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Märkte / Makro

Die South Sea Bubble von 1720

Aus dem genial klingenden Plan, die Staatsschulden Englands zu privatisieren, wird einer der grössten Betrugsfälle der Finanzhistorie.

Februar 1711: England braucht Geld. Seit zehn Jahren ist das Land in den Spanischen Erbfolgekrieg verwickelt und kämpft gegen Frankreich. Schatzkanzler Robert Harley ist verzweifelt, er weiss nicht, wie er die fälligen Soldzahlungen finanzieren soll.

In der Not wendet er sich an John Blunt, den Direktor der Hollow Sword Blade Company, einer inoffiziell agierenden Bank. Blunt führt mit grossem Erfolg zwei landesweite Lotterien durch, die die Staatskassen füllen.

Harley ist begeistert – und wenig später brütet er mit Blunt einen revolutionären Plan aus: Sie gründen eine Firma, deren Zweck es ist, Englands Schulden zu übernehmen. Im Herbst 1711 tritt die Firma in Aktion und übernimmt Staatsschulden im Wert von 9 Mio. £; Gläubiger dienen ihre illiquiden Schuldscheine an und werden zu Aktionären der Gesellschaft. Um nicht als blosses Investmentvehikel für den Staat zu erscheinen, erlangt die Firma das Monopol für den Handel mit Südamerika. Sie erhält ein nobles Haus an der Threadneedle Street und ein Wappen mit dem Motto «A Gadibus usque ad Auroram» – von Cádiz zur Morgenröte. Damit beginnt die Geschichte einer Firma, die als einer der grössten Skandale aller Zeiten in die Finanzhistorie eingehen wird. Ihr Name: The South Sea Company.

1. Vorbereitung des Coups

Zunächst geschieht: nichts. Die Company schlummert. Sie erhält Zinsen vom Staat und bezahlt diese als Dividenden aus, doch ansonsten bleibt sie inaktiv. England führt Krieg gegen Spanien, daher ist das Handelsmonopol mit den spanischen Kolonien Südamerikas nutzlos. Der Kurs der Aktien der South Sea Company, die in den Kaffeehäusern der Exchange Alley in London gehandelt werden, bewegt sich kaum.

1713 endet der Krieg, womit sich Geschäftsmöglichkeiten eröffnen. Die South Sea Company erhält von der spanischen Krone einen dreissigjährigen Vertrag, um Sklaven von Afrika nach Lateinamerika zu transportieren. Zudem darf sie pro Jahr eine Handelsfahrt unternehmen. Allerdings gelingt es der Company während Jahren nie, daraus Gewinne zu erzielen.

Erst das Jahr 1719 bringt Bewegung in die South Sea Company. Die Truppen des 1714 gekrönten Königs George I können in Schottland den letzten Putschversuch der Stuart-Dynastie auf den englischen Thron vereiteln. In London herrscht Aufbruchstimmung, die Konsumfreude steigt, und obwohl England seit 1718 abermals im Krieg mit Spanien steht, floriert der Welthandel – ausser freilich für die South Sea Company, die wieder keine Schiffe nach Lateinamerika schicken darf.

John Blunt, mittlerweile Direktor der Company, zeigt ohnehin kaum Interesse an den Handelsaktivitäten; sein Blick fällt auf Paris, wo der Schotte John Law mit der Mississippi Company das Finanzsystem revolutioniert. Nach dem Vorbild des Rivalen in Frankreich führt die South Sea Company im Sommer 1719 eine zweite erfolgreiche Umwandlung von Staatsanleihen in Aktien durch und bereitet gleichzeitig den grossen Wurf vor: die Übernahme aller Staatsschulden Englands.

2. Der König willigt ein

Anfang 1720 betragen die Staatsschulden Englands rund 50 Mio. £. Ein Viertel davon liegt bereits auf der Bilanz der South Sea Company. 31 Mio. £ liegen in den Händen des Publikums – und auf die hat es Blunt abgesehen. Er überzeugt Schatzkanzler John Aislabie von seinem Plan, und dieser präsentiert ihn dem Unterhaus. Anfang April 1720 geben das Oberhaus und der König ihren Segen. Blunt hat freie Bahn.

Wieso die Company die Staatsschulden übernehmen will, zeigt sich am Umtausch-Schema: Um 31 Mio. £ Schulden zu übernehmen, erhält die Company von der Regierung das Recht, 310 000 neue Aktien zu nominal 100 £ auszugeben. Der Tausch findet jedoch zum Marktwert der Aktien statt; liegt dieser über 100 £, muss die Company nicht alle Aktien für die Schuldenkonversion verwenden und darf sie auf dem Markt verkaufen. Jeden aus Aktienverkäufen eingenommenen Betrag, der über dem Nominalwert liegt, darf die Company als Gewinn verbuchen.

Die South Sea Company hat alles Interesse an einem möglichst hohen Aktienkurs, denn das erhöht die Gewinnchancen aus Aktienverkäufen. Also unternimmt Blunt alles, um den Aktienkurs zu steigern. Die Londoner machen mit. Und wie.

3. Fieber in London

Blunt spricht plötzlich von sagenhaften Geschäftsmöglichkeiten in Südamerika, von Gold- und Silberschätzen, die die South Sea Company ergattern kann. Der Aktienkurs beginnt zu steigen: Im Januar 1720 werden die Titel zu 128 £ gehandelt. Im März, nach der Präsentation des Schuldenumtausches, sind es bereits 330 £.

Am 14. April vollzieht die Company die erste von vier Tranchen der Schuldenumwandlung: Die Aktien werden zum Wert von 300 £ zum Tausch angeboten – und sind nach einer Stunde ausverkauft. Weil der Preis deutlich über dem Nominalwert liegt, verkauft die Company die überzähligen Aktien am Markt und realisiert einen satten Gewinn. Diesen nutzt Blunt, um eine Dividendenerhöhung anzukündigen.

Im Mai steigt der Kurs auf 550 £. Die zweite Schuldentauschtranche findet reissenden Absatz. Alle machen mit, vom Handwerker bis zum König persönlich. Blunt weiss: Je höher der Aktienkurs, desto höher der Gewinn für die Firma. Die South Sea Company gewährt Darlehen, mit denen Spekulanten Aktien kaufen können. Auch andere Banken und zahlreiche Goldschmiede gewähren freimütig Kredit.

Als im Juni der Kurs auf 1050 £ steigt, erreicht das Fieber in London den Siedepunkt. Die dritte Tranche wird zu 1000 £ je Aktie platziert; wieder macht George I mit. Der Dichter Jonathan Swift schreibt einem Freund: «Fragt man einen Londoner nach seiner Religion, antwortet er mit South Sea. Fragt man ihn nach der Politik oder dem Zustand der Wirtschaft, ist die Antwort immer dieselbe: South Sea.»

Die Euphorie äussert sich nicht nur in den South-Sea-Aktien. Zu Dutzenden formieren sich Gesellschaften und bringen ihre Aktien in den Handel. Diese in den Kaffeehäusern «Bubble Companies» genannten Gesellschaften präsentieren sich mit den abstrusesten Geschäftsideen; eine Firma wirbt gar mit einem «äusserst lukrativen Unterfangen, von dem niemand Kenntnis haben darf» um Anleger.

4. Die Insider verkaufen

Es kommt, wie es in Spekulationsblasen in den folgenden Jahrhunderten immer kommen wird. Still beginnen die Eingeweihten, ihre Aktien zu verkaufen. Blunt und die anderen Direktoren wissen, dass die South Sea Company keine Perspektiven in Südamerika hat und sich die Gewinnserie nur fortsetzen kann, wenn sie neue Aktien zu immer höheren Kursen verkaufen kann. Doch die vierte Aktienplatzierung im August wird zum Flop. Versierte Financiers aus den Niederlanden verkaufen. Dann geht es abwärts.

Im September kostet eine Aktie nur noch 175 £. Jetzt rächt es sich, dass viele Spekulanten Aktien auf Kredit erwarben. Sie können ihre Schulden nicht bedienen und müssen in Not verkaufen. Zu Dutzenden melden Goldschmiede den Bankrott an. Im September kollabiert Hollow Sword Blade, die Hausbank der South Sea Company. Tausende, vom Bauern bis zum König, sehen ihren Reichtum verdampfen. Sir Isaac Newton, der noch im Mai gesagt hatte, er könne «die Bewegungen der Himmelskörper berechnen, nicht jedoch den Wahnsinn der Menschen», verliert 20 000 £ (was heute rund 3 Mio. £ wären).

Für die zahlreichen Bubble Companies ist der Crash fatal: Von 190 überleben nur vier. Die Auswirkungen sind bis in die Eidgenossenschaft zu spüren: Das Bankhaus Malacrida und die Bank Samuel Müller in Bern kollabieren wegen Fehlspekulationen in London.

5. Der Dreck wird sichtbar

Nach dem Sturm wird der Dreck sichtbar. Eine Untersuchungskommission deckt auf, dass Schatzkanzler Aislabie sowie mehrere Lords und Unterhaus-Abgeordnete, ja sogar die Geliebte des Königs, Gratisaktien und Insiderinformationen der South Sea Company erhalten haben. Aislabie und mehrere Direktoren der Gesellschaft werden inhaftiert.

Im Dezember 1720 wird die Company in einer Notrettung von der Bank of England und der East India Company übernommen. Sie fristet fortan ein Randdasein in der Wirtschaftswelt, versucht sich im Sklavenhandel sowie in der Walfängerei. An die Reichtümer Lateinamerikas gelangt sie nie. 1853 wird die South Sea Company offiziell aufgelöst.

In ihrem noblen Haus an der Threadneedle Street befindet sich heute ein italienisches Restaurant des Starkochs Jamie Oliver. Nichts erinnert daran, dass hier einst die grösste Betrugsgesellschaft in der Geschichte Englands residiert hatte.

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