Meinungen

Die Stirn bieten

Europa muss sich im Umgang mit Donald Trump auf seine Stärken besinnen. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

«Seid keine Kaninchen. Traut euch was!»

Für Donald Trump war es wohl eine ganz normale Woche, für Europa aber der endgültige Beweis, dass der US-Präsident mit einem Schmusekurs nicht in Schach zu halten ist. Nichts ist, wie es einmal war. Undenkbares wird zum Alltag, alternative Fakten zum Gesetz, und was noch vor kurzem eine Staatsaffäre ausgelöst hätte, wird zur Randnotiz.

Doch der Reihe nach. Am Nato-Gipfel in Brüssel unterstellt Trump Deutschland, von Russland kontrolliert zu sein, den Mitgliedern des Verteidigungsbündnisses droht er, falls sie nicht kuschen, «sein eigenes Ding» durchzuziehen, und die harsche Kritik am Soft-Brexit-Plan stellt die Autorität der britischen Premierministerin Theresa May in Frage.

Ob May, Merkel oder auch Macron, sie alle erstarren vor dem US-Präsidenten wie das Kaninchen vor der Schlange. Kritik wird, wenn überhaupt, nur ganz leise geübt. Auf aktiven Widerstand wartet man vergebens. Europa setzt im Umgang mit Trump auf die Strategie des Aussitzens. Man verlässt sich zu sehr darauf, dass man nicht alles, was der Präsident sagt, für bare Münze nehmen muss und der Albtraum nach vier Jahren Trump dann vorbei ist.

Diese Angsthasenstrategie ist nicht nur ein Spiel mit dem Feuer, sondern ein kapitaler Fehler. Die Zeit heilt zwar viele Wunden, doch einfach abwarten und Tee trinken? Das wird für Europa Konsequenzen haben, nicht für Monate, sondern Jahrzehnte. Klar, einige der markigen Sprüche des US-Präsidenten sind nichts anderes als Wahlkampfparolen für die wichtigen Zwischenwahlen im November. Trump mag zwar in Europa sein, aber er weiss, dass man ihm auch in Montana zuhört. Doch Europa sollte das egal sein. Europa muss sich auf seine Stärken besinnen und Amerika die Stirn bieten. Seid keine Kaninchen. Traut euch was!

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