Meinungen

Umverteilungsmaschine AHV

In keinem anderen Land werden die Beiträge für die Altersvorsorge in der Höhe unbegrenzt erhoben, bei gleichzeitiger Limitierung der Rentenhöhe. Ein Kommentar von Werner C. Hug.

Werner C. Hug
«Wenn die AHV rein umlagefinanziert würde, dann müssten zur Erreichung einer Maximalrente über die gesamte Beitragsdauer AHV-Beiträge von insgesamt 615'000 Fr. bezahlt werden.»

Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung zu sein. Die im Umlageverfahren finanzierte AHV bezieht zur Bezahlung der laufenden Renten 73% der Gelder von den Beiträgen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer. 27% leistet der Staat in Form von Steuern und Abgaben. Werden die Umverteilung innerhalb der AHV und diejenige aus den staatlichen Quellen näher analysiert, resultieren hingegen überraschende Erkenntnisse.

Bis anhin wurde stets kommentiert, dass alle AHV-Beiträge ab einem Einkommen über 86’040 Fr. (2021) nicht mehr rentenbildend sind, ist doch die Maximalrente ab diesem Grenzwert bei heute monatlich 2390 Fr. plafoniert. Wegen der AHV-internen Umverteilung beginnen die nicht mehr rentenbildenden AHV-Beiträge jedoch bereits ab einem durchschnittlichen Jahreseinkommen über die gesamte Beitragsdauer von 44 Jahren für Männer und 43 Jahren für Frauen bei 53’000 Fr. Wie ist dies möglich?

Die Rente wird je nach Zivilstand berechnet – ledig, geschieden, getrennt, verwitwet, verheiratet Werden die Plafonierung der Renten der Ehepaare (150%), der Verwitwetenzuschlag sowie die Erziehungs- und Betreuungsgutschriften berücksichtigt und daraus ein gewichteter Durchschnitt berechnet, erzielt ein Jahreseinkommen von 53’200 Fr. bereits eine maximale AHV-Rente. Damit werden 84% (rund 300 Mrd. Fr.) der gesamten beitragspflichtigen Lohnsumme erfasst. Das entspricht 2,7 Mio. Personen oder 57% der Lohnbezüger. Etwas über 43% der AHV-Beiträge sind somit nicht mehr rentenbildend. Nur die alleinstehenden, also ledigen Frauen und Männer, die nie verheiratet waren und keine Kinder haben, benötigen zur Erzielung einer Maximalrente ein durchschnittliches jährliches Einkommen von etwas über 86’000 Fr.

Querfinanzierung von 58%

Dies ist möglich, weil innerhalb der AHV Verwitwetenzuschläge von 20% geleistet werden, weil die Ehepaare nicht zweimal die Maximalrente, sondern nur 150% davon erhalten und weil Erziehungs- und Betreuungsgutschriften ein nicht beitragspflichtiges Jahreseinkommen von 42’000 Fr. generieren.

Zu dieser AHV-internen Umverteilung gesellen sich nun noch die in der direkten Bundessteuer enthaltenen Querfinanzierungen. 27% der natürlichen Personen sind beim Bund nicht steuerpflichtig. Die Bundessteuer konzentriert sich auf die «Gutverdienenden». Ein AHV-pflichtiges Einkommen von 53’200 Fr. entspricht einem steuerbaren Einkommen von rund 36’000 Fr. Gemäss Auskunft der Eidgenössischen Steuerverwaltung stammen rund 99% der Einnahmen von natürlichen Personen aus Bruttojahreseinkommen von über 60’000 Fr. Die Beiträge des Bundes an die AHV aus dieser Quelle von fast 7 Mrd Fr. stammen somit wiederum aus Umverteilung von «Reich» zu «Arm». Wird dieser Beitrag ebenfalls berücksichtigt, der rund 15% der Gesamteinnahmen der AHV ausmacht, und zu den AHV-internen Umverteilungen aus Beiträgen von etwas über 43% hinzugezählt, resultiert im Total eine Querfinanzierung oder eben eine einkommensbezogene Umverteilung von über 58%.

Weit über die Hälfte der AHV-Einnahmen zur Bezahlung der laufenden Renten stammt somit von mittleren und höheren Einkommen. Die AHV lebt also in ausgeprägtem Ausmasse von Umverteilung von hohen zu niedrigen Löhnen, was an folgenden individuellen Beispielen demonstriert werden kann: Wer ein Leben lang den jährlichen Mindestbeitrag von 413 Fr. in die AHV einzahlt, erhält heute bei Erreichen des Rentenalters eine minimale Vollrente von monatlich 1195 Fr. Eine alleinstehende Frau mit zwei Kindern, die heute pensioniert wird, erhält dank den Erziehungs- und Betreuungsgutschriften bereits mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von rund 66’000 Fr. eine Maximalrente von 2390 Fr. pro Monat. Für ein Ehepaar mit zwei Kindern reicht ein durchschnittliches jährliches Einkommen von 47’000 Fr. des Mannes und 22’000 Fr. der Frau vollkommen aus, damit sie eine plafonierte Maximalrente von 3585 Fr. erhalten.

Den Bogen nicht überspannen

Wenn die AHV rein umlagefinanziert würde, wenn also die laufenden Beiträge die laufenden Renten vollumfänglich finanzieren würden, dann müssten zur Erreichung einer Maximalrente über die gesamte Beitragsdauer AHV-Beiträge von insgesamt 615’000 Fr. bezahlt werden. Das entspricht einem jährlichen Bruttodurchschnittseinkommen von 163’000 Fr. oder monatlich netto 11’400 Fr. während der gesamten Beitragsdauer. Gemäss der schweizerischen Lohnstrukturerhebung erreichten 2018 lediglich 5% der Beschäftigten diesen Lohn. Bezogen auf die AHV bedeutet das, dass 95% der AHV-Rentenbezüger ihre Rente nicht mit ihren Beiträgen allein finanziert haben. Schon 2016 hat das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) mit einer Modellrechnung  mathematisch dargelegt, dass 92% der heutigen Rentenbezüger ihre Rente nicht finanziert haben. Die dargelegten Berechnungen mit dem gewichteten Durchschnitt der Zivilstände, wie Alt-Nationalrat Andreas Zeller (FDP/SG) sie in Rücksprache mit dem BSV kalkuliert hat, liegen nochmals leicht höher, weil unter anderem auch die Lebenserwartung gestiegen ist.

Wie die wenigen illustrativen Beispiele des ehemaligen Chefs einer AHV-Ausgleichskasse darlegen, wird unter anderem aber auch klar, dass besonders die Frauen von der komplizierten Umverteilung innerhalb der AHV profitieren. Das ist politisch so gewollt und firmiert unter dem Namen Solidarität in der AHV. Aber man sollte den Bogen nicht überspannen. In keinem anderen Land werden die Beiträge für die Altersvorsorge in der Höhe unbegrenzt erhoben, bei gleichzeitiger Limitierung der Höhe der Rente. Neue Begehrlichkeiten und Forderungen zum Ausbau der AHV dürfen angesichts dieser Erkenntnisse durchaus hinterfragt werden, dürfte vielen Politikern diese immense Umverteilung doch kaum bewusst sein. So würde die Volksinitiative für eine 13. AHV-Rente jährliche Kosten von etwa 4 Mrd. Fr. verursachen und die bestehende Umverteilung noch verstärken. Ebenso würden extreme Kompensationen zur Abfederung der Anpassung des Rentenalters auf 65 die heute schon bestehenden Privilegierungen der Frauen erhöhen.

Die AHV steht vor grossen Herausforderungen. Die übernächste strukturelle Reform sollte sich an den in der 10. AHV-Revision vorgelegten Leitlinien orientieren. Die damals eingeführten Erziehungs- und Betreuungsgutschriften enthalten eine starke soziale Komponente. Hingegen drängt sich, besonders angesichts der neuen Eheformen, eine Aufhebung der Witwen- und Witwerrenten auf. Kurzum: Die in der 10. AHV-Revision angedachte Individualisierung der Renten sollte umgesetzt werden. Sonst laufen wir Gefahr, dass die bestehende Solidarität in Kenntnis der wahren Umverteilung politisch hinterfragt wird. Alt-Bundesrat Hanspeter Tschudi sagte mir einmal: Es ist legitim, die Interessen der Einkommen über 10’000 Fr. zu vertreten – sie brauchen die AHV zwar nicht, aber die AHV braucht sie unbedingt.

Leser-Kommentare

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Roland Heinzer 30.08.2021 - 20:09
Ich schlage ein ganz neues System vor, einen Kafi pro Tag! Bei Geburt wird eine AHV Nummer mit einem Konto zugeteilt. Zum Kindergeld gibt es pro Monat 150 CHF auf dieses Konto. (Jeden Tag einen Kafi für 5 Stutz) Das Geld wird von einem staatlichen Fond tbd (to be decided) nach moderne AA angelegt, AHV, SUVA, SNB???? Damit sollte über… Weiterlesen »
Christoph Saetteli 31.08.2021 - 18:22

Auch in der politischen Diskussion gilt die Regel dass nur wahrgenommen wird was in das eigene Weltbild passt. Danke für die ausführlichen Erklärungen der Sachverhalte in der AHV