den Kunden jetzt konkret?
Aktuell bieten wir Zahlungsverkehr ins In- und Ausland, eine Karte, Analysefunktionen auf Basis des Start-ups Contovista und Verwaltungsfunktionen. Geplant sind weitere Produkte, z. B. zu Anlage und Finanzierung oder mobiles Zahlen. Wir sind aktuell in der Betaphase und entwickeln die App mit unseren Kunden weiter.

Aber alles gratis bieten Sie sicher nicht, von irgendwas müssen Sie ja auch leben.
Wir bieten nicht alle Leistungen gratis. Der Kunde zahlt keine Konto- und keine Kartengebühren. Er zahlt allerdings, wenn er unsere Karte im Ausland nutzt, wie bei allen anderen Banken. Der Durchschnitt liegt da bei 3,8%, wir nehmen 3,3%. Wir sind also auch da günstiger als die Banken und transparenter als viele.

Kunden hierzulande wechseln grundsätzlich sehr selten die Bank. Macht Ihnen das keine Sorge?
Wir wussten von Beginn, dass die Wechselraten in der Schweiz niedriger sind als im Ausland. Was wir aber nicht unterschätzen dürfen: Über 600 000 Konten werden jährlich neu in der Schweiz eröffnet. Davon 200 000 von Zuzügern, 80 000 von 16-Jährigen und der Rest unter anderem von Leuten die innerhalb der Schweiz umziehen oder aus Unzufriedenheit oder anderen Gründen die Bank wechseln. Das sind unsere Zielgruppen und deren Zulauf spüren wir heute schon.

Wie viele Kunden haben Sie?
Das wollen wir noch nicht an die grosse Glocke hängen, die Zahl bewegt sich im vierstelligen Bereich. Wir haben den Zustrom sogar unterschätzt und mehr Kunden gewonnen zu geringeren Akquisitionskosten als erwartet. Die Betaphase begleiten wir nun darum gar nicht mehr mit Marketingmassnahmen. Wir gehen in den kommenden Wochen offiziell an den Start und wollen dann am Ende des Jahres der grösste Mobile-Banking-Anbieter in der Schweiz sein.

Lange tat sich wenig in Ihrem Bereich und plötzlich gibt es in der Schweiz nicht nur Sie, sondern beispielsweise Zak von der Bank Cler oder N26.
Das ist so. Zak ist das Angebot einer klassischen Bank, da wollen wir ja gerade die Kunden herholen. Die Blockchain-Bank Seba richtet sich eher an Firmenkunden. Und dann gibt es die ausländischen Smartphone-Banken, die jetzt in die Schweiz kommen. Zum einen die britische Revolut, die aber kein Bankkontoersatz ist, sondern primär eine Kreditkarte, mit der man günstig im Ausland bezahlen kann. Das greift aber unsere Ertragsquelle an. Zum andern ist da N26, eine richtig grosse Mobile Bank aus Deutschland.

Ist das Ihr grösster Konkurrent?
Die haben grosse Märkte im Fokus. Sie kommen aus Deutschland, sind nach Grossbritannien und in die EU, wollen nun in den USA durchstarten. Nach meinem Verständnis kommen sie in die Schweiz mit einem deutschen Konto. Sprich Schweizer Kunden werden sich ein ausländisches Konto zulegen, wenn sie N26 nutzen. Wie weit spezifische Funktionen wie der Einzahlungsschein vorgesehen sind, weiss ich nicht. Wir kommen aus der Schweiz und bieten Schweizer Mobile Banking.

Jetzt sind Sie mit den Banken hart ins Gericht gegangen. Sie sind aber auf eine dieser Banken angewiesen. Ihre Kunden haben ihre Konten nämlich bei der Hypothekarbank Lenzburg.
Die Hypi ist unser Bankenpartner, weil wir selbst keine Banklizenz haben. Das wäre für den Start viel zu teuer und zu langwierig gewesen. N26 hat das am Anfang in Deutschland mit der Partnerschaft mit Wirecard (WDI 148.85 1.74%) genauso gemacht, bevor sie die deutsche Banklizenz bekommen haben.

Dann bin ich im Endeffekt nicht Neon-Kunde, sondern Hypi-Kunde?
Vertraglich gesehen, ist die Hypi der Kontogeber, Neon ist die App, die der Kunde zur Verwaltung des Kontos nutzt. Die Konten fallen unter die Einlagensicherung. Gegenüber dem Kunden tritt die Hypi aber nicht direkt auf, sondern über die Neon-App.

Sie bieten ein Konkurrenzprodukt zur Hypi und die Bank hebt Ihnen einfach so den Steigbügel hin?
Als IT-Dienstleisterin ist das genau das Geschäft der Hypi, die rund zehn weiteren Finanzdienstleistern ihre Bank-IT zur Verfügung stellt. Auf der anderen Seite sind wir im Kanton Aargau ein Konkurrent der Hypi. Aber das hält sie aus, sie stellt sich dem Wettbewerb, der wie gesagt in der Schweiz noch relativ zahm ist. Und was wäre denn die Alternative für die Bank: Wir oder andere würden es sonst womöglich mit einem anderen Partner machen.

Sollten Sie wirklich Erfolg in der Schweiz haben, steht dann als nächstes die Auslandexpansion an?
Daran denken wir aktuell nicht. Es könnte irgendwann eine Option sein. Wir könnten in Märkte gehen, wo andere mobile Banken noch nicht sind. Im südosteuropäischen Raum oder auch dem Nahen Osten ist Banking noch sehr teuer. In unserer Strategie sind wir aber klar auf die Schweiz fokussiert. Wir glauben, dass der Schweizer Markt gross genug ist, um unser Geschäftsmodell profitabel betreiben zu können.

Der EU-Marktzugang, den sich die Schweizer Banken wünschen, spielt für Sie also keine Rolle?
Für uns ist das momentan kein Problem. Ich sehe es aber kritisch bei ausländischen Start-ups, die in die Schweiz möchten aber nicht der Schweizer Einlagensicherung unterstehen. Hier müsste die Finma entsprechend reagieren.

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