Meinungen

Die SNB fliegt auf Sicht

Die drei bisherigen Kanäle der Schweizer Geldpolitik werden weiter benützt. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.

«Die Nationalbank konzentriert sich momentan voll darauf, pragmatisch und zeitnah zu helfen, damit die Schweizer Wirtschaft so bald wie möglich wieder auf die Beine kommt.»

Die Nationalbank steht weiter bereit, die Wirtschaft mit Liquidität zu versorgen. Die Geldpolitik bleibt expansiv und wird über die drei bisherigen Kanäle umgesetzt: negative Zinsen, Deviseninterventionen und die Fortsetzung der Covid-19-Refinanzierungsfazilität. Das Auffälligste an der vierteljährlichen Lagebeurteilung war, wozu die drei Direktoriumsmitglieder nichts gesagt haben: Die sonst von Notenbankern so geliebte Forward Guidance haben sie ganz unter den Tisch fallen lassen.

Das ist verständlich. Dass die Zinsen auf Jahre hinaus nicht steigen werden, ist allen bewusst. Nach den deutlichen Worten aus der Europäischen Zentralbank und dem Federal Reserve – dessen Vorsitzender letzte Woche gar konstatiert hat, dass es selbst dafür zu früh sei, darüber nachzudenken, ob man darüber nachdenken solle, die Leitzinsen zu erhöhen – müssen die Währungshüter hierzulande dem nichts mehr hinzufügen. Autonom in ihren Zinsentscheiden ist die SNB (SNBN 4870 -0.2%) de facto sowieso nicht mehr.

Es gibt noch einen zweiten Grund, warum die SNB in Sachen Zukunft so wortkarg geworden ist. Der wirtschaftliche Ausblick ist schlichtweg zu ungewiss. Den grossen Teil des Communiqués nehmen die Ausführungen über die Konjunktur weltweit und in der Schweiz ein. Bei der Inflationsentwicklung liefert die SNB immerhin eine Prognose. Die nationale Teuerung bleibt demnach auch nächstes Jahr im Minus (2020: –0,7%, 2021: –0,2%). Erst 2022 soll sie mit +0,2% wieder leicht inflationär wirken.

Unklar ist der Ausblick für das Bruttoinlandprodukt. Immerhin geht die SNB international davon aus, dass «weitere Lockerungsschritte zu einer deutlichen Erholung der Konjunktur im dritten Quartal beitragen dürften». Für die Schweiz erwartet sie, dass sich nach dem schweren Einbruch (2020: –6%) die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte belebt und «in einem deutlich positiven Wachstum im Jahr 2021 zum Ausdruck kommen dürfte».

Aber der Ausblick sei mit grosser Unsicherheit in beide Richtungen verbunden. «Einerseits könnten weitere Ansteckungswellen oder handelspolitische Spannungen die Konjunkturentwicklung zusätzlich beeinträchtigen. Andererseits könnten die in vielen Ländern getroffenen bedeutenden geld- und fiskalpolitischen Massnahmen die Erholung stärker stützen als angenommen.» Die SNB fliegt daher auf Sicht. Sie konzentriert sich momentan voll darauf, pragmatisch und zeitnah zu helfen, damit die Schweizer Wirtschaft so bald wie möglich wieder auf die Beine kommt. Sie flankiert dabei den Bund. Alles andere ist in dieser kritischen Lage Nebensache.

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