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Die Türkei erfindet das Krisenmanagement neu

Ankara sollte die Haltung zur Unabhängigkeit der Notenbank, zur Zinspolitik und zum IWF revidieren, um Finanzstabilität und Wirtschaftswachstum zu erlangen. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian
«Fortdauernde Währungsturbulenzen würden die Wirtschaft in die Rezession drücken, die Inflation steigern, das Bankensystem belasten und die Zahl der Unternehmenskonkurse erhöhen.»

Ob nun zufällig oder absichtlich: Die Türkei versucht derzeit, das Kapitel zum Krisenmanagement im Handbuch für Schwellenmärkte umzuschreiben. Statt auf Zinserhöhungen und einen externen Finanzierungsanker zu setzen, um innenpolitische Kurskorrekturen zu unterstützen, hat die Regierung eine Mischung aus eher indirekten und stärker partiellen Massnahmen ergriffen – und dies zu einem Zeitpunkt, da sich die Türkei in einem eskalierenden Zollstreit mit den USA befindet und die Weltwirtschaft, in der sie operiert, stärker in Fluss geraten ist. Wie all dies ausgeht, ist nicht nur für die Türkei wichtig, sondern auch für andere Schwellenländer, die bereits Wellen finanzieller Dominoeffekte zu bewältigen hatten.

Die ersten Phasen der Türkeikrise folgten dem Drehbuch früherer Währungskrisen in Schwellenländern. Eine Kombination aus inländischen und externen Ereignissen – eine überdehnte kreditbestimmte Wachstumsstrategie, Sorgen über die Unabhängigkeit und die Effektivität der Notenbank sowie ein weniger freundliches globales Liquiditätsumfeld, teilweise bedingt durch steigende Zinsen in den USA – hat den Devisenmarkt destabilisiert.

Ein politischer Zank mit den USA hat die Flucht aus der türkischen Lira beschleunigt, indem er eine selbstverstärkende Dynamik angeheizt hat. Und all dies ereignete sich im Zusammenhang einer stärker durch Unsicherheit gekennzeichneten und sich – ausser in den USA – abschwächenden Weltwirtschaft.

Ausstrahlung auf andere Schwellenmärkte

Im Einklang mit dem traditionellen Skript für Schwellenmarktkrisen strahlt die Währungskrise in der Türkei in andere Schwellenländer aus. Wie in einem derartigen Fall typisch, war die erste Welle der Ausstrahlungseffekte technischer Art und überwiegend durch generalisierte Abflüsse aus den türkischen Devisen- und Bondmärkten bedingt. Je länger sich diese Effekte fortsetzen, desto grösser ist die Sorge, dass sie zu einer stärkeren finanziellen und wirtschaftlichen Destabilisierung führen werden. Daher fühlten sich die Notenbanken mehrerer so unterschiedlicher Schwellenländer wie Argentiniens, Hongkongs und Indonesiens gezwungen, Gegenmassnahmen zu ergreifen.

Was folgte, hat dazu geführt, dass sich diese Episode der Schwellenmarktkrise zumindest bislang anders entwickelt hat als üblich. Statt an dem von vielen anderen Ländern – darunter früher im Jahr Argentinien – verfolgten Ansatz festzuhalten, die Zinsen zu erhöhen und sich um irgendeine Form der Unterstützung durch den Internationalen Währungsfonds zu bemühen, hat die Türkei beides sehr öffentlichkeitswirksam abgelehnt, darunter durch schrille Äusserungen ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Angesichts einer beschleunigten Abwertung, die den Kurs der Lira zeitweilig fast halbiert hatte, hat die Türkei eine Reihe von Massnahmen ergriffen, die den traditionellen Ansatz, dem Schwellenländer in der Vergangenheit gefolgt sind, teilweise nachstellen sollen.

Reaktion dürfte ungenügend sein

Im Inland hat sie die Finanzierungsbedingungen verschärft und zugleich den nationalen Banken Liquidität zur Verfügung gestellt und Regulierungsvorgaben gelockert. Sie erschwert es Ausländern, Liquidität in Lira zu erhalten, und hat dadurch Spekulanten unter Druck gesetzt, die auf Lira lautende Leerverkäufe durchgeführt haben. Die Regierung hat versprochen, Kredit- und Haushaltsexzesse in Angriff zu nehmen, und zugleich Kapitalkontrollen ausgeschlossen. Extern hat sie zumindest 15 Mrd. $ aus Katar aufgebracht, die für Direktinvestitionen in der Türkei genutzt werden sollen. Bei all dem hat die Regierung zudem noch Zeit gefunden, Vergeltungsmassnahmen gegen die Verdoppelung der Zölle auf türkische Metallexporte durch die Regierung von US-Präsident Donald Trump einzuleiten.

Die Frage ist, ob diese Reaktion ausreichen wird, um als Schutzschalter zu fungieren und so der türkischen Volkswirtschaft und dem Finanzsystem des Landes Zeit zu geben, wieder Tritt zu fassen. Dies ist besonders deshalb wichtig, weil fortdauernde Währungsturbulenzen die Volkswirtschaft in die Rezession drücken, die Inflation steigern, das Bankensystem unter Druck setzen und die Zahl der Unternehmenskonkurse erhöhen würden.

Damit einher geht die schwierigste Frage von allen für die Regierung: Kann sie eine Erholung herbeiführen, ohne ihr Versprechen zu brechen, von Zinserhöhungen abzusehen oder sich an den IWF zu wenden? Möglich ist das, aber nicht wahrscheinlich.

Gütesiegel des IWF fehlt

Ohne zusätzliche Schritte ist es unwahrscheinlich, dass in der Türkei eine kritische Masse an Korrekturmassnahmen erreicht wurde. Obwohl die innenpolitischen Anpassungen die Währung kurzfristig entlasten, sind sie möglicherweise bisher weder umfassend genug noch ausreichend, um die Rückkehr der Türkei auf einen Kurs zu erreichen, der breiten Schichten der Gesellschaft umfassendes Wirtschaftswachstum und dauerhafte Finanzstabilität verspricht.

Auf externer Seite  scheint die Finanzierung durch Katar, so sie denn vollständig und zeitnah ist, im Verhältnis zum externen Bruttofinanzierungsbedarf der Türkei klein. Sie geht auch nicht mit einem Gütesiegel des IWF einher, das viele Anleger beruhigt. Zudem ist es alles andere als klar, wie dieses Geld seinen Weg in die Volkswirtschaft finden wird, um die Wahrscheinlichkeit einer Währungsstabilisierung zu maximieren.

Keine Chance gegen die USA

Dann ist da der Handelsstreit mit den USA. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Türkei zur gleichen Erkenntnis gelangt wie andere, was den Umgang mit der von den USA nun eingenommenen, stärker protektionistischen Haltung angeht. Aufgrund ihrer Grösse und ihres systemischen Einflusses und unter der Annahme, dass sie weiterhin bereit bleiben, dabei gewisse Schäden in Kauf zu nehmen, werden die USA aus einer gegenseitigen Eskalation der Zölle als Sieger hervorgehen. Daher ist der beste Ansatz der, für den sich die EU vergangenen Monat entschieden hat: eine Möglichkeit zu finden, den Streit auszusetzen, und an den längerfristigen grundlegenden Problemen zu arbeiten.

Statt dass die Türkei den Spielplan für das Krisenmanagement in Schwellenmärkten umschreibt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie ihn bestätigen wird. Es ist zu hoffen, dass, wenn die Regierung ihre Haltung zur Unabhängigkeit der Notenbank, zur Zinspolitik und vielleicht sogar in Bezug auf den IWF revidiert, dies zur Wiederherstellung von Finanzstabilität und Wirtschaftswachstum führt. Die Alternative – das Beharren auf dem gegenwärtigen Ansatz bei gleichzeitiger Inkaufnahme des Risikos, technische Verwerfungen in eine grösseren Schaden anrichtende wirtschaftliche und finanzielle Destabilisierung zu verwandeln – würde sich auch für andere Schwellenländer als problematisch erweisen.

Copyright: Project Syndicate.