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Die Taliban und der Dollar

Angesichts der Widerstandsfähigkeit des Dollars liegt es nahe, Amerikas Scheitern in Afghanistan als unbedeutend für den Greenback abzutun. Ein Kommentar von Jim O'Neill.

Jim O'Neill, London
«China hat angedeutet, dass es eine globale Währungsordnung bevorzugen würde, die sich mehr an den Sonderziehungsrechten orientiert.»

In diesem Monat jährt sich zum fünfzigsten Mal das Ende des Bretton-Woods-Systems, als US-Präsident Richard Nixon die Konvertierbarkeit des Dollars in Gold aufhob und ihn floaten liess. Ausserdem nähern wir uns dem zwanzigsten Jahrestag der Entmachtung der Taliban in Afghanistan durch die amerikanisch geführten Koalitionstruppen. Jetzt, da die Taliban wieder die Oberhand gewonnen haben, ist zu überlegen, ob ihr Sieg über das mächtigste Militär und die grösste Volkswirtschaft der Welt Auswirkungen auf den Dollar und seine globale Rolle haben wird.

Im Rückblick auf die fünfzig Jahre, die seit der Schliessung des Goldfensters durch Nixon vergangen sind, ist die wichtigste Erkenntnis, dass sich das System freier Wechselkurse und die dominierende Rolle des Dollars darin als robuster erwiesen haben als ursprünglich erwartet. Selbst wenn wir gewusst hätten, was wir heute über die Entwicklung der Weltwirtschaft wissen, hätten die meisten Experten bezweifelt, dass das System so lange überleben könnte.

Angesichts dieser Widerstandsfähigkeit ist es verlockend, Amerikas Scheitern in Afghanistan als unbedeutend für den Dollar abzutun. Schliesslich hat er auch den Fall von Saigon 1975 und das Debakel im Irak nach der US-Invasion 2003 überstanden. Warum sollte es dieses Mal anders sein? Letztlich hängt die Antwort davon ab, wie man die Entwicklung der Weltwirtschaft und das Verhalten ihrer wichtigsten weiteren Finanzakteure, nämlich Chinas und der EU, einschätzt.

Euro kann nicht konkurrieren

Um die Aussichten des Dollars zu verstehen, muss man sich drei Hauptgründe vor Augen führen, warum das derzeitige System fortbesteht. Erstens haben sich die meisten Länder nicht dafür entschieden, ihre Währung frei gegenüber dem Dollar floaten zu lassen. Obwohl in den letzten Jahrzehnten immer mehr Länder ihre Währung frei schwanken liessen, haben andere feste Wechselkurse beibehalten, eigene regionale Wechselkursbeziehungen entwickelt oder eine gemeinsame Währung eingeführt – wie im Fall des Euros.

Zweitens, und damit zusammenhängend, haben die wenigen Länder, die über genügend wirtschaftliches Gewicht verfügten, um das globale Währungssystem zu beeinflussen (Japan, Deutschland, in jüngerer Zeit China), bewusst darauf verzichtet. Zwar spielte die Deutsche Mark von 1973 bis zur Gründung der Europäischen Währungsunion 1992 und der Einführung des Euros 1999 eine regionale Rolle, doch darüber hinaus hat Deutschland immer wieder Schritte unternommen, um zu verhindern, dass seine Währung eine grössere Rolle in der Welt einnimmt.

Darüber hinaus haben sich die deutschen Behörden hartnäckig gegen die Idee von EU-Anleihen gewehrt (ungeachtet der Entscheidung 2020, einen auf gegenseitigen Schuldverpflichtungen basierenden Covid-Rettungsfonds aufzulegen). Ohne einen gemeinsamen Haushalt wird der Euro immer daran gehindert werden, mit dem Dollar zu konkurrieren oder eine viel grössere Rolle im Weltfinanzsystem zu spielen.

China zögert

Was Japan betrifft, so hat es nie Interesse an einer globalen Rolle des Yens gezeigt, selbst in den Achtziger- und Neunzigerjahren nicht, als es Mode war zu glauben, dass die japanische Wirtschaft die der USA einholen würde.

Schliesslich hat China trotz seiner häufigen Einwände gegen das derzeitige Weltwährungssystem lange gezögert, den Einfluss des Renminbis auf den Finanzmärkten auszuweiten, sowohl intern als auch international. Stattdessen hat es gelegentlich angedeutet, dass es eine globale Währungsordnung bevorzugen würde, die sich mehr an den Sonderziehungsrechten (SZR) orientiert, dem Reserveaktivum des Internationalen Währungsfonds, dessen Wert auf einem Korb von fünf Währungen basiert (Dollar, Euro, Renminbi, Yen, Pfund).

Diese Idee ist nicht uninteressant, vor allem im Hinblick auf die globale Fairness. Aber sie wäre in der Praxis schwer umzusetzen. Sie würde nicht nur davon abhängen, dass China eine freiere Verwendung des Renminbis zulässt, sondern ein SZR-basiertes Währungssystem müsste auch von den USA akzeptiert werden, was wahrscheinlich nicht in Frage kommt, zumindest nicht im Moment.

USA wollen System beibehalten

Das bringt uns zum dritten Grund, warum das derzeitige System Bestand hat: Die USA wollen es so. Wie wir während der Präsidentschaft Donald Trumps gesehen haben, geniessen die USA die Vorteile, die sich aus der Ausgabe der vorherrschenden Weltwährung ergeben, nicht zuletzt ihr Potenzial als Instrument zur Verfolgung diplomatischer und sicherheitspolitischer Ziele. Trumps Anwendung von Sekundärsanktionen gegen Länder, die mit dem Iran Geschäfte machen, war ein perfektes Beispiel dafür. Wenn die derzeitige oder eine künftige amerikanische Regierung beschliesst, die Dominanz des Dollars in ähnlicher Weise zu nutzen (vielleicht gegen Länder, die mit einem feindlichen Afghanistan Geschäfte machen), könnte dies einen erheblichen Einfluss auf die Zukunft der Währung haben.

Während die Welt den zwanzigsten Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA begeht, wird der IWF an seiner vorgeschriebenen Fünfjahresüberprüfung der Zusammensetzung und der Bewertung des SZR-Korbs arbeiten. Sollte sich dabei der Anteil des Renminbis erhöhen, wäre dies ein Zeichen, dass sich das weltweite Währungssystem langsam, aber unaufhaltsam weiterentwickelt.

Ebenso wie der wachsende Anteil Chinas an der Weltwirtschaft die Notwendigkeit einer grundlegenden Neugewichtung impliziert, kann der Anteil des Renminbis am SZR-Korb nicht weiter wachsen, ohne dass diese Zunahme etwas für die Zukunft des Weltfinanzsystems bedeutet.

Copyright: Project Syndicate.

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