Märkte / Devisen

«Die SNB hat keinen Grund, den Mindestkurs anzupassen»

Ian Stannard, Leiter Währungsstrategie Europa von Morgan Stanley, erwartet nicht, dass China den Renminbi abwertet. Die Wechselkurspolitik der SNB sei glaubwürdig.

Herr Stannard, die Notenbanken in Indien, der Türkei und Südafrika haben die Leitzinsen erhöht, um den Verfall ihrer Währung zu stoppen. Ist das sinnvoll?
Für Zentralbanken ist es schwierig, auf eine solche Schwäche zu reagieren. Mit Zinserhöhungen wollen sie die Währungs- und die Finanzmärkte stabilisieren. Um die grundlegenden volkswirtschaftlichen Probleme zu lösen, wären aber ganz andere Massnahmen notwendig.

Werden die Schwellenländerwährungen weiter fallen?
Diese Gefahr besteht. Der weitere Verlauf hängt von der inländischen Reaktion ab.

Ist das tiefere Niveau dieser Währungen für Investoren bereits günstig?
Da rate ich zu grosser Vorsicht. Besonders für Länder, die ein Defizit im Aussenhandel haben und auf Kapitalzufluss angewiesen sind, besteht ein Problem.

Besteht Ansteckungsgefahr für die Währungen der Industrieländer?
Ein Übertragungskanal läuft über den japanischen Yen. Er ist vermehrt für Zinsdifferenzgeschäfte verwendet worden, sogenannte Carry Trades: Ein Investor leiht sich zu einem geringen Kreditzins Yen, verkauft den Betrag am Devisenmarkt gegen eine andere asiatische Währung und investiert dort in höher verzinsliche Papiere. Das hat den Yen geschwächt.

Wie funktioniert nun die Übertragung?
Ein Risiko geht von Chinas Wirtschaft aus, sie könnte langsamer wachsen als erwartet, wegen des inländischen Schuldenabbaus und der Neuausrichtung weg von Infrastrukturbauten hin zu mehr Konsum. Das würde das Wachstum in anderen asiatischen Ländern beeinträchtigen und ihre Währungen schwächen. Deshalb würden Carry Trades aufgelöst, und der Yen würde stärker – nicht etwa weil er als sicherer Hafen dient. Gemäss diesem Szenario prognostizieren wir kurzfristig eine Aufwertung des Yens gegenüber dem Dollar. Das dürfte die stärkste Übertragung zu den Industrieländerwährungen sein.

Um den Export und damit die Wirtschaft zu stützen, könnte China den Renminbi schwächen.
China hat die geldpolitischen Bedingungen gestrafft, sowohl mit höheren Zinsen als auch mit einer Aufwertung des Renminbis. Das gehört zur Neuausrichtung der Wirtschaft und dürfte beibehalten werden.

Bleibt China mit einem stärkeren Renminbi konkurrenzfähig?
Der Handel mit Gütern und Dienstleistungen in der Region ist wichtig. Doch diesmal ist – im Unterschied zu früheren Konstellationen – der Dollar gegenüber asiatischen Währungen stärker. Das ist für den Handel ebenfalls wichtig und nimmt Abwertungsdruck weg.

Der Franken leidet unter Aufwertungsdruck und handelt etwas näher beim Mindestkurs zum Euro.
Das ist in solchen Turbulenzen an den Finanzmärkten zu erwarten. Der Wechselkurs ist aber innerhalb seiner Handelsspanne geblieben. Das zeigt, dass die Politik der Schweizerischen Nationalbank glaubwürdig ist.

Kritiker monieren, der faire Wechselkurs des Frankens zum Euro sei schon nahe am Mindestkurs.
Die Nationalbank hat keinen Grund, ihre Wechselkurspolitik zu ändern respektive den Mindestkurs anzupassen. Er ist erfolgreich, und die SNB (SNBN 5'300.00 -0.75%) hat viel Glaubwürdigkeit gewonnen. Der Abwärtsdruck auf die Inflation hält an, davor schützt die Kursgrenze. Allerdings hat sich der frühere Kapitalzufluss aus Europas Peripherieländern umgedreht in einen Abfluss. Wichtig ist die Entwicklung im Schweizerischen Immobilienmarkt.

Ist die Überhitzung am Häusermarkt eine Gefahr?
Wir rechnen damit, dass der erhöhte antizyklische Kapitalpuffer für die Banken wirkt und sie somit im Verlauf des Jahres weniger Hypothekarkredite vergeben. Bislang haben Schweizer Banken im Inland zunehmend Hypotheken gewährt, aber – im Rahmen der Konsolidierung ihrer Bilanzen – weniger Darlehen im Ausland vergeben. Das dürfte sich im zweiten Halbjahr umkehren. Dann wird der Franken schwächer: Der Wechselkurs wird zuerst gegenüber dem Dollar und dann auch zum Euro steigen.