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Die transatlantische Wachstumskluft

Die Eurozone erholt sich langsamer als die USA, weil die in Boomzeiten aufgehäuften privaten Schulden viel schleppender verringert werden. Ein Kommentar von Daniel Gros.

Daniel Gros, Brüssel
«Die EU sollte sich auf eine Überarbeitung und Verkürzung der Konkursverfahren konzentrieren.»

Die mit aller Gewalt ausgebrochene globale Finanzkrise zog Europa und die USA auf sehr ähnliche Weise in Mitleidenschaft – zumindest anfänglich. Auf beiden Seiten des Atlantiks stürzte die Wirtschaft 2009 ab und begann 2010, sich zu erholen.

Doch mit dem Wandel der Finanzkrise zur Eurokrise tat sich zwischen den USA und dem Euroraum eine Kluft auf. In den vergangenen drei Jahren (von 2011 bis 2013) wuchs die US-Wirtschaft um etwa sechs Prozentpunkte mehr. Selbst unter Berücksichtigung des zunehmenden demografischen Gefälles zwischen beiden, auf das inzwischen etwa ein halber Prozentpunkt pro Jahr entfällt, ist die amerikanische Wirtschaft während dieser drei Jahre auf Pro-Kopf-Basis um rund 4,5 Prozentpunkte stärker gewachsen als diejenige im Euroraum.

Der Hauptgrund für diese Kluft ist der Unterschied im privaten Verbrauch, der in den USA zunahm, im Euroraum und besonders an seiner Peripherie jedoch zurückging. Dabei verringerte ein Rückgang des öffentlichen Verbrauchs die Nachfrage in den USA tatsächlich stärker (um 0,8 Prozentpunkte) als in der Europäischen Union (0,1 Prozentpunkte) – was angesichts all des Geredes über die von Brüssel durchgesetzte Sparpolitik ein wenig überraschen mag.

US-Privatkonsum robuster

Faktisch ist der öffentliche Verbrauch im Euroraum in den vergangenen drei Jahren vergleichsweise konstant geblieben, während er in Amerika deutlich abgenommen hat. (Dasselbe gilt für die öffentliche Investitionstätigkeit, nur macht sie einen derart geringen Teil des Bruttoinlandprodukts BIP aus, dass transatlantische Unterschiede während eines Zeithorizonts von drei Jahren keine grossen Auswirkungen auf das Wachstum hätten haben können.)

Auf den Rückgang der privaten Investitionen in Europa entfällt nur ein kleiner Anteil (ein Drittel) der Wachstumslücke. Zwar hatten die mit der Eurokrise einhergehenden Spannungen an den Finanzmärkten starke ungünstige Auswirkungen auf die Investitionstätigkeit am Eurozonerand, doch blieb die Investitionsnachfrage auch in den USA schwach, was die Gesamtdifferenz minimierte.

Der Schlüssel zur Wachstumsdiskrepanz ist die Widerstandsfähigkeit des privaten Konsums. Dies überrascht nicht, bedenkt man, dass die amerikanischen Haushalte ihre Schuldenlast gegenüber dem Höchstwert von über 90% des BIP unmittelbar vor der Krise deutlich abgebaut haben. Die niedrigere Schuldenlast ist zugleich ein wichtiger Grund, warum der Verbrauch in den kommenden Jahren in den USA weiterhin viel schneller wachsen dürfte als im Euroraum.

Schneller Schuldenabbau

Die entscheidende Frage jedoch – die kaum einmal gestellt wird – ist, wie die US-Haushalte es schaffen konnten, ihre Schulden in einer Zeit hoher Arbeitslosenraten und nahezu stagnierender Löhne bei gleichzeitig wachsendem Konsum abzubauen. Die Antwort liegt in einer Kombination aus «rückgrifffreien» Hypotheken und schnellen Konkursverfahren.

In den vergangenen Jahren wurden Millionen mit Subprime-Hypotheken erworbene amerikanische Eigenheime, deren Eigentümer ihre Schulden nicht bedienen konnten, zwangsversteigert. Damit verloren diese Menschen zwar ihr Heim, doch infolge der rückgrifffreien Hypotheken in vielen amerikanischen Bundesstaaten war damit zugleich die gesamte Hypothekenschuld abgelöst – selbst wenn der Wert der Immobilie zu gering war, um den noch ausstehenden Restbetrag abzudecken.

Zudem bieten die amerikanischen Verfahren zur Privatinsolvenz selbst in denjenigen Bundesstaaten eine verhältnismässig schnelle Lösung, deren Regelungen einen vollständigen Rückgriff auf das Vermögen des Schuldners vorsehen, sodass der Eigentümer der Immobilie für den Gesamtbetrag der Hypothekenschuld (d.h. die Differenz zwischen dem ausstehenden Restbetrag auf die Hypothek und dem durch Veräusserung der Immobilie gelösten Betrag) haftbar bleibt. Millionen von Amerikanern haben seit 2008 Privatinsolvenz beantragt und wurden so ihre privaten Schulden los. Dasselbe gilt für Hunderttausende von Kleinunternehmen.

Langwierige Konkursverfahren in Europa

Natürlich gab es auch eine steile Zunahme der Konkurse in den Randländern des Euroraums. Doch in Staaten wie Italien, Spanien und Griechenland dauern Konkursverfahren Jahre – und nicht Monate oder Wochen wie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Zudem erlöschen die Schulden natürlicher Personen in den meisten Ländern Kontinentaleuropas erst nach einem längeren Zeitraum – häufig fünf bis sieben Jahre –, und während all dieser Zeit müssen sie den grössten Teil ihres Einkommens für den Schuldendienst verwenden.

In den USA dagegen beträgt der entsprechende Zeitraum in den meisten Fällen weniger als ein Jahr. Zudem sind die Bedingungen für den Schuldenerlass in Europa tendenziell sehr viel strenger. Ein Extremfall ist Spanien, wo Hypothekenschulden nie erlöschen – nicht einmal nach einer Privatinsolvenz.

Dieser zentrale Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und (Kontinental-)Europa erklärt die Widerstandsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft gegenüber dem Zusammenbruch ihres Kreditbooms. Die von den Haushalten angehäuften übermässigen Schulden wurden sehr viel schneller abgebaut als in Europa, und sobald die Verluste erst einmal realisiert sind, können die Amerikaner von vorn anfangen.

Weder Austerität noch Geldpolitik

Die Ursache für die transatlantische Wachstumskluft ist daher nicht in einer überzogenen Sparpolitik im Euroraum oder einer übertriebenen Risikoscheu der Europäischen Zentralbank zu suchen. Es gibt strukturelle Gründe für die langsame Erholung des Eurozonerandes von der Finanzkrise. Der wichtigste ist, dass die während der Boomjahre angehäuften übermässigen Schulden sehr viel schwerer abzubauen sind als in den Vereinigten Staaten.

Die europäischen Behörden tun recht daran, für Strukturreformen auf den Arbeits- und den Produktmärkten der EU-Länder einzutreten. Sie sollten sich jedoch auch auf eine Überarbeitung und Verkürzung der Konkursverfahren konzentrieren, sodass Verluste schneller realisiert werden und überschuldete Haushalte neu anfangen können, statt auf Jahre hinaus an ihre Schulden gefesselt zu sein.

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