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Die Türkei im Abwärtssog

Die Währung und die Börse sind weiter im Krisenmodus. Sechs Charts zeigen, wie Präsident Erdogan nach seiner Wahl die Investoren weiterhin verunsichert.

Alexander Trentin

Vor knapp drei Wochen wurde Präsident Recep Tayyip Erdogan in seinem Amt bestätigt. Dank einer Verfassungsreform hat er nun weitergehende Befugnisse als in seiner vorhergehenden Amtsperiode. Die weiss er auch wirtschaftspolitisch auszunutzen: Am Dienstag wurde bekannt, dass Erdogan alleine das geldpolitische Komitee der Notenbank bestimmen wird. Sein Schwiegersohn Berat Albayrak ist neuer Finanzminister.

Erdogan ist durch seine «unorthodoxen» wirtschaftspolitischen Ansichten aufgefallen. So vertritt er die Meinung, dass hohe Zinsen die Inflation anheizen, und dass der anhaltende Wertverfall der Lira durch ausländische Mächte orchestriert wird. In Zentralbank und Kabinett hat er nun freie Hand, seine Ideen umzusetzen. Die zwei Minister, die Albayrak ersetzen wird – Naci Agbal und Mehmet Simsek – waren «seltene Vertreter einer orthodoxen Wirtschaftspolitik», schreiben Analysten des Researchhauses Capital Economics.

Die Zinsen werden wohl weiterhin tief gehalten, das Wirtschaftswachstum durch Staatsausgaben und Kreditvergabe künstlich hoch gehalten. Die Ratingagentur Moody’s zweifelt am Willen der Türkei, die Geldpolitik in den nächsten Monaten zu straffen. Am Donnerstag erklärte Erdogan denn auch, dass die Zinsen sinken werden.

Wahlen machen Kursänderung unwahrscheinlich

Analysten der Citigroup (C 64.95 0.54%) weisen auf die Lokalwahlen im März 2019 hin. Zwar wäre es notwendig, dass die Politik das Ruder herumreisst. Doch sei dies wegen der Wahlen unwahrscheinlich. In einem guten Umfeld für die Schwellenländer sei dies für die Regierung machbar. Doch das Land sei verletzlich – eine Fortsetzung des jetzigen Kurses daher riskant.

Die Erwartung tief bleibender Zinsen hatte sich an den Finanzmärkten diese Woche schnell durchgesetzt, schaut man sich die letzten Kursbewegungen an.

Die türkische Lira hat sich diese Woche auf ein neues Rekordtief gegenüber dem Dollar abgewertet. Seit Anfang Jahr hat die Valuta gut 23% ihres Aussenwerts verloren. Kurz nach der Wahl Erdogans gab es eine leichte Erholung der Lira. Man hatte wohl angenommen, dass die Wiederwahl des Präsidenten für Stabilität sorgen würde. Damit war es schnell vorbei. Allein in dieser Woche hat die Lira knapp 6% verloren – der grösste Wochenverlust in den letzten zehn Jahren.

Fremdwährungsrisiko

Die Abwertung hat zwei direkte, schmerzhafte Auswirkungen. Zum einen steigen die Einfuhrpreise, wenn sich die Lira abwertet. Das erhöht die Inflation. Zum anderen wird es teurer, die Zinsen und Rückzahlungen auf Schulden in Fremdwährungen zu begleichen.

Gemäss einer Auswertung des Bankenverbands Institute of International Finance (IIF) ist die Türkei bei den Fremdwährungskrediten besonders anfällig – sie betragen über 70% des Bruttoinlandprodukts. Besonders Unternehmen und der Finanzsektor haben sich stark in Devisen verschuldet. Auch sei das Risiko der Refinanzierungen hoch. Für 47% der in Dollar aufgenommenen Schulden müssten bis Ende nächsten Jahres wieder Kreditgeber gefunden werden.

Selbst dem Staat wird weniger zugetraut, dass er seine Fremdwährungskredite zurückzahlen kann. Die Dollar-Anleihen mit einer Laufzeit von fünf Jahren notieren nun zu einem Risikoaufschlag – Spread – von 3,7 Prozentpunkte zu US-Staatsanleihen. Das ist fast doppelt so hoch wie noch im Januar.

Inflation und Renditen springen nach oben

Im Juni hatte die Inflation ein Rekordhoch von über 14% erreicht. Auch der Zwölfmonatsausblick ist gemäss einer Umfrage unter Ökonomen so negativ wie noch nie. Für die nächsten zwölf Monate wird eine Inflation von über 10% erwartet.

Die Inflation heizt die inländischen Zinsen an. Damit wird es auch für Unternehmen und den Staat teurer, Kredite aufzunehmen. Die zweijährige Rendite von Staatsanleihen in türkischer Lira notiert nun bei knapp 20%. Im Januar lag die Rendite des Bonds noch bei unter 13%.

An der Börse macht sich diese Unsicherheit stark bemerkbar. In Dollar gerechnet haben die Aktienkurse in Istanbul seit dem Jahreshoch im Januar über 60% abgegeben. Diese Woche alleine beträgt der Verlust 14%. Bis Januar hatten die Kurse trotz der schwachen Währung auch in Dollar hinzugewonnen. Doch die Wette auf höheres Wachstum dank niedriger Zinsen scheint die Aktienanleger nicht zu überzeugen.

Als grosses Risiko für die Banken werden die Elektrizitätsversorger gesehen. Sie haben sich in Dollar für den Ausbau der Infrastruktur verschuldet – über 50 Mrd. $ an Schulden in Devisen stehen noch aus. Zümrüt İmamoğlu, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Tusia, erklärte gegenüber dem Informationsdienst Bloomberg: «Die Firmen können ihre Preise wegen der staatlichen Regulierung und Preiskontrollen nicht anpassen», um höhere Kosten durch die Währungsabwertung auszugleichen.

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