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Die stille Heldin der Coronakrise

Derzeit wächst die Einsicht, dass Wissen, vor allem in Naturwissenschaften und Technologie, unsere beste Waffe gegen die Pandemie ist. Ein Kommentar von Pinelopi Koujianou Goldberg.

Pinelopi Koujianou Goldberg
«Die Pandemie beschleunigt bestehende technologische Trends und zeigt wichtige Vorteile auf, die wir jetzt und nach dem Abflauen der Krise nutzen sollten.»

Ohne die übermenschlichen Anstrengungen von Krankenpflegern, Ärzten und anderem medizinischen Fachpersonal weltweit schmälern zu wollen, ist festzustellen, dass es ungeachtet aller Bemühungen und selbstloser Aufopferung manchmal einfach keine Chance gegen einen übermächtigen Feind gibt. Das neuartige Coronavirus, Covid-19, hat sich als ein derartiger Feind erwiesen. Der Kampf wäre mittlerweile verloren, stünde uns nicht die Technologie zur Verfügung.

Mathematik und Technologie, um genau zu sein. Ich sage Mathematik, weil sich das Verständnis eines so grundlegenden Konzepts wie des exponentiellen Wachstums als entscheidend für die entschlossene Bekämpfung des Feindes erwiesen hat.

Die erfolgreiche Eindämmung der Epidemie in China, Südkorea und Japan wird starken Staaten und Kulturen zugeschrieben, die das Wohl der Gesellschaft über private Bequemlichkeit stellen. Ich würde noch hinzufügen, dass sich diese Länder auch durch die hohe Mathematikkompetenz ihrer Schüler auszeichnen. In der von der OECD erstellten Pisa-Rangliste des Jahres 2019 belegt China mit 591 von 600 Punkten in Mathematik den ersten Platz, Japan den sechsten und Südkorea den siebten. Im Gegensatz dazu liegt Italien an 31. Stelle, Spanien auf Rang 34 und die Vereinigten Staaten auf Rang 37.

Der Nutzen der Mathematik

Pisa-Ergebnisse mögen zwar ihre Mängel haben, dennoch bieten sie eine ungefähre Vorstellung von der Mathematikkompetenz des Durchschnittsbürgers in den teilnehmenden Staaten. Die Tatsache, dass die bestplatzierten Länder offenbar die wirksamsten Eindämmungsstrategien umgesetzt haben, ist eine Mahnung, dass der Grund, warum wir eine bessere Ausbildung in den Bereichen Mathematik und Logik anstreben sollten, letztlich nicht darin besteht, lukrative Jobs zu ergattern, sondern bessere Lebensentscheidungen treffen zu können.

Die Technologie ist die wahre Heldin im Kampf gegen die Ausbreitung von Covid-19. Hier meine ich nicht die Intensivstationen und die Atemschutzgeräte, ohne die schwerkranke Patienten keine Chance hätten. Ich meine vielmehr die neuen datengesteuerten Technologien, die es verantwortlichen Regierungen ermöglichen, die Bewegungen der Infizierten nachzuverfolgen, sie zu kontaktieren und frühzeitig unter Quarantäne zu stellen. Diese Technologien waren in den vergangenen Jahren vielfach Zielscheibe massiver Kritik. Wenn sie uns nun dabei helfen, Leben zu retten, verdienen sie unser Lob.

Südkoreas Leistung ist wirklich beeindruckend. Am 17. März verzeichnete das Land trotz eines schlechten Starts bei den Bekämpfungsmassnahmen 8320 Krankheitsfälle und 81 Todesopfer. Im Vergleich dazu berichtete Italien am selben Tag von 27’980 Coronafällen und 2158 Toten.

Unbeabsichtigte positive Folgen

Der Beitrag der Technologie zum Pandemiemanagement geht über Nachverfolgung und Quarantäne hinaus. Nun, da sich die USA und Länder in Europa einem nahezu vollständigen Stillstand mit potenziell verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft nähern, bietet die Technologie einen Hoffnungsschimmer.

Viele Unternehmen, besonders im Technologiebereich, haben ihre Büros geschlossen, Telearbeit für Mitarbeiter angeordnet und ihnen für die Arbeit von zu Hause aus Computer- und Videotechnik zur Verfügung gestellt. Damit erhält man nicht nur einen wichtigen Teil der Wirtschaft aufrecht, sondern ermöglicht unbeabsichtigt auch positive Folgen. So sind beispielsweise die Staus verschwunden. Die Stunden, die Pendler zuvor auf der Strasse verbrachten, können nun der Arbeit und der Familie gewidmet werden. Geschäftsreisen finden nicht mehr statt, und Videokonferenzen werden zur Norm – verbundenen mit der Verringerung der Luftverschmutzung durch Flugzeuge und einer enormen Zeitersparnis.

Ebenso bemühen sich Pädagogen auf fast allen Ebenen, Online-Alternativen zum Unterricht im Klassenzimmer zu finden. Während die Schliessung von Schulen früher zu einem Verlust von Unterrichtszeit geführt hätte, ermöglicht die Technologie den Schülern, weiter zu lernen. Die aktuelle Krise wird diesen Prozess weiter vorantreiben, da sich mittlerweile ganze Universitäten – die gezwungen sind, ins Internet zu wechseln – einer relativ kleinen Gruppe von frühen Anbietern hinsichtlich der Erstellung von Online-Kursen anschliessen.

Innovation wirft heikle Fragen auf

Freilich bestehen Herausforderungen bei der Online-Anpassung eines Lehrplans, der für den persönlichen Unterricht bestimmt war. Da jedoch mittlerweile ganze Fakultäten damit experimentieren, werden wir mit Sicherheit Innovationen und eine rasche Verbesserung der Effektivität des Fernunterrichts feststellen. Sobald Schüler und Studenten an Schulen und Universitäten zurückkehren, sollten wir diese Innovationen nicht nur in den Industrieländern nutzen – wo uns die Notwendigkeit zur Einführung gezwungen hat –, sondern auch in den Entwicklungsländern, die händeringend nach kostengünstigen Bildungslösungen suchen.

Im Einzelhandel können digitale Plattformen in die Bresche springen, wenn sich die Regale im Supermarkt leeren oder Selbstquarantäne den persönlichen Einkauf unmöglich macht. Film- und Musik-Streaming, Video-Chats und soziale Medien bieten Möglichkeiten, sich weniger isoliert zu fühlen, mit Menschen in Verbindung zu bleiben und während der Zeit des Stillstands die psychische Gesundheit zu erhalten.

Auf diese und andere Arten beschleunigt die Pandemie bestehende technologische Trends und zeigt wichtige Vorteile auf, die wir jetzt und nach dem Abflauen der Krise nutzen sollten. Aber wenn wir zur Normalität zurückkehren, werden wir wahrscheinlich erneut mit einigen heiklen Fragen im Hinblick auf technologische Innovation konfrontiert sein.

Datenschutz kontra Gesundheit

Die Covid-19-Krise fördert die Spannung zwischen Datenschutz und effektiver Zielausrichtung erneut zutage. In den vergangenen Jahren hatten wir es mit dieser Debatte häufig im Hinblick auf grosse Tech-Plattformen zu tun, die detaillierte Informationen über die Nutzer verwenden, um ihnen zielgruppengenaue Nachrichten und Werbung zukommen zu lassen. Doch genau die gleichen Technologien kommen zum Einsatz, um Infizierte oder die durch das Coronavirus am stärksten gefährdeten Personen zu ermitteln.

Freilich ist die Spannung zwischen Datenschutz und Gesundheits-Outcomes nicht neu: Der Wunsch nach dem Schutz individueller Krankengeschichten hindert medizinische Forschung und Kliniker, sich zur Verbesserung von Ergebnissen der ganzen Bandbreite der Gesundheitsdaten zu bedienen. Covid-19 erinnert uns, dass wir vielleicht sorgfältig über die relativen Vorteile des Datenaustauschs nachdenken sollten, da ihr Wert in manchen Fällen höher liegt als die Wahrung der Privatsphäre.

Schluss mit Tech-Bashing

Abgesehen von Interventionen werden technologische Trends unweigerlich Gewinner und Verlierer hervorbringen. Reale Geschäftslokale, die ohnehin schon Marktanteile an digitale Plattformen verloren haben, werden wohl noch weiter dezimiert, wo Massnahmen der Selbstquarantäne und verordnete Sperrungen in Kraft sind. Obwohl vermehrte Telearbeit, weniger Geschäftsreisen und Fernunterricht bei einigen die Produktivität steigen lassen, werden die Lebensgrundlagen anderer dadurch erheblich erschüttert, und diese Entwicklung wird sich den nächsten Monaten beschleunigen.

Mehr denn je ist es daher unerlässlich, Einzelpersonen, Unternehmen oder ganzen von der Krise betroffenen Gemeinden Unterstützung und Anpassungshilfe zu gewähren. Dennoch sollten wir dem Drang widerstehen, unser unablässiges – wenn auch modisches – Tech-Bashing wiederaufzunehmen. Wenn die aktuelle Krise ein Gutes hat, dann ist es die Einsicht, dass Wissen, in diesem Fall hauptsächlich in Mathematik, Naturwissenschaften und Technologie, unsere beste Waffe gegen diese Krise ist.

Copyright: Project Syndicate.