Meinungen

Die SNB-Aktie ist ein gefährliches Kuriosum

Dass die Schweizerische Nationalbank kotiert ist, nützt niemandem – und führt zu Missverständnissen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Alexander Trentin.

«Das Potenzial für Missverständnisse ist nun zu Tage getreten.»

Für einige Anleger war es eine Verlockung, der sie nicht widerstehen konnten: Anteile der Schweizerischen Nationalbank werden – als eine von wenigen Zentralbankaktien weltweit – an der Börse gehandelt.

Die Argumente, die SNB-Aktie zu kaufen, waren bestechend. Die Hüterin des Frankens ist weltweit als Symbol der Stabilität bekannt. Wenn es im Weltgefüge kracht, profitiert der Franken. Als Aktionär kann man sich als Mitbesitzer des riesigen, weltweit diversifizierten Anlageportfolios fühlen. Immerhin berichten Medien oft darüber, welche Milliardensummen die SNB etwa in Technologievaloren wie Apple und Facebook gesteckt hat. Und eine Dividende von einem schweizerischen Staatsorgan zu bekommen, hört sich danach an, die Negativzinsen auf clevere Weise zu schlagen.

Angefeuert durch Empfehlungen deutscher Börsenbriefe hat sich der Kurs im Jahr 2018 zeitweise verdoppelt – um dann bis Ende Jahr auf das Ursprungsniveau zu sinken. Wer den Titel auf dem Höchst gekauft hat, für den muss die Anpreisung der SNB-Aktie als sicherer Hafen wie ein Hohn klingen.

Dividende lockt

Zwar zahlt die SNB regelmässig eine Dividende aus, doch ist sie für Privatanleger gesetzlich begrenzt. Die aktuelle Dividendenrendite beträgt 0,4%. Und anders als bei schweizerischen Staatsanleihen ist kein Laufzeitende vorgesehen, an dem ein Nominalwert zurückgezahlt wird.

Noch wichtiger: Die Nationalbank ist nicht wie andere Aktiengesellschaften dem Wohl des Aktionärs verpflichtet, sondern der Erfüllung ihrer geldpolitischen Aufgaben. Wenn diese Aufgaben es verlangen, dass sie einen Verlust auf ihr Anlageportfolio einfährt, dann werden Bedenken wegen des Gewinns hintenanstehen.

Die Kurskapriolen der Nationalbank haben aber nichts mit ihrem Geschäftserfolg zu tun. Dahinter stecken nur spekulative Käufe. Doch dies kann von aussen einen anderen Eindruck erwecken: Die Notenbank scheint etwas falsch zu machen, wenn sie von den Finanzmärkten so abgestraft wird.

Auf sozialen Medien wurde der Kursverlust gar als Argument angeführt, sich als Land nicht auf das Wagnis einzulassen, einen grossen Staatsfonds aufzubauen. Und wer die Gesetzeslage nicht kennt, der könnte angesichts der zunehmenden Berichterstattung über die SNB-Aktie denken, dass die Privataktionäre die schweizerische Geldpolitik mitbestimmen dürfen.

Grosse Missverständnisse

Dieses Potenzial für Missverständnisse ist nun offen zu Tage getreten. Die Aktie der Nationalbank war bisher nur ein Kuriosum – nun ist sie eine echte Gefahr für die Glaubwürdigkeit und die Kommunikation der schweizerischen Geldpolitik.

Dabei hat die SNB nichts davon, dass ihr Eigenkapital teilweise von privaten Anlegern getragen wird. Für die Durchführung ihrer geld- und währungspolitischen Entscheidungen ist das Kapital irrelevant. Die Nationalbank kann nicht pleitegehen: Ihre Verbindlichkeiten sind in Franken, die sie beliebig drucken kann. Wegen der Form der Aktiengesellschaft kann aber gerade erst das Missverständnis auftreten, dass die SNB auf Kapitalgeber angewiesen ist.

Argumente für die Beibehaltung der Kotierung und die Form der Aktiengesellschaft sind nicht besonders überzeugend. So ist momentan die Verteilung des SNB-Gewinns auf die Kantone, einzelne Kantonalbanken und den Bund über die Aktien festgelegt. Man könnte sie aber auch im Gesetz mit einem Verteilungsschlüssel regeln.

Als weiteres Argument für die Kotierung könnte man anführen, dass sich die Nationalbank bei den Generalversammlungen der Öffentlichkeit stellen muss. Doch Vertreter der SNB erzählen auf den Aktionärstreffen nichts, was sie nicht auch auf anderen Foren sagen könnten. Und wenn sich die Nationalbank der Bevölkerung stellen will, sollte sie besser andere Formen der Kommunikation versuchen. So hat der Chef der Bank of England, Mark Carney, per Lotterie ganz normale Bürger zu einem Essen eingeladen und sich mit ihnen persönlich unterhalten.

Abfindung könnte teuer werden

Auch wenn man die SNB-Aktie für nicht wünschenswert hält, könnte man argumentieren, dass ihre Abschaffung zu teuer ist. So hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel – bekannt als Zentralbank der Zentralbanken – versucht, ihre privaten Aktionäre auszuzahlen. Am Ende musste sie nach einem Rechtsstreit deutlich mehr bezahlen, als eigentlich vorgesehen war.

Wenn sich die Schweiz entscheidet, die privaten Aktionäre auszuzahlen, könnte der SNB das Gleiche blühen. Werden Überlegungen bekannt, die Aktie zu dekotieren, könnte der Kurs erst recht in die Höhe schiessen – in Spekulation auf eine dicke Abfindung.

Dieses Argument war bisher am schlüssigsten: Warum sollte man die Kosten einer institutionellen Veränderung akzeptieren, wenn es mit der SNB als Pseudo-AG bisher ganz gut funktioniert hat? Die Kursvolatilität im Jahr 2018 hat allerdings gezeigt, dass die Aktie eben nicht mehr nur eine harmlose Besonderheit ist.

Die Zentralbanken weltweit stehen immer noch vor grossen Herausforderungen, den richtigen geldpolitischen Kurs zu finden und ihn wirksam der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Eine Verkomplizierung, wie die SNB-Aktie sie darstellt, stört dabei nur.

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