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Märkte / Aktien

«Die Trump-Euphorie wird bald verfliegen»

Die Finanzmärkte unterschätzten derzeit die Risiken, findet der Anlagestratege Brian Singer.

Wer hätte das vor den US-Wahlen gedacht! Die Aktienmärkte feiern den Sieg von Donald Trump. Der Dow Jones ist seit dem 8. November 3% gestiegen. Die Zinsen ziehen an, als stünde eine neue Ära mit mehr Inflation und mehr Wachstum vor der Tür.

Trump wird die Wirtschaft deregulieren, die Steuern senken und die Infrastruktur erneuern, lautet der Tenor. Das sei gut für US-Unternehmen und die Wirtschaft.

Den Optimismus teilen längst nicht alle. Zu den Skeptikern zählt Brian Singer. Er ist für die Asset-Allocation-Strategien des US-Finanzhauses William Blair verantwortlich. Singer verfasste Anfang der Neunzigerjahre zusammen mit Gary Brinson und Gilbert Beebower eine der meistzitierten Studien zu den Erfolgsfaktoren eines Portfolios.

Der ehemalige UBS-Mann fährt derzeit eine defensive Strategie und mahnt zur Vorsicht: «Die Trump-Euphorie wird bald verfliegen.»

Einfacher gesagt als getan

Die Finanzmärkte setzten darauf, dass eine Regierung unter Donald Trump mit einer republikanischen Mehrheit im Kongress gut für die US-Wirtschaft sei, sagt Singer. Es werde jedoch ausgeblendet, dass vieles von dem, was Trump versprochen habe, nicht so einfach umzusetzen sei.

Als Beispiel nennt er die Infrastruktur. Trump will 1 Bio. $ für die baufällige Infrastruktur aufwenden. «Der Markt glaubt, es gebe nichts Einfacheres als das», sagt Singer, «doch darin täuscht er sich.»

Auch Barack Obama habe bei seiner Wahl 2008 von sogenannten Shovel-ready-Infrastrukturprojekten gesprochen, also solchen, die sofort umsetzbar seien. Der Kongress war damals unter demokratischer Kontrolle. «Passiert ist dann aber doch nichts.»

Der Grund ist der komplizierte Gesetzgebungsprozess in den USA. Er mache es fast unmöglich, Infrastrukturprojekte schnell umzusetzen. «Jeder kämpft gegen jeden und setzt sich dafür ein, dass die Projekte zuerst in seinem Bundesstaat oder seiner Industrie realisiert werden.»

Widerstand drohe auch von denjenigen Republikanern, die auf keinen Fall das Haushaltsdefizit strapazieren, aber gleichzeitig die Militärausgaben erhöhen wollen, ergänzt Singer.

Zweifel an deutlicher Steuerentlastung für Unternehmen

Auch bezüglich der in Aussicht gestellten Steuersenkungen für Unternehmen sind die Erwartungen hoch. Trump möchte den Unternehmenssteuersatz von heute 35 auf 15% senken.

«Es ist einfach, die gesetzlich festgelegte Steuerquote zu senken», sagt Singer. Der effektive Steuersatz für US-Unternehmen sei aber viel tiefer als der statutarische. Singer bezweifelt, dass eine Reduktion des gesetzlichen Steuersatzes auch die effektive Steuerbelastung massgeblich verringern wird.

Besorgniserregende Pläne zum Aussenhandel

«Andere Pläne Trumps wie die Forderung nach höheren Leitzinsen wirken dagegen klar wachstumsbremsend», warnt Singer. Am meisten Sorgen machen ihm aber Trumps Ansichten zur Aussenhandelspolitik.

«Es ist der Bereich, in dem Trump am wenigsten widersprüchliche Aussagen gemacht hat.»

Unter einem Handelskrieg mit China würde nicht nur die Wirtschaft der Volksrepublik leiden, sondern auch die USA und der Rest der Welt.

Trump hat versprochen, das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta zu kündigen oder neu zu verhandeln. Er drohte mit Zöllen zwischen 35 und 45% auf mexikanische und chinesische Güter.

«Der Präsident könnte Nafta im Alleingang beenden», sagt Singer. «Doch wenn er das tut, beginnt seine Amtsperiode mit einer Rezession.»

Deregulierung ist am einfachsten umzusetzen

Noch leichter könnten die USA die Transpazifische Partnerschaft (TPP) zu Fall bringen. Schliesslich ist das Abkommen noch nicht ratifiziert.

«Aber seine Berater, egal, welche es sind, werden ihm klarmachen, dass ohne dieses Abkommen China noch mehr Kontrolle über die Region haben wird.» Und das sei nicht im Sinne der führenden Republikaner.

«Der einzige Programmpunkt, der einfach umzusetzen ist und die Wirtschaft stimulieren würde, ist die Deregulierung», findet Singer. Zum Beispiel im Finanzsektor: Der Dodd-Frank Act habe den Finanzsektor eingeschnürt, mit erheblichen Kosten für die Gesamtwirtschaft.

Auch Umweltschutzauflagen könnten im Nu aufgehoben werden und den Unternehmen Kosten ersparen. Das würde die Aktienkurse stützen.

Keine rasche Reflationierung

Doch der positive Effekt auf die US-Wirtschaft dürfte durch höhere Zinsen und neue Handelsbarrieren aufgehoben werden. «Deshalb sind wir vorsichtig positioniert», sagt der Asset-Allocation-Spezialist.

Wenn Singer derzeit Risiko eingeht, dann dort, wo es genügend entschädigt wird. Opportunitäten sieht er in den Schwellenländern und in der südlichen Eurozone. «Das sind die Märkte, die lange Zeit niemand haben wollte.»

Die expansive Geldpolitik der vergangenen Jahre habe die Investoren in riskantere Anlagen getrieben, aber zu riskant durfte es nicht sein. «Die Anleger kauften US-Aktien und Unternehmensanleihen.» Beide Anlageklassen hat Singer in den vergangenen Jahren abgebaut.

Der Dollarstärke traut er nicht – sie gründe auf zu hohen Zinserwartungen für die USA. «Die US-Zinsen werden steigen, aber nicht in dem Tempo, wie es der Markt derzeit erwartet.»