Meinungen

Die überraschende Karriere von Gelb

Der Auftritt der «Gilets Jaunes» erweitert die politische Farbenlehre. Gelb steht für eine zornige Opposition ausserhalb von Parlament, Parteien und gängigen Gesinnungen, schreibt FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Als Bindemittel einer Outsiderbewegung ist Gelb genial.»

Die «Gilets Jaunes» bringen Farbe auf Frankreichs Strassen und in die französische Politik. Beobachter sprechen von einer Neuauflage der Girondisten aus der Revolutionszeit, die regionalistischer gesinnt waren als die zentralistischen Jakobiner, oder von einer modernen Jacquerie, einem Bauernaufstand. Die gelbe Weste, die praktischerweise in jedem Auto mitgeführt wird, signalisiert gewiss eine Revolte der France Profonde gegen das Establishment in Paris und gegen die unerträgliche Steuerbelastung. Das hat in Frankreich Tradition.

Gelb als das unverwechselbare Erkennungsmerkmal mag ein Zufall sein, eben weil fast jedermann eine solche weithin leuchtende Weste besitzt; die Bewegung ist zudem ja «kopflos», sie hat keine Führung, die dem Fussvolk eine Uniformierung verordnen könnte.

Woher es aber auch immer rührt: Das gelbe Gilet hat sich als erstklassiges Marketingmittel binnen kürzester Zeit etabliert. In einem spontanen Prozess, gestützt durch die modernen Kommunikationsmittel, hat sich hier tatsächlich so etwas wie «Schwarmintelligenz» durchgesetzt – ein Begriff freilich, dem durchaus etwas Widersprüchliches anhaftet. So berechtigt zum Beispiel manche Forderungen dieser amorphen Masse sind, deren einzige Gemeinsamkeit – neben dem Zorn auf die Regierung – eben die Gelbjacke ist, so unsäglich ist ihre mitunter zu beobachtende, schier nihilistische Zerstörungswut.

Gefährdet, geächtet

Ein gelbes Jäckchen dient dem Schutz des Autofahrers «en panne»; gelbe Schutzkleidung wird auch auf dem Bau getragen, oder von Eisenbahnern, die auf Rangierbahnhöfen gefährliche Arbeit verrichten. Gelb ist die Farbe von Gefährdeten, Gelb alarmiert alle anderen.

Im alten Europa mussten Prostituierte manchenorts ein gelbes Kopftuch tragen, Frauen mit unehelichen Kindern gelbe Kleidung, Juden einen gelben Hut (später unter den Nationalsozialisten einen gelben Judenstern). Gelb hiess: geächtet. In Italien nennt man einen Krimi «un giallo». Die Klatschpresse im englischen Sprachraum ist die «Yellow Press»: Minderwertiges ist gelb, gelb ist ja auch der Neid.

Vielleicht ist das Unterbewusstsein am Werk und führt dazu, dass dieser Farbe – mit ihrem psychologisch offenbar nur mässig ansprechenden Leumund – eine politische Karriere à la Rot verwehrt war, bislang wenigstens. Als Bindemittel einer Outsiderbewegung ist Gelb dagegen genial.

En passant: Das Orange des bis heute fortwirkenden ukrainischen Volksaufstands von 2004 hatte und hat eine ähnliche Signalwirkung wie das Gelb der Franzosen. Die Machthaber in Moskaus Kreml sehen quasi rot, wenn sie von der orangen Unbotmässigkeit in Kiew hören.

Vorteilhaft ist auch, dass Gelb im parteipolitischen Farbenspektrum in Frankreich kaum (und anderswo auch eher marginal) besetzt ist. Die politischen Farben par excellence sind in der Regel die eindeutigen, starken Töne Rot und Blau, in jüngerer Zeit Grün – im Westen dasjenige ökologischer und gewöhnlich zugleich links orientierter Parteien; auf der Bühne der Weltpolitik ist das Grün des Islam unübersehbar. In der Schweiz übrigens steht bäuerliches Grün ausgerechnet für die eidgenössisch-konservative SVP.

In Frankreich wie in manchen anderen Ländern auch signalisiert Blau bewahrende Bürgerlichkeit. Präsident Emmanuel Macrons junge Bewegung La République en Marche scheint sich farblich noch etwas zu suchen, fällt jedoch in Hellblau auf; die Gaullisten verwenden vorwiegend Blau. Frankreichs Fussball-Weltmeister sind «Les Bleus» (die italienische Konkurrenz, wenngleich letzthin turnierabstinent, kongenial die «Azzurri»). Die Linke dagegen ist seit jeher revolutionär rot gefärbt; freilich ist der Parti Socialiste, einst unter Präsident François Mitterrand machtvolle Staatspartei, nunmehr so gut wie ausgemerzt. In den USA ist die Farbgebung interessanterweise umgekehrt: Die Republikaner, rechts, sind die Roten, die Demokraten, links, die Blauen.

So genial einzigartig wie die gelbe Couleur ist die Form der Oberbekleidung der wütenden Bürger im Hexagon nicht. Sie steht in einer geschichtlichen Tradition, wenn auch in einer – wenigstens in Europa – eher anrüchigen: Mussolinis paramilitärische Milizen trugen schwarze Hemden; Hitlers Schlägertruppen waren als Braunhemden gefürchtet, Braun, heimischer Scholle gleichend, wurde zum Synonym für Nazi; in der DDR trug die Jugendorganisation des kommunistischen Regimes blaue Hemden (war Rot zu heikel, weil auch die Hakenkreuzflagge Rot als Grundfarbe hatte?); in Thailand standen sich 2009 das rebellierende Landvolk in roten und das städtisch-königstreue Bürgertum in gelben Hemden gegenüber.

Die dynamischste politische Farbe ist das Rot (was nichts für oder gegen die zugrunde liegende Programmatik besagt). Einst war edles Rot nur den höchsten weltlichen und geistlichen Ständen vorbehalten, umso mehr, als die dafür erforderlichen Farbstoffe teuer und schwer zu beschaffen waren. Noch im Mittelalter durfte einzig der Adel Rot tragen.

Doch in der Neuzeit kehrten sich die Klassenverhältnisse völlig um. Die Jakobiner setzten sich in der Epoche der Französischen Revolution rote phrygische Mützen auf. Der Karrieresprung folgte im 19. Jahrhundert: Rot, nun in grossen Mengen günstig herstellbar, wurde die Farbe des sozialen Massenprotests, der Arbeiterbewegung. Die erste rote Fahne soll 1834 von aufständischen Seidenwebern in Lyon geschwenkt worden sein. Man muss sie nicht mögen, doch als politische «Marke» ist die rote Fahne unübertroffen. Immerhin, die rote Fahne mit dem Schweizerkreuz ist viel älter und völlig unparteilich.

Das Medium ist die Botschaft

Als «Schwarze» übrigens gelten gemeinhin kirchennahe Mitte-Parteien, in Kuchendiagrammen wird ihr Wähleranteil oft schwarz dargestellt. Zur Parteifarbe taugt das jedoch nicht. Der Schriftzug der deutschen CDU etwa ist rot, was unterdessen nicht mehr so abwegig ist, ihre Parteiflaggen flattern in Orange. Das ist auch die Farbe der Schweizer CVP. Schwarz dagegen kleiden sich Anarchisten, etwa die Rabauken der «schwarzen Blocks».

Der Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan prägte in den 1960er Jahren den legendären Satz: Das Medium ist die Botschaft! Heisst hier: Das gelbe Gilet hat zwar keinen Inhalt (wie etwa eine Zeitung mit ihren Artikeln), dennoch aber  eine soziale Wirkung. Die gelbe Weste, die schon ausserhalb Frankreichs imitiert und hofiert wird – Italiens Vizepremier Luigi Di Maio traf sich mit Gilets Jaunes, zum Zorn Macrons –, steht für ausserparlamentarischen Populismus von unten, jenseits von, oder sowohl als auch, Rechts und Links. Im politischen System ist sie ein Fremdkörper. Gelb wird vielleicht allmählich aus dem Strassenbild verschwinden, doch nicht aus der Gesellschaft.

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