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Blogs / Fintech

Mehr Starbucks als Bankfiliale

Valentin Ade
Die Menschen gehen immer weniger zur Bank, jedes Jahr schliessen Filialen. Die Institute suchen nach neuen Wegen, ihre Niederlassungen am Leben zu halten.

Was haben Kirchen und Bankfilialen gemeinsam? Wir müssen gar nicht so weit gehen und den biblischen Begriff des Mammon bemühen – die einfache Antwort: Die Leute besuchen beide Orte immer weniger.

Die Kirche wird heute von den meisten Menschen vielleicht noch zu Taufe, Hochzeit und Tod visitiert – manchmal kommt noch eine Erstkommunion, Konfirmation oder Firmung dazu.

Die Bank betritt man heute zwar nicht für ganz so lebensverändernde Umstände, aber immerhin sind sie weitreichend: die Aufnahme einer Hypothek oder eines anderen Kredits, die Entscheidung für eine Anlage oder Altersvorsorge.

Dabei ist der Bargeldbezug am Bancomat nicht mitgezählt, dafür braucht es keine Filiale, keinen menschlichen Kontakt am Schalter mehr. Dabei war das einst der Hauptgrund für den Bankbesuch: Einzahlungen, Auszahlungen, Überweisungen.

Die ersteren zwei Dienstleistungen hat der Bancomat entmenschlicht. Letztere lässt sich heute bequem online erledigen. Und auch die oben genannten einschneidenden Ereignisse lassen sich heute ebenfalls schon am Computer oder via Smartphone erledigen. Die Digitalisierung hat den Bankbesuch zu einer Seltenheit werden lassen und wird die Besuche weiter reduzieren.

Frage nach der Daseinsberechtigung

Die Zahl der Filialen in der Schweiz sinkt denn auch seit Jahren kontinuierlich. Und wird wohl weiter sinken: Jedes Mal wenn ein Mietvertrag ausläuft, stelle man sich die Frage der Berechtigung der entsprechenden Niederlassung, sagt Roger von Mentlen, Chef des Retailkundengeschäfts und des Filialnetzes in der Schweiz bei UBS (UBSG 18.01 0.5%).

Grundsätzlich gilt die Schweiz im europäischen Vergleich als mit Bankfilialen überversorgt (engl.: overbanked). Auf 100’000 Einwohner haben fast nur grosse Flächenstaaten wie Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland mehr Bankniederlassungen als die kleine Eidgenossenschaft.

Die Schweizer Bankfiliale steht also zur Disposition. Bankmanager stellen sich seit geraumer Zeit die Frage, welche Daseinsberichtigung ihre teils immensen Präsenzen aus Beton und Glas noch haben, welche Dienstleistungen sie überhaupt noch erbringen sollen.

Kontakt per Video

Neben den Filialen, die UBS in der Vergangenheit geschlossen hat, führt die Grossbank heute zehn Kleinstgeschäftsstellen ohne Schalter (ehemals Ort für Ein- und Auszahlungen). Zudem testet sie in Effretikon eine Ein-Mann-Filiale, die nur ein paar Stunden pro Tag geöffnet ist.

Die Digitalisierung bedroht zwar das Überleben der Filiale, hilft dabei aber auch, ihr neue Formen zu geben. Beispiele sind die Niederlassungen von Raiffeisen in Alchenflüh, der Basellandschaftlichen Kantonalbank in Lausen oder von Valiant (VATN 105.9 -2.13%) in Brugg.

In diesen Filialen kommt Videotelefonie zum Einsatz. Der Kunde spricht mit einem Berater, der sich gar nicht vor Ort, sondern in einer der grösseren Niederlassungen kilometerweit entfernt befindet. Das hilft, kleinere bedrohte Präsenzen und damit die Marke der entsprechenden Bank vor Ort am Leben zu erhalten.

Gratis Internet und Kaffee

Die Zukunft der Filiale könnte sich aber sogar ganz von der heutigen modern wirkenden Gegenwart unterscheiden. Ein Beispiel bietet die UBS, mit ihrer Pop-up-Filiale in Winterthur, die sie seit Donnerstag dort testet. Der Raum an der Merkurstrasse, den die UBS zur Zwischennutzung bis Januar 2018 gemietet hat, erinnert nicht mehr an eine Bankfiliale.

Die Grossbank bietet hier vor allem für Studenten der nahegelegenen ZHAW Arbeitsplätze, gratis Internetzugang, einen Grossbildschirm für Präsentationen, eine Chill-out-Zone, Kaffeemaschine und Snacks. Der Raum versprüht mehr das Flair einer Filiale der Kaffeehauskette Starbucks als das einer Bank.

Junge UBS-Mitarbeiter, ausgestattet mit Tablet und Smartphone, sollen die Altersgenossen beiläufig auf das digitale Angebot der Grossbank für Studenten aufmerksam machen. Bereits die Zürcher Kantonalbank hat nach dem Umbau ihres Hauptsitzes an der Bahnhofstrasse einen Arbeitsbereich für jedermann geschaffen.

Die Basler Elisabethenkirche

Die Überlegung: Wenn die Kunden schon nicht mehr für Ein- und Auszahlungen in die Bank kommen, dann vielleicht wegen des Kaffees und des Gratisinternets. Die neue Filiale soll zum Eventraum werden. Vorträge, Diskussionen, Auftritte sollen die Menschen anlocken.

Kleinstfilialen, Videoniederlassungen, Eventräume mit gratis Internet und Kaffee (Kaffee 131.705 0.04%). Neue Formen könnten die alte Bankfiliale in Zeiten der Digitalisierung vor dem Aussterben retten. Dass damit das Filialsterben gestoppt wird, ist, wie bei der abnehmenden Kirchgangfrequenz, hingegen unwahrscheinlich.

Und um die Klammer zum Kirchenvergleich zu schliessen (und als kleine Warnung an die Banken und ihre Filialexperimente): In Basel gibt es die Elisabethenkirche. Seit den Neunzigerjahren beherbergt sie eine Bar, es finden dort regelmässig Veranstaltungen und Partys statt. Ein altes Gotteshaus, das einst abgerissen werden sollte, wird so wieder regelmässig besucht. Mit Religion hat das aber nicht mehr viel zu tun.

Addendum: Auf den Vergleich zwischen Banken und Kirchen ist der Autor nicht selbst gekommen. Die Idee wurde ihm von Kevin D’Armento, Leiter Privatkunden Rayon Winterthur/Schaffhausen bei UBS eingegeben.