Meinungen 10:55 - 16.03.2017

Die SNB tritt sich selbst auf die Füsse

«Die Sorge um den Euro flammt immer wieder auf, wegen ökonomischer Divergenzen oder politischer Zentrifugalkraft.»
Die Nationalbank lässt die Geldpolitik unverändert. Die Eingriffe am Devisenmarkt unterminieren aber die Wirkung des Negativzinses. Ein Kommentar von FuW-Ressortleiter Philippe Béguelin.
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Anleihe
Fremdmittelaufnahme am Kapitalmarkt . Anleihen können fix oder variabel verzinst werden. Die als Wertpapier ausgestalteten und somit handelbaren Bruchteile einer Anleihe werden Obligationen oder Bonds genannt.
Aufschwung
Wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung, Hochkonjunktur. Gegenteil: Rezession .
Aufwertung
Bewirkt einen grösseren Aussenwert der Währung, was Exporte verteuert und Importe vergünstigt.
Bilanz
Periodische Gegenüberstellung sämtlicher Aktiven und Passiven an einem Stichtag. Die Aktivseite gibt Aufschluss über die Verwendung der Mittel, während die Passivseite über die Beschaffung der Mittel (Finanzierung) orientiert. Teil des Geschäftsberichts .
Bundesanleihen
Wichtigstes Refinanzierungsinstrument und wichtigstes Schuldnersegment am Schweizer Anleihenmarkt. Die für die Liquiditätsbeschaffung verantwortliche Bundestresorerie refinanziert sich über Geldmarktbuchforderungen (GMBF ) sowie die Ausgabe oder die Aufstockung von Anleihen . Mit Ausnahme von August (und optionalen Terminen im April, November und Dezember) gibt sie am zweiten Dienstag jedes Monats gemäss Emissionskalender bekannt, welche Titel sie auszugeben gedenkt und ob eine Eigentranche zur späteren Plazierung am Kapitalmarkt vorgesehen ist. Investoren können bis zur Auktion am Mittwochmittag Gebote einreichen. Zugeteilt wird im Tenderverfahren , wobei sich die Tresorerie der Repoplattform der Eurex bedient. Die Federführung obliegt der SNB .
Deflation
Breit angelegter Rückgang des Preisniveaus in einer Volkswirtschaft , nicht nur in einzelnen Branchen (z. B. Informatik). In der Regel geht sie mit einer Rezession einher, weil es sich lohnt, Geld zu horten, statt zu investieren und zu konsumieren, da Güter und Dienstleitungen laufend günstiger werden und der Realzins unattraktiv hoch ist.
Devisen
Auf ausländische Währung lautende und im Ausland zahlbare Geldforderungen, insbesondere Bankguthaben, Checks und Wechsel. Allgemein auch ein Sammelbegriff für ausländische Währungen.
EZB
Zentralbank der EWU-Länder . Sie entscheidet über die Geldpolitik. Die Geld- und Währungspolitik wird zusammen mit den nationalen Zentralbanken (Europäisches System der Zentralbanken ) umgesetzt. Der wichtigste Leitzins der EZB ist der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte .
Eurozone
Von elf Staaten der Europäischen Union per 1. Januar 1999 realisierter Zusammenschluss (seit 2001 auch Griechenland, seit 2007 Slowenien, seit 2008 Malta und Zypern). Die Teilnehmer haben die geldpolitische Kompetenz der EZB übertragen. Die nationalen Währungen wurden gegeneinander (Wechselkursverhältnisse) und gegenüber der Einheitswährung Euro fixiert.
Fed
US-Zentralbanksystem, dem die zwölf Federal Reserve Banks angeschlossen sind. An der Spitze steht das Direktorium (Board) in Washington, das auch die Mehrheit im Offenmarktausschuss stellt, in dem über die Geldpolitik entschieden wird.
Geldpolitik
Massnahmen, mit denen die Zentralbanken die Zinsen am Geldmarkt (Leitzinsen ) und damit die Geldversorgung eines Landes oder Währungsraums steuern. Die meisten Zentralbanken, so auch die Schweizerische Nationalbank , sind bestrebt, die Preise stabil zu halten (vgl. Inflation , Deflation ) und der Wirtschaft Wachstum zu ermöglichen (vgl. quantitative Lockerung ).
Konjunktur
Oft synonym verwendet für die Lage der Gesamtwirtschaft. Die Forschung betont den zyklischen Verlauf des Wirtschaftswachstums (Aufschwung , Hochkonjunktur, Abschwung, Rezession , Depression). Im Englischen wird deshalb auch von Business Cycle gesprochen.
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Pari
Börsenkurs oder Emissionspreis , der dem Nennwert eines Wertpapiers entspricht. Ist ein Kurs über pari (d. h. über 100%), weist er ein Aufgeld auf.
Risiko
In der Finanzmarkttheorie wird das Risiko einer Anlage an den Ertragsschwankungen gemessen. Risiko und Ertrag stehen theoretisch in einem direkten Zusammenhang: Je höher das eingegangene Risiko ist, desto grösser sollte längerfristig der Ertrag der entsprechenden Anlage ausfallen (vgl. Risikomanagement ).
SNB
1907 gegründete Notenbank der Schweiz. Ihr Auftrag gemäss Nationalbankgesetz NBG ist, eine dem Gesamtinteresse des Landes dienliche Geldpolitik zu betreiben und insbesondere die Preisstabilität zu bewahren. Ausserdem hat sie zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Die SNB versorgt den Geldmarkt und damit das Finanzsystem über Repogeschäfte mit Liquidität, gewährleistet die Bargeldversorgung, verwaltet die Währungsreserven , vertritt die Schweiz zusammen mit dem Bund im IWF sowie in der Weltbank und fungiert als Hausbank der Eidgenossenschaft. Die SNB ist als spezialgesetzliche AG organisiert und an der SIX kotiert. Die Kantone halten die Mehrheit der Aktien , die Rechte der wenigen Privataktionäre werden auch vom NBG stark beschnitten, das z. B. die Höhe der Dividende limitiert. Organe der SNB sind der elfköpfige Bankrat als eine Art VR , das für die Geldpolitik verantwortliche ausführende dreiköpfige Direktorium als Geschäftsleitung , die GV und die Revisionsstelle .
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Wechselkurs
Gibt an, in welchem Verhältnis die Währung eines Landes gegen die Währung eines anderen Landes gewechselt werden kann (vgl. effektiver Wechselkurs ).
«Eidgenossen»
Wichtigstes Refinanzierungsinstrument und wichtigstes Schuldnersegment am Schweizer Anleihenmarkt. Die für die Liquiditätsbeschaffung verantwortliche Bundestresorerie refinanziert sich über Geldmarktbuchforderungen (GMBF ) sowie die Ausgabe oder die Aufstockung von Anleihen . Mit Ausnahme von August (und optionalen Terminen im April, November und Dezember) gibt sie am zweiten Dienstag jedes Monats gemäss Emissionskalender bekannt, welche Titel sie auszugeben gedenkt und ob eine Eigentranche zur späteren Plazierung am Kapitalmarkt vorgesehen ist. Investoren können bis zur Auktion am Mittwochmittag Gebote einreichen. Zugeteilt wird im Tenderverfahren , wobei sich die Tresorerie der Repoplattform der Eurex bedient. Die Federführung obliegt der SNB .

Es hilft alles nichts: Die Nationalbank bleibt gehörig unter Druck. Sie interveniert so umfangreich am Devisenmarkt wie zuletzt nach der Brexit-Abstimmung. Zwar ist die weltweite Konjunktur seit Herbst im Aufschwung, und die Deflationsgefahr scheint gebannt. Das Fed hat seine Furcht vor einem zu frühen Drosseln der Geldpolitik abgelegt und die Zinsen nach nur drei Monaten Pause hinaufgesetzt. Das stützt den Dollar und schwächt den Euro. Trotzdem bleibt der Franken insgesamt stark, und ohne die massiven Eingriffe der SNB wäre er noch stärker.

Die Nationalbank erklärte nach der vierteljährlichen geldpolitischen Lagebeurteilung am Donnerstag, der Negativzins bleibe auf –0,75%, und sie sei «bei Bedarf» weiterhin am Devisenmarkt aktiv. Immerhin handelte das Währungspaar am Vormittag auf 1.0705 Fr./€ und damit leicht über dem Kursniveau von 1.06 Fr./€ vom Februar.

Die Eurozone als Damoklesschwert 

Schuld am starken Franken sind die Konstruktionsfehler der Eurozone. Solange sie nicht behoben werden, flammt die Sorge um die Einheitswährung immer wieder auf, sei es wegen hoher Staatsschulden, ökonomischer Divergenzen oder politischer Zentrifugalkraft. Die latente Gefahr einer Eurokrise gleicht einem Damoklesschwert.

Als Antwort könnte die SNB den Negativzins verschärfen, doch das brächte wohl nur vorübergehend Erleichterung und hätte schlechte Nebenwirkungen. Je mehr Devisen sie aber kauft, desto schneller bläht sie ihre jetzt schon riesige Bilanz weiter auf.

Deutsche Bundesanleihen sind begehrt

Zudem kauft sie angesichts des politischen Risikos in Frankreich derzeit vermutlich vor allem deutsche Bundesanleihen. Das drückt deren Kurs nach oben und die Rendite nach unten. Tatsächlich ist der Marktzins für zweijährige deutsche Papiere am Montag unter die Rendite der zweijährigen «Eidgenossen» gesunken – das war zuletzt 2014 der Fall. Mit tieferen Marktzinsen in Deutschland schwindet der Zinsnachteil des Frankens, den die SNB mit dem Negativzins vergrössert hatte.

Mit den Eingriffen am Devisenmarkt drückt die SNB also das Zinsniveau in Deutschland herab. Sie tritt sich quasi selbst auf die Füsse.

Die Wirkung ist grösser, weil die Bedingungen derzeit ungünstig sind: Die Notenbanken aus Dänemark und Tschechien kaufen ebenfalls deutsche Bunds, um ihre Währung zu schwächen, die EZB führt ihr Anleihenkaufprogramm fort, ausländische Investoren etwa aus Japan schichten von französischen in deutsche Staatsanleihen um. Zudem macht Deutschland keine neuen Schulden und weitet also das Angebot an Staatsanleihen nicht aus.

Das alles schwächt den Euro, stärkt damit den Franken und führt tendenziell dazu, dass die SNB noch mehr interveniert. Es erinnert an einen Teufelskreis.

Der Druck auf den Franken bleibt

Da bleibt nur noch, weniger zu bremsen. Die Hoffnung der Schweizer Exporteure und Detailhändler auf Wechselkurse von 1.10 Fr./€ oder höher ist unrealistisch geworden. Die SNB muss wohl oder übel eine weitere Aufwertung zulassen – auch wenn sie das am Donnerstag an ihrer vierteljährlichen Lagebeurteilung nicht so geäussert hat.

Wir können hoffen, dass Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen in Frankreich nicht gewinnt und sich die Lage dann entspannt – zumindest bis das nächste Eurorisiko aufflammt. Wir müssen aber auch damit rechnen, dass der Franken nicht schwächer, sondern stärker wird und langsam, aber sicher die Parität zum Euro ansteuert.

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