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Die Türkei steckt in einer ernsten Krise

Was die Schwellenländer auf die Dauer stärker belasten dürfte als der Kurssturz der Lira sind die geplanten Zinserhöhungen des Fed. Ein Kommentar von Cornelia Meyer.

Cornelia Meyer, London
«Die Türkei wird die Fiskalschraube anziehen, Auslandskredite umschulden und vor allem den Leitzins erhöhen müssen.»

Seit Beginn des Jahres hat die türkische Lira gegenüber dem Dollar mehr als 45% an Wert verloren. Die Hintergründe dafür sind mannigfaltig: ein hohes Leistungsbilanzdefizit, Inflation, geopolitische Spannungen, die mangelnde Unabhängigkeit der Zentralbank von der Regierung und nicht zuletzt der Widerstand der Regierung gegen Zinserhöhungen.

Die Märkte reagierten skeptisch, als Präsident Recep Tayyip Erdogan seinem Schwiegersohn Berat Albayrak das Finanzministerium übertrug. Er ersetzte den erfahrenen und international angesehenen Ex-Banker Mehmet Simsek. Ende letzter Woche brach die Lira dann vollständig ein. Der Kurssturz betrug am Freitag zuweilen bis 24% und und setzte sich übers Wochenende und inklusive Montag fort.

Der Auslöser der gegenwärtigen Krise war der Zwist zwischen Erdogan und dem US-Präsidenten Donald Trump, der die Freilassung des amerikanischen Predigers Andrew Brunson aus dem Hausarrest verlangte, was Erdogogan strikte verweigerte.

Die «zerbrechlichen Fünf»

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind für die Türkei gravierend, da der Kurssturz die ohnehin schon hohe Inflation verschärft. Die Türkei hängt in vielen Bereichen wie Energie oder anderen Basisgütern wie etwa Medikamenten von Importen ab. Viele türkische Unternehmen haben Schulden in Euro aufgenommen.

Die Lirakrise hatte weitreichende Auswirkungen auf andere Schwellenländer. Übers Wochenende verzeichneten der russische Rubel, die indische Rupie und vor allem der südafrikanische Rand Kurseinbrüche. Am Dienstag früh bezeichnete Bloomberg die Türkei, Mexiko, Argentinien, Brasilien und Südafrika gar als die «Fragile Five». Am Montag suchten Euroanleger auch die Flucht in den Yen. Angesichts der in Euro denominierten Schulden türkischer Unternehmen war dies leicht zu erklären, da die Gläubiger vor allem spanische, italienische und französische Banken sind.

Für Europa wird die Liraabwertung nicht zur Griechenlandkrise 2.0 werden, zumal die in Euro ausstehenden Kredite vor allem von privaten Gesellschaften und nicht vom Staat gehalten werden. Gewisse Banken wie BBVA, UniCredit und Paribas werden zweifelsohne Umschuldungen und Abschreibungen vornehmen müssen. Diese Szenerie ist jedoch überblickbar. Gemäss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben spanische Banken 82 Mrd. $ an Krediten in der Türkei ausstehend, deutsche Banken dagegen nur 17 Mrd. $.

Zu wenig, zu spät

Für die Türkei stellt sich die Frage: was nun? Die Senkung der Reservekriterien für türkische Geschäftsbanken durch die Zentralbank zeigte kaum Wirkung. Die Türkei wird nicht darum herumkommen, die in so einem Fall klassischen Massnahmen zu ergreifen: Anziehen der Fiskalschraube, Umschuldung von Auslandskrediten und vor allem eine Erhöhung des Leitzinses. Die vom Markt geforderten tausend Basispunkte dürften politisch schwierig sein. Am Montag hob die Argentinische Zentralbank ihre Zinsen fünfhundert Basispunkte, was kaum Wirkung zeigte und wohl Wasser auf die Mühlen Erdogans ist, der sich seit Jahren gegen Zinserhöhungen sträubt.

Die Massnahmen der türkischen Regierung müssen ein genügend grosses Ausmass haben, um vom Markt ernst genommen zu werden. Bis jetzt kam zu wenig und alles zu spät. Falls es die Regierung nicht schafft, die Situation zu stabilisieren, wird sie zum Internationalen Währungsfonds IWF gehen müssen. Die Regierung wird mit allen Mitteln versuchen, dies zu umgehen, da Erdogan die traditionell strengen IWF-Konditionen als Einschnitt in die türkische Souveränität sehen würde.

Ansteckungsgefahr nicht überschätzen

Die Lage in der Türkei ist ernst und die Regierung muss die richtigen Massnahmen ergreifen. Die Zuspitzung ihrer Beziehungen mit den USA ist nicht hilfreich. Übers Wochenende schrieb Erdogan gar einen Gastartikel in der New York Times, in der er auf die 65-jährige Mitgliedschaft der Türkei in der Nato hinwies und andeutete, die Türkei könne jederzeit «neue Freunde und Alliierte» finden. Er spielte auf Russland, China, Katar und den Iran an.

Der amerikanische Sicherheitsberater John Bolton liess nicht lange auf seine Antwort warten, und Washington hat vorläufig den Verkauf von F-35 Kampfjets an die Türkei untersagt. Es wäre ratsam für alle Beteiligten, wenn sich die Rhetorik zwischen den beiden Ländern beruhigen würde. Die Türkei ist ein wichtiges Land für die Nato und geografisch sowie wirtschaftlich nahe bei Europa.

Wir sollten uns weniger Sorgen über die langfristigen Auswirkungen der türkischen Währungskrise auf andere Schwellenländer machen («Contagion»), denn die Türkei hat immer noch eine relative kleine Wirtschaft und die Ursachen der gegenwärtigen Krise sind teilweise rein auf die Türkei bezogener politischer Natur. Die Wachstumsmotoren der Weltwirtschaft, die USA, China, Japan und die EU, verzeichnen immer noch, wenn auch etwas gedämpftes, Wachstum. Was die Schwellenländer auf die Dauer nachhaltiger belasten dürfte, sind die geplanten Zinserhöhungen der amerikanischen Zentralbank. Länder mit schwachen Leistungsbilanzen wie die Türkei, Indonesien etc. werden davon besonders besonders betroffen sein.