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Die Start-up-Alternative zur Gemeindefinanzierung

Loanboox ist erst ein gutes halbes Jahr am Start und vermittelt bereits Kreditgesuche von Kantonen und Gemeinden in Milliardenhöhe.

Valentin Ade

Es war eine «Liegestuhlidee», sagt Stefan Mühlemann, Gründer und CEO von Loanboox. In den Ferien kam ihm der Einfall für eine Plattform, die Gemeinden und Kantone auf der einen Seite und Geldgeber auf der anderen Seite zusammenbringen soll.

Punkto Finanzierungen kennt sich Mühlemann aus. 2006 gründete er Pro Ressource, eine Gesellschaft zur Beratung und Optimierung insbesondere von grösseren Immobilienfinanzierungen für Private und Unternehmen.

2014 erkannte Mühlemann dann das Potenzial, das in der Finanzierung von Gebietskörperschaften für einen neuen digitalen Player steckt. «Der Markt ist für Gemeinden und Kantone mit grossem Aufwand verbunden, er ist intransparent, teuer und unsicher.» Die Gebietskörperschaften sind auf Banker und Broker angewiesen, bei denen sie teilweise noch schriftlich Angebote einholen müssen.

Den Crowdlending-Markt geschlagen

Der Markt war reif, aufgemischt zu werden. Mit dem Anfangserfolg, der sich dann einstellte, hatte Mühlemann allerdings nicht gerechnet. Seit September 2016 ist Loanboox am Markt, und Finanzierungsanfragen mit einem Volumen von über 2 Mrd. Fr. wurden bereits aufgeschaltet.

Zum Vergleich: Laut Schweizerischer Nationalbank hatte die öffentliche Hand bei inländischen Banken im Februar 2017 23,8 Mrd. Fr. an Krediten ausstehen. Die Schulden der öffentlichen Hand (Bund, Kantone, Gemeinden und Sozialversicherungen) beliefen sich laut Bundesamt für Statistik 2015 auf rund 220 Mrd. Fr.

Das Loanboox-Volumen ist ebenfalls bemerkenswert, wenn man beachtet, wie zaghaft sich Crowdlending-Start-ups bisher entwickelt haben. Der gesamte Crowdlending-Markt Schweiz wird von der Hochschule Luzern (HSLU) auf nur 7,9 Mio. Fr. in 2015 taxiert (aktuelle Zahlen präsentiert die HSLU im Mai).

Wobei fairerweise bemerkt werden muss: Loanboox vermittelt nicht Kredite von einer Vielzahl von privaten Geldgebern. In den meisten Fällen steht hinter einem Darlehen auf der Loanboox-Plattform ein einziger professioneller Investor, der vom Kreditnehmer aus mehreren Angeboten ausgewählt wird.

Tiefere Kosten und ein gratis Vertriebskanal

Die bisher über Loanboox vermittelten Kredite haben einen Umfang zwischen 1 und 100 Mio. Fr., der Durchschnitt liegt bei 13 Mio. Fr. Die Plattform schafft zum einen Transparenz. Die Kreditnehmer, über dreihundert Gebietskörperschaften, die bisher 40% der Schweizer Bevölkerung vertreten, können zwischen verschiedenen Angeboten wählen.

Zum anderen sinken dadurch die Kosten. «Wir nehmen 90% der bisherigen Kosten aus dem Prozess», sagt Mühlemann. Im jetzigen Markt könnten so laut dem Gründer 850 Mio. Fr. an Gebühren eingespart werden. Denn versteckte Gebühren seien mit Loanboox nicht zu machen.

Für die Kreditgeber, rund hundert Versicherungen, Pensionskassen und Banken, bietet sich auf der anderen Seite ein gratis Vertriebskanal. Loanboox selbst erhebt einen Basispunkt pro Laufzeitjahr als Gebühr von den Kreditnehmern.

Andreas Dietrich, Professor an der HSLU und Fintech-Experte, urteilt: Das Geschäftsmodell ist «bisher einzigartig und überzeugt vor allem durch die Einfachheit und die tiefen Kosten». Bereits im Februar stellte Dietrich das Start-up auf seinem HSLU-Blog vor.

Deutschland im Visier

Bei einem derartigen Anfangserfolg sind Investoren nicht weit. Er hätte schon einige Anfragen von investitionsfreudigen Banken und Wagniskapitalgebern erhalten, sagt Mühlemann. Nach vier sogenannten Seed-Runden – Finanzierungszyklen, bei denen Startkapital vor allem aus dem nahen Umfeld aufgenommen wird – will Mühlemann in den nächsten Tagen eine Serie-A-Runde starten, bei der sich professionelle Investoren beteiligen.

Welchen Betrag er dabei anpeilt, möchte Mühlemann nicht preisgeben, wofür das Geld verwendet werden soll, ist hingegen klar: Wachstum. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland. Als erster Markt wird Deutschland ins Visier genommen, ein Länderverantwortlicher ist bereits eingestellt. Konkurrenz existiert dort, wie auch in der Schweiz, bisher nicht. Aber genau deswegen ist jetzt Schnelligkeit gefragt.

Denn das erfolgreiche Konzept könnte schnell Nachahmer finden. Deswegen geht es Loanboox darum, nun rasch noch mehr Kreditnehmer und Kreditgeber auf ihre Seite zu bringen, um alsbald schwarze Zahlen zu schreiben und sich als Nummer 1 im Markt zu etablieren.

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