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Die ungewisse Zukunft der Vorherrschaft der Zentralbanken

Die Notenbanken sehen sich in eine wenig beneidenswerte Lage gedrängt. Ihre politische Unabhängigkeit und hart erkämpfte Glaubwürdigkeit stehen auf dem Spiel, schreibt Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian
«Nur wenige Aussenstehende bereiten sich darauf vor, gegen die begrenzte Wirksamkeit der Zentralbankoperationen gewappnet zu sein.»

In der Geschichte gibt es unzählige Beispiele von Menschen und Institutionen, die in eine Position der Vorherrschaft aufstiegen und später fielen. Zum Verhängnis wurde ihnen in den meisten Fällen ihre Hybris – ein Gefühl der Unbesiegbarkeit, geschürt durch ungehindert ausgeübte Macht. In anderen Fällen allerdings rührten sowohl Aufstieg als auch Fall von den in sie gesetzten ungerechtfertigten Erwartungen her.

In den vergangenen Jahren sind die Zentralbanken der grössten Industrieländer gleichsam in die Führungsposition der politischen Entscheidungsfindung aufgerückt. 2008 forderte man sie auf, die Fehlfunktionen auf den Finanzmärkten zu beheben, bevor diese die Welt in eine zweite Grosse Depression stürzten. In den seither vergangenen fünf Jahren haben die Zentralbanken grössere Verantwortung übernommen, wenn es darum geht, eine wachsende Zahl an wirtschaftlichen und finanziellen Resultaten zu erreichen.

Mit der Anzahl der von den Zentralbanken übernommenen Verantwortlichkeiten stiegen auch die Erwartungen hinsichtlich dessen, was sie erreichen können. Dies gilt vor allem für den so sehr ersehnten Hattrick aus grösserer Finanzstabilität, rascherem Wirtschaftswachstum und der dynamischeren Schaffung von Arbeitsplätzen. Regierungen, die sich einst über die Macht der Zentralbanken ärgerten, sind heute froh, dass diese einspringen und ihre wirtschaftspolitischen Mängel kaschieren – und zwar in einem Ausmass, dass sich mancher Gesetzgeber berechtigt zu sehen scheint, wiederholt unverantwortliches Verhalten an den Tag zu legen.

In einer ungeliebten Rolle

Die Zentralbanken der Industrieländer haben ihre derzeitige Position nicht angestrebt. Sie sind vielmehr dorthin geraten, weil die Alternativen in jeder Phase auf ein schlechteres Ergebnis für die Gesellschaft hinzudeuten schienen. Tatsächlich ist die Übernahme zusätzlicher Verantwortung durch die Zentralbanken weniger vom Wunsch nach grösserer Macht als von einem Gefühl der moralischen Verpflichtung motiviert, und die meisten Zentralbanker kommen ihrer neuen Rolle und der damit verbundenen Sichtbarkeit nur widerwillig nach.

Da andere Instanzen der politischen Entscheidungsfindung durch ein ungewöhnliches Mass an innenpolitischer und regionaler politischer Polarisierung an den Rand gedrängt wurden, fühlten sich die Zentralbanken der Industrieländer verpflichtet, entsprechend ihrer grösseren operativen Autonomie und relativen politischen Unabhängigkeit zu handeln. In jeder Phase bestand ihre Hoffnung darin, für andere politische Entscheidungsträger Zeit zu kaufen, damit diese die Kurve kriegen. Doch anschliessend sah man sich nur gezwungen, Wege zu finden, noch mehr Zeit zu kaufen.

Die Zentralbanken zählten zu den Ersten, die warnten, dass ihre Möglichkeiten, die Untätigkeit der anderen wettzumachen, weder endlos noch risikofrei seien. Sie erkannten frühzeitig, dass sie unvollkommene und unerprobte Werkzeuge einsetzten. Und sie wiesen wiederholt auf die zunehmende Gefahr hin, dass ihre gute Arbeit mit wachsenden Kollateralschäden und unbeabsichtigten Folgen verbunden sein wird, je länger sie in ihrer gegenwärtigen Position bleiben.

Das Problem besteht darin, dass offenbar nur wenige Aussenstehende zuhören und sich noch viel weniger darauf vorbereiten, gegen die begrenzte Wirksamkeit der Zentralbankoperationen gewappnet zu sein. Dadurch riskieren sie eine Verschärfung der möglichen Herausforderungen.

Das gilt vor allem für diejenigen Institutionen politischer Entscheidungsfindung, die über bessere Instrumente zur Lösung der Wachstums- und Beschäftigungsprobleme in entwickelten Ökonomien verfügen. Statt die Gelegenheit zu wirksamen Reaktionen zu nutzen, die sich aufgrund der unkonventionellen Geldpolitik der Zentralbanken ergaben, haben sich zu viele politische Entscheidungsträger in einen Ruhemodus der Untätigkeit und der Verleugnung begeben.

In den Vereinigten Staaten ist es dem Kongress zum fünften Mal in Folge nicht gelungen, einen vollwertigen Haushalt zu verabschieden, geschweige denn die Wachstums- und Beschäftigungsprobleme zu behandeln. In der Eurozone sind die fiskalische Integration und regionale Wachstumsinitiativen praktisch ebenso zum Stillstand gekommen wie Bankeninitiativen ausserhalb der direkten Reichweite der Europäischen Zentralbank. Sogar Japan stellt ein Fragezeichen dar, obwohl die Zentralbank aufgrund des Regierungswechsels dazu gedrängt wurde, die unkonventionellen Bilanzoperationen des Federal Reserve (relativ gesehen) noch zu übertreffen.

Auch die Märkte haben sich in einen Zustand der relativen Selbstzufriedenheit begeben. Besänftigt von der Vorstellung eines «Zentralbank-Puts» sind viele Investoren bereit, die unausgeglichene Wirtschaftspolitik in den Ländern ebenso auszublenden wie die in manchen dieser Länder herrschende starke politische Polarisierung. Das Resultat ist eine finanzielle Risikobereitschaft, die den durch Fundamentaldaten gerechtfertigten Rahmen sprengt. Befeuert wird dieses Phänomen noch durch die kurzfristige Natur der Anreizstrukturen und der bisher herrschenden lukrativen Marktchancen aufgrund der von den Zentralbanken zugesicherten grosszügigen Liquiditätsausstattung.

Im Gegensatz dazu scheinen Unternehmen ausserhalb des Finanzbereichs gegenüber der Rolle der Zentralbanken einen etwas differenzierteren Ansatz zu verfolgen. Die geheimnisvollen und rätselhaften Instrumente der Zentralbanken und ihr praktisch ungehinderter Zugang zur Druckerpresse fesseln zweifellos manche. Andere, vor allem Grossunternehmen, scheinen etwas mehr Skepsis an den Tag zu legen. Sie zweifeln an der mehrjährigen Tragbarkeit der derzeitigen Wirtschaftspolitik, weswegen sie langfristige Investitionen zurückhalten und sich stattdessen für eine höhere Selbstversicherung entscheiden.

Geldpolitik allein kann Probleme nicht lösen

Natürlich würden sich sämtliche Probleme rasch in Luft auflösen, wenn es den Zentralbanken gelänge, für eine dauerhafte wirtschaftliche Erholung mit nachhaltigem raschem Wachstum, dynamischer Arbeitsplatzschaffung und breiter verteiltem Wohlstand zu sorgen. Doch die Zentralbanken können das nicht allein bewerkstelligen. Ihre zwangsläufig unvollkommenen Massnahmen müssen durch zeitnahe und umfassende Antworten anderer Institutionen politischer Entscheidungsfindung ergänzt werden – was wiederum viel konstruktivere nationale, regionale und weltpolitische Paradigmen erfordert.

Nachdem sie in ihre abnormale Position der politischen Vormachtstellung gedrängt worden sind, wären die Zentralbanken – und die von ihrer ultraaktivistischen Politik mittlerweile Abhängigen – gut beraten, über die Zukunft sowie über Massnahmen zur Minimierung der entsprechenden Risiken nachzudenken. Auf Grundlage aktueller Trends wird die Reputation der Zentralbanken zunehmend in den Händen Aussenstehender liegen – zerstrittener Politiker, anderer (wenig reaktionsfreudiger) Institutionen politischer Entscheidungsfindung sowie der Märkte, die die Macht der Währungsbehörden überschätzten.

In diese wenig beneidenswerte Lage gedrängt, riskieren die Zentralbanken der Industrieländer mehr als ihre Stellung in der Gesellschaft. Sie setzen auch ihre politische Unabhängigkeit und die hart erkämpfte Glaubwürdigkeit aufs Spiel, deren es bedarf, um das Verhalten auf dem privaten Sektor zu beeinflussen. Es ist in niemandes Interesse, wenn diese massgeblichen Institutionen zusammenbrechen.

 

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