Meinungen

Die Thukydides-Falle

Der bisherige Hegemon USA wird vom Aufsteiger China bedrängt, das Konfliktrisiko steigt. Die Welt in zwei Einflusssphären aufzuteilen, kann dafür nicht die Lösung sein. Ein Kommentar von Sinforiano de Mendieta.

Sinforiano de Mendieta
«Es braucht mehr denn je eine proaktive, multilaterale Diplomatie, um unsere verstrickte Welt sicherer zu machen.»

Zu Beginn dieses Jahres befinden sich unsere westlichen Gesellschaften zwar immer noch in Geiselhaft dieser unsäglichen Covid-19-Pandemie, aber gleichzeitig kommt generell der Eindruck auf, als habe man sich mit den unerhörten Einschränkungen und Verboten arrangiert. Nach einer zermürbenden Periode der Entbehrungen scheint es, als seien die Menschen resilienter, könnten nach den grossen Impfkampagnen besser mit der Seuche umgehen, zumal die letzte Mutationsvariante, Omikron, einer normalen Influenza ähnelt. Das ersehnte Licht am Ende des Tunnels ist also sichtbar, und schon werden Strategien für einen raschen Exit eingefordert.

Die Gesundheitskrise hat uns schmerzlich vor Augen geführt, dass wir in einer eng vernetzten, fragilen und krisenhaften Welt leben. Auf dem Weg zurück in die Normalität, in die ersehnte Freiheit, werden wir aber bereits mit der nächsten Bedrohung konfrontiert, die ebenso happig ist: mit der geopolitischen Herausforderung. Der massive russische Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine lässt, knapp achtzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, die Kriegstrommeln im alten Europa wieder erklingen und den Traum vom «ewigen Frieden» jäh platzen. Der Krieg, der sich mit den Wirren des Arabischen Frühlings in den vergangenen Jahren an der europäischen Peripherie in mannigfacher Form ausgebreitet hat, rückt nun immer näher.

Unfassbar, mit was für einer Chuzpe der neue russische Zar, Wladimir Putin, seine militärische Karte ausspielt, die Verteidigungsbereitschaft unserer verunsicherten Wohlstandsgesellschaften testet. Putin will die Grenzen der ehemaligen Sowjetunion wiederherstellen, ganz nach Katharina der Grossen, die die These vertrat, Russland wäre am besten verteidigt, wenn die Aussengrenzen möglichst weit ausgelagert würden.

Die Geschichte hat kein Ende

Der Zeitpunkt, inmitten einer Pandemie, ist mit Kalkül gewählt und reiht sich in eine grössere Szenenfolge ein, die schon lange im Gange ist: die tektonische Verschiebung der geopolitischen Gleichgewichte, von Norden nach Süden und von Westen nach Osten. Die Gravitationsachse verlagert sich rapide von der westlichen Welt zur indochinesischen Realität, mit dem spektakulären Aufstieg Chinas in nur dreissig Jahren zu einer ökonomischen Supermacht. Die historische Wende kam 1978 mit Deng Xiaopings «vier Modernisierungen», der Landwirtschaft, der Industrie, der Wissenschaft und der Landesverteidigung, Reformen, die aber keine Demokratisierung zuliessen.

In China entstand so – einmalig in der Geschichte – ein kommunistisch geführter Kapitalismus, der heute den Anspruch erhebt, sich punkto Effizienz mit der westlich geprägten freien Marktwirtschaft zu messen. Damit stellt sich gegenwärtig erneut eine alte akademische Frage, nämlich, ob Diktaturen effizienter sein können als Demokratien. Unbestritten ist das enorme ökonomische, technologische, demografische und, ja, militärische Gewicht Chinas, das das Land der Morgenröte zu einem natürlichen Antagonisten der USA macht. Zumal Staatslenker Xi Jinping immer militanter auftritt und es China erklärterweise zum Ziel gesetzt hat, bis 2049, dem 100-Jahre-Jubiläum der Gründung der Volksrepublik, zur ersten Weltmacht aufzusteigen.

Für die Chinesen eine Selbstverständlichkeit, denn ausser im letzten Jahrhundert – dem «Jahrhundert der Demütigung» – gehörte China stets zur Weltspitze. Die Hoffnung der abendländischen Welt, dass nach der Implosion der Sowjetunion zu Beginn der Neunzigerjahre die USA als klarer Sieger des Kalten Krieges, und damit allgemein der Westen, die Werte des Liberalismus, der Demokratie, der Menschenrechte und der freien Marktwirtschaft überallhin exportieren könnten (Francis Fukuyama sprach vom «Ende der Geschichte»), zerschlug sich spätestens mit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008, die in eine grosse Glaubwürdigkeitskrise unseres liberalen Wirtschaftsmodells mündete.

Wie einst Athen gegen Sparta

Gleichwohl musste der Westen in den vergangenen zwanzig Jahren schmerzlich erfahren, dass die restliche Welt nicht mehr gewillt ist, unsere Werte unbedingt zu übernehmen, sondern, im Gegenteil, andere Vorstellungen und Interessen entwickelt hat. Dies gilt besonders für die bisherige Hegemonie der USA, die immer offener von Peking herausgefordert wird. Nicht wenige Militärstrategen warnen deshalb vor einem fast unvermeidlichen Zusammenstoss zwischen der aufsteigenden und der amtierenden Weltmacht. In verschiedenen strategischen Foren wird in letzter Zeit demzufolge oft an die Thukydides-Falle erinnert.

Der altgriechische Stratege und Historiker schilderte das Phänomen am Beispiel der damaligen Kontrahenten Athen und Sparta. Der Konkurrenzkampf der beiden führte schliesslich zum langjährigen Peloponnesischen Krieg und zur Niederlage Athens, wenngleich Sparta sich danach nicht allzu lange halten konnte. Thukydides sprach in diesem Zusammenhang von der Rückkehr der Geschichte. Er glaubte, dass sich die Geschichte grundsätzlich wiederholt. Graham Allison von der Harvard University hat daraus das Thukydides-Theorem entwickelt und darauf hingewiesen, dass es in der Geschichte häufig Krieg gab, wenn eine aufstrebende Macht einen amtierenden Hegemonen herausforderte. Allison hat sechzehn Fälle der vergangenen fünfhundert Jahre untersucht, und in zwölf davon war es unvermeidlich zum Krieg gekommen.

Aber es gibt auch einen Ausweg aus der Thukydides-Falle, wie die restlichen Beispiele zeigen. So vermied Spanien als erste globale Weltmacht der Geschichte mit dem Tordesillas-Vertrag den Kampf mit Portugal. Beide Länder teilten sich die Welt untereinander auf, mit weitreichenden Folgen. Grossbritannien, die Weltmacht des 19. Jahrhunderts, vermied mehrmals den Krieg mit den aufkommenden Vereinigten Staaten von Amerika und zog es intelligenterweise vor, sich mit Washington zu verbünden. Schliesslich hielt die atomare Abschreckung (Pax atomica) die beiden Supermächte USA und UdSSR während des Kalten Krieges von einem Waffengang ab, obwohl sie sich in unzähligen Stellvertreterkriegen bis aufs Messer bekämpften.

«Global Governance» erforderlich

Pikanterweise hat sich Zhōngguó, wie die Chinesen ihr Land nennen, zur Monroe-Doktrin der Amerikaner bekannt, aber im umgekehrten Sinne. So, wie die USA den amerikanischen Doppelkontinent nur für die Amerikaner wollten und die Spanier 1898 aus Kuba und Puerto Rico (auch aus den Philippinen) vertrieben, so reklamiert heute Peking Asien für sich und will die Amerikaner möglichst von dieser Hemisphäre weghaben. Taiwan oder die Strasse von Malakka sind neuralgische Punkte mit erheblichem Konfliktpotenzial in diesem komplexen Puzzle der Ost-West-Beziehungen. Ein Rückzug der Amerikaner in die «Splendid Isolation» des 19. Jahrhunderts oder gar eine Entkoppelung (Decoupling) der global eng vernetzten Wirtschaft, wie in gewissen Kreisen gefordert, sind wohl eher eine Ad-hoc-Reaktion auf die zunehmenden Spannungen, bestimmt kein ausgereifter Lösungsansatz.

Der Weg kann auch nicht sein, die Welt in zwei Hälften zu teilen, wie im Tordesillas-Vertrag, denn neben den zwei Hauptakteuren haben sich längst andere Nebenschauspieler, die nicht zu den Verlierern gehören wollen, zu Wort gemeldet, nicht nur Russland, auch die Türkei, Indien und sogar Iran. Es braucht mehr denn je eine proaktive, multilaterale Diplomatie, um unsere verstrickte Welt sicherer zu machen. Es braucht mehr «Global Governance» und weniger Unilateralität, und Europa muss, will es nicht irrelevant werden, die nötigen Lehren aus den neuen geopolitischen Realitäten ziehen. Immerhin ist uns eine Binsenweisheit gewiss: Die Geografie bleibt stets die gleiche, und die Geschichte, wenn sie sich auch nicht immer wiederholt, reimt sich doch oft.