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Die Türkei ist wichtiger als Russland

Was den Handel zwischen der Schweiz und der Türkei prägt.

Die Türkei steht vor schwierigen Zeiten. Die Touristen weichen nach den Terroranschlägen und dem Putschversuch in andere Länder aus, die politische Unsicherheit und das autoritäre Gebaren des Präsidenten Recep Erdogan halten ausländische Investoren fern. Das Wirtschaftswachstum dürfte daher gemäss Schätzung der Credit Suisse (CSGN 15.24 -0.13%) nächstes Jahr unter 3% fallen. Für ein Land, dessen Bruttoinlandprodukt über Jahre real 5% und mehr zugenommen hat, fühlt sich das wie eine Rezession an.

Auch für viele Schweizer Unternehmen steht einiges auf dem Spiel. Denn seit Inkrafttreten des Freihandelsabkommens zwischen den Efta-Staaten und der Türkei im Jahr 1992 haben sich die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern intensiviert. Die Exporte haben sich seit der Jahrtausendwende fast verdoppelt, die Importe aus der Türkei verdreifacht. Die Schweiz hat mit der Türkei einen deutlichen Handelsbilanzüberschuss.

Vor drei Jahren hat die Schweiz in der Türkei einen Swiss Business Hub eröffnet, um KMU beim Aufbau von Geschäftsbeziehungen auch vor Ort beraten zu können. «Der Hub hat sich sehr erfolgreich etabliert», sagt Suhail El Obeid, Türkei-Berater beim Aussenhandelsförderer Swiss Global Enterprise, ehemals Osec.

In jedem Jahr seit Eröffnung seien die Ziele bezüglich Beratungsumsatz und Projektanzahl deutlich übertroffen worden. Besonders stark gewachsen sei die Nachfrage aus der MEM-Branche (Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie) sowie aus den Bereichen Textil und Kosmetik. Zur aktuellen Lage sagt El Obeid:  «Wir haben aufgrund der Unsicherheit rund um die Auswirkungen auf die Geschäfte etwas mehr Anfragen als üblich.» Insgesamt warteten viele Unternehmen aber noch ab.

Die Türkei ist gemessen an der Summe aus Exporten und Importen mit rund 8,3 Mrd. Fr. der neunt wichtigste Handelspartner der Schweiz innerhalb Europas. Der Güteraustausch ist intensiver als der mit Russland oder Irland. Im Jahr 2015 importierte die Schweiz inklusive Edelmetalle Güter im Wert von rund 5,8 Mrd. Fr. aus der Türkei, deutlich mehr als aus Spanien. Allerdings ist die Importstatistik durch den Goldhandel verzerrt. In den Schweizer Goldschmelzen werden schätzungsweise zwei Drittel des global geförderten Goldes verarbeitet. Gold (Gold 1297.2 0.41%) fällt unter die Aussenhandelskategorie Edelmetalle, Edel- und Schmucksteine. Deren Importvolumen allein machte letztes Jahr 4,48 Mrd. Fr. aus.

Ausser Gold importiert die Schweiz vor allem Textilwaren und Schuhe aus der Türkei. «Die Textilbranche ist in der Türkei sehr stark. Zahlreiche grosse Marken wie Charles Vögele (VCH 6.33 -0.32%) oder Hugo Boss (BOSS 73.177 0.38%) lassen dort produzieren», sagt El Obeid. Auch land- und forstwirtschaftliche Erzeugnisse spielen eine grosse Rolle. Viele der in den Schweizer Supermärkten verkauften Nüsse und Dörrfüchte zum Beispiel stammen aus der Türkei.

Der Tourismus wird in der Aussenhandelsstatistik der Zollverwaltung nicht erfasst. Gemäss der türkischen Statistik wurden letztes Jahr 380 000 Ankünfte von Schweizern und Schweizerinnen registriert. Nimmt man an, dass die Besucher im Mittel 1000 Fr. ausgeben, ist der Tourismus in den Handelsbeziehung mit der Schweiz fast so bedeutend wie der Textilexport.

Die Schweizer Exporte in die Türkei haben in den letzten Jahren etwas abgenommen. 2015 exportierten hiesige Unternehmen Waren im Wert von 2,5 Mrd. Fr. an den Bosporus. Damit rangiert die Türkei unter den Top-Ten-Absatzmärkten in Europa, auch wenn die Ausfuhren dorthin nur etwa 1% der Gesamtexporte ausmachen. Im Falle einer Rezession in der Türkei wird auch die Nachfrage nach Schweizer Produkten abnehmen. Das Gewicht des Landes ist aber zu klein, um der Schweizer Exportindustrie einen grösseren Schaden zuzufügen. Der grösste Anteil der Türkeiexporte fällt auf den Bereich Chemikalien und verwandte Produkte. Darunter finden sich auch pharmazeutische Erzeugnisse, die neben Gold allgemein die wertmässig bedeutendsten Schweizer Exportgüter sind.

Der Handel von Edelmetallen und Schmucksteinen ist bei den Ausfuhren weniger dominant als auf der Importseite. Im vergangenen Jahr summierten sich die Gold- und Edelsteinexporte auf rund 630 Mio. Fr. und machten so etwa ein Viertel der Gesamtausfuhren in die Türkei aus. Schweizer Unternehmen setzten in der Türkei 2015 Maschinen, Apparate und Elektronik im Wert von rund einer halben Milliarde Fr. ab.