Meinungen

Die Stromversorgung ist gefährdet

Die Stromversorgung lässt sich mit Erzeugung aus Sonne und Wind nicht sicherstellen. Doch Gaskraftwerke sind mit den Klimazielen nicht vereinbar. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Die aktuelle Politik führt direkt in die Verstaatlichung der Strombranche.»

Der Stromverbrauch ist 2019 in der Schweiz leicht gesunken – das ist für sich genommen eine gute Nachricht. Allerdings kann daraus nicht ­geschlossen werden, dass die Energiewende, die auch auf Sparbemühungen setzt, spürbare Fortschritte gemacht hätte. Der geringe Rückgang von 0,8% darf nicht überinterpretiert werden; der Stromverbrauch unterliegt auch erratischen Schwankungen. Immerhin dürfte ein Teil der kleinen Abnahme auf Effizienzsteigerungen zurückzuführen sein.

Allerdings macht schon ein Blick auf die wichtigsten Energieträger stutzig. Gut die Hälfte des Stroms (56,4%) stammt aus Wasserkraft und 35,2% aus Kernkraft – von der sich die Schweiz gemäss Energiestrategie 2050 verabschieden will. Der Rest entfällt auf konventionell-thermische und erneuerbare Anlagen.

Prognosen für 2020 fallen schwer. Zum einen wurde gegen Ende Dezember 2019 das Kernkraftwerk Mühleberg vom Netz genommen, das rund 5% zur Stromproduktion beigetragen hatte. Zum anderen ist der Strom­verbrauch in der Lockdown-Phase der Coronakrise gemäss einer Umfrage des Bundesamts für Energie gesunken – wobei allerdings auch die warme Witterung eine Rolle  gespielt hat.

Die Energiestrategie setzt auf den Ersatz der Kernkraft durch erneuerbare Energien, daneben auf Sparmassnahmen. Zu den erneuerbaren Energien liegen für 2019 noch keine detaillierten Zahlen vor. Im Jahr zuvor hatte die Photovoltaik gerade einmal 3% zur Stromerzeugung beigesteuert, Windanlagen 0,2% – obwohl diese Energieträger seit Jahren mit Hunderten von Millionen Franken subventioniert werden.

Nur die Photovoltaik wächst

Die Perspektiven sind düster: Einzig die Stromerzeugung aus Photovoltaik ist im Trend leicht wachsend. Der Ausbau der Windkraft stagniert. Derzeit sind 37 Wind­anlagen zur Stromproduktion in Betrieb. Gemäss den Vorgaben der Energiestrategie sind bis 2050 über 800 (!) erforderlich. Seit 2013 ist keine neue Anlage in Betrieb gegangen – die Zielvorgabe wird nicht erreicht.

Das Gleiche gilt für die tiefe Geothermie. Vor wenigen Tagen hat der Kanton Jura die Bewilligung für das einzige aktuelle Projekt in Haute Sorne zurückgezogen. Damit wurde der Technologie wohl der Todesstoss versetzt. Zuvor waren schon Projekte in Basel und St. Gallen gescheitert, denn die Bohrungen hatten leichte Erdbeben ausgelöst. Die Geothermie ist allerdings immer noch in den Planungen der Energiestrategie enthalten; sie soll bis 2050 rund 8% des Stromverbrauchs decken – in ­Realität werden es 0% sein.

Bleibt der Ausbau der Wasserkraft. Obwohl auch sie Zugang zu den Subventionstöpfen hat, sind nur zwei grössere Ausbauprojekte unterwegs. Genau genommen ist es gar nur eines, das andere ist vor Bundesgericht hängig. Es betrifft die Erhöhung der Staumauern am Grimselsee. Die Kraftwerke Oberhasli (KWO) verfolgen das Projekt derzeit nicht weiter. Dafür haben sie ein neues Projekt im Triftgebiet lanciert. Die KWO hoffen, dass die Konzession 2021 erteilt wird. Dann kommt das Baubewilligungsverfahren, das weitere zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen wird. Gemäss den KWO ist der Baubeginn frühestens 2024 möglich. Mit einer Bauzeit von acht Jahren könnte das Werk im besten Fall 2032 in Betrieb gehen. Zur kurz- oder mittelfristigen Überbrückung von Mangellagen ist das viel zu spät.

Es ist absehbar, dass die Pro­duktionsziele der Energiestrategie nicht erreicht werden können. Der Bundesrat hofft nun, dem Ausbau der erneuerbaren Energien mit einer Revision des Energiegesetzes auf die Sprünge zu helfen.

Im Schatten der Coronakrise hat er eine brisante Vorlage in die Vernehmlassung geschickt. Sie will die Subventionen für die erneuerbaren Energien, inklusive Wasserkraft, verlängern und erhöhen. Das ist ein Verstoss gegen Treu und Glauben. Vor der Abstimmung über das Energiegesetz bzw. die Energiewende 2017 beteuerte der Bundesrat, die Subventionen aufgrund der kostendeckenden Einspeisevergütungen seien befristet und würden nicht verlängert. Wer diesen Versprechen nicht glaubte, wurde als Berufsskeptiker gebrandmarkt – und hat nun recht erhalten.

Auch mit zusätzlichen Subventionen werden die erneuerbaren Energien jedoch nicht das Gewicht erhalten, das nötig wäre, um die Energiestrategie umzusetzen. Die Verlängerung kann auch als Eingeständnis interpretiert werden, dass das Subventionsregime eben nicht geklappt hat. Nun soll, wider besseres Wissen, «more of the same» helfen.

Doch so lässt sich das Problem nicht lösen. Besonders die Versorgungslücke im Winterhalbjahr kann nicht mit Sonnenenergie überbrückt werden. Die Lücke dürfte im kommenden Winter grösser werden, denn der Ausfall von Mühleberg kann nicht durch Mehrerzeugung im ­Inland  kompensiert werden. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, braucht es einen Backup. Diese Winterlücke wurde und wird durch Importe aus Deutschland (vor allem Kohlestrom) sowie Frankreich (Atomstrom) gedeckt. Allerdings wird sich die Import­situation für die Schweiz rasch massiv erschweren.

Deutschland hat Ende 2019 das Kernkraftwerk Phi­lippsburg vom Netz genommen. Derzeit sind noch sechs Kernkraftwerke in Betrieb, doch sie gehen in den Jahren 2021/22 vom Netz. Gleichzeitig will Deutschland den Ausstieg aus der Kohle (Kohle 55.2 0%) forcieren. Die Stromexporte aus Deutschland werden sinken, wenn nicht gar versiegen.

Das gilt auch für Frankreich. Es hat einen Reaktorblock des umstrittenen, in der Nähe von Basel liegenden Kernkraftwerks Fessenheim vom Netz genommen, der zweite Block folgt im Juni – die Schweiz bezieht Strom aus Fessenheim. Das Land wird sich damit abfinden müssen, dass Deutschland und Frankreich in Sachen Stromversorgung zuerst an sich selbst denken und nicht an Exporte in die Schweiz. Die Versorgungslage der Schweiz wird schon sehr bald sehr prekär.

Stromverbrauch wird steigen

Zieht man in Betracht, dass der Stromkonsum in Zukunft eher steigen und nicht etwa, wie erhofft, sinken wird – Stichworte sind E-Mobilität, Wärmepumpen, Ersatz fossiler Energie in der Industrie oder das Wachstum der IT-Branche –, akzentuieren sich die Versorgungsprobleme noch. Unter der Voraussetzung des Verbots neuer Kernkraftwerke ergibt sich bloss noch eine Möglichkeit, Engpässe in der Stromversorgung im Winter, und wenn die Sonne nicht scheint, abzuwenden: Gaskraftwerke.

Allerdings lassen sich Gaskraftwerke in dem durch enorme Subventionen für erneuerbare Energien verzerrten Markt kaum rentabel betreiben. So fragt sich, wer sie bauen soll. Da landet man rasch entweder bei staatlichen Subventionen auch für Gaskraftwerke – oder aber gleich beim Bau durch den Staat selbst. Nur: Eigentlich ist es dafür schon zu spät, denn auch der Bau von Gaskraftwerken nimmt, inklusive Bewilligungen etc., wohl fünf bis sechs Jahre in Anspruch. Zudem stossen Gaskraftwerke grosse Mengen CO2 aus. Das CO2-Gesetz, das in der Sommersession vom Nationalrat beraten wird, verkäme damit zur Makulatur. Eine sichere Stromversorgung ohne Kernkraft und die Klimaziele widersprechen sich – sie sind nicht gleichzeitig erreichbar.

Die Energiewende ist damit bereits gescheitert; das ist keine Überraschung. Der Preis ist hoch: Die einst so sichere und umweltschonende Stromversorgung der Schweiz, basierend auf Wasser und Kernkraft, wird ohne jede Not aufgegeben, und die Schweiz wird in das fossile Zeitalter eintreten müssen – in Zeiten des Klimawandels ein geradezu grotesker Anachronismus.

Zudem führt der Weg direkt in die Verstaatlichung der Strombranche. Die Beteuerung der damaligen Energieministerin Doris Leuthard, sie wolle eine markt­wirtschaftliche Energiewende, war nie mehr als ein schlechter Witz. Die Politik und das Volk haben ihn ­offenbar geglaubt – die Konsequenzen sind happig.

Leser-Kommentare

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Willy Huber 27.05.2020 - 13:42
Wie immer ein hervorragender Artikel von P. Morf. Frau Merkel (DE-Kanzlerin) und unsere vielgepriesene verantwortliche ehemalige BR Frau Leuthard haben uns da eine ziemlich versalzene Suppe serviert, werden dafür aber kaum geradestehen müssen. Die Meinung, unsere lieben Nachbarn würden uns in Stromknappheitszeiten schon aushelfen, war schon immer ein Märchen, anhand der Maskenblockaden in unserer (selbst verschuldeten) Not muss auch der… Weiterlesen »
Roberto Binswanger 27.05.2020 - 17:05

Ich habe Frau Leuthard nicht geglaubt und damals nein gestimmt – fühle mich jetzt vollauf bestätigt. Leider war ich in der Volksabstimmung in der Minderheit.

Franz Bachl 27.05.2020 - 22:05

Die immer wieder postulierte Stromknappheit ist keine eigentliche Knappheit sondern eine reine Preisfrage. Wenn sie an der Strombörse in Leipzig anstatt 5Rp pro kWh 20 Rp. bezahlen, werden ihnen die Türen eingerannt um den Strom liefern zu dürfen… Wie umweltfreundlich diese Energie erzeugt wird, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Peter Martin Wigant 28.05.2020 - 00:45

Liebe FuW,
Peter Morf hat, wie immer, einen gut fundierten Artikel geschrieben. Die Energiepolitik in der Schweiz scheint sich an Morgenstern zu orientieren: “Und, so folgt er messerscharf, es kann nicht sein was nicht sein darf”. Black-out lässt grüssen.
PW