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Die Pandemie der Unsicherheit

Die Politik muss versuchen, die anhaltende Unsicherheit zu verringern und die am stärksten betroffenen Personen und Wirtschaftssektoren weiterhin zu unterstützen, schreibt Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«Jeder Mensch, dessen Eltern oder Grosseltern die Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre miterlebt hatten, weiss, dass diese einschneidende Erfahrung ihr Verhalten lebenslang beeinflusst hat.»

Die nächsten Monate werden uns viel über die Form der kommenden globalen Erholung sagen. Trotz überschwänglicher Aktienmärkte bleibt die Unsicherheit im Hinblick auf Covid-19 allgegenwärtig. Deshalb wird, ungeachtet des Verlaufs der Pandemie, der bisherige weltweite Kampf gegen das Virus wohl noch lange Zeit Einfluss auf Wachstum, Beschäftigung und Politik haben.

Fangen wir mit den möglicherweise guten Nachrichten an. In einem optimistischen Szenario werden die Aufsichtsbehörden bis Ende dieses Jahres zumindest zwei Covid-19-Impfstoffe der ersten Generation zugelassen haben. Dank ausserordentlicher regulatorischer und finanzieller Unterstützung von staatlicher Seite gehen diese Impfstoffe noch vor Abschluss der klinischen Studien am Menschen in Produktion. Unter Annahme ihrer Wirksamkeit werden Biotech-Unternehmen bis Ende 2020 bereits etwa 200 Mio. Dosen zur Verfügung stellen können und für die Produktion von weiteren Milliarden Impfdosen alles auf Schiene gebracht haben. Die Verteilung dieser Impfstoffe wird an sich schon ein gewaltiges Unterfangen darstellen, auch weil die Öffentlichkeit davon überzeugt werden muss, dass ein beschleunigt hergestellter Impfstoff sicher ist.

Mit etwas Glück werden die Bürger reicher Länder, die eine Impfung wollen, sie bis Ende 2021 auch erhalten. In China werden bis dahin nahezu alle geimpft sein. Einige Jahre später wird dies auf den Grossteil der Weltbevölkerung zutreffen, auch auf Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Virus kann hartnäckig sein

Dieses Szenario ist glaubwürdig. Ob es allerdings auch verwirklicht wird, gilt noch lange nicht als sicher. Das Coronavirus könnte hartnäckiger sein als gedacht, und die Impfstoffe der ersten Generation könnten nur kurze Zeit wirksam sein oder schlimmere Nebenwirkungen haben als erwartet.

Doch selbst in diesem Fall würden verbesserte Testprotokolle, die Entwicklung wirksamerer antiviraler Behandlungen und die striktere Befolgung der Verhaltensrichtlinien durch Öffentlichkeit und (hoffentlich auch) Politiker zu einer allmählichen Normalisierung der wirtschaftlichen Bedingungen führen. Es lohnt sich, daran zu erinnern, dass die schreckliche Grippepandemie der Jahre 1918 bis 1920, die weltweit mindestens 50 Mio. Menschenleben gefordert hatte – viele davon während einer tödlichen zweiten Welle, wie wir sie heute mit Covid-19 befürchten –, schliesslich abklang und verschwand, ohne dass es einen Impfstoff gab.

In einem pessimistischeren Szenario allerdings könnten andere Krisen – eine dramatische Verschärfung der Spannungen im Handelskonflikt zwischen den USA und China, ein Cyberterroranschlag oder Cyberkrieg, eine Naturkatastrophe im Zusammenhang mit dem Klimawandel oder ein massives Erdbeben – auftreten, bevor die aktuelle Krise zu Ende ist. Darüber hinaus kann selbst vom optimistischen Szenario nicht notwendigerweise auf eine rasche Rückkehr zum Einkommensniveau von Ende 2019 geschlossen werden. Es kann Jahre dauern, bis eine post-pandemische Expansion, sofern sie überhaupt eintritt, im Gefolge einer tiefen Rezession die moderne Definition von Erholung (Rückkehr zum ursprünglichen Pro-Kopf-Einkommen) erfüllt.

Epidemie der Schulden

Obwohl durch die Pandemie das riesige Problem der Ungleichheit in den Industrieländern akzentuiert wird, leiden die armen Länder weitaus mehr. Viele Schwellen- und Entwicklungsländer werden wohl noch jahrelang mit Covid-19 zu kämpfen haben und mit der realen Möglichkeit eines verlorenen Jahrzehnts der Entwicklung konfrontiert sein. Schliesslich verfügen nur wenige Regierungen über die Möglichkeit, fiskalische Nothilfe in dem Umfang zu leisten, wie es die USA, europäische Staaten oder Japan tun. Länger anhaltende Rezessionen in Ländern niedrigeren Einkommens werden wahrscheinlich zu einer Epidemie der Schulden- und Inflationskrisen führen.

Allerdings könnte die Covid-19-Krise auch in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften tiefe Wunden und dauerhafte Narben hinterlassen. Aufgrund der Bedenken hinsichtlich einer erneuten öffentlichen Gesundheitskrise oder einer weiteren Pandemie – von der durch die Krise noch verstärkten enormen politischen Volatilität ganz zu schweigen – könnten Unternehmen zurückhaltender sein, wenn es um Investitionen und die Einstellung neuer Mitarbeiter geht.

Auch wenn es in den Industrieländern zunächst möglicherweise zu einem Anstieg der Konsumausgaben kommt, weil die Privathaushalte aufgeschobene Käufe nun nachholen, werden sie langfristig wohl eher sparen. In einer interessanten, kürzlich auf dem jährlichen Jackson-Hole-Symposium präsentierten Arbeit argumentieren Julian Kozlowski, Venky Venkateswaran (beide New York University) und Laura Veldkamp (Columbia), dass die langfristigen kumulativen Kosten der Pandemie in den USA wohl zehnmal höher sein werden als die kurzfristigen Effekte. Dies teilweise aufgrund eines lang anhaltenden erhöhten Unbehagens in der Bevölkerung.

Ein Jahr Schulbildung verloren

Die Analyse der Wissenschaftler, die ich im Rahmen des Symposiums diskutiert habe, ist vor allem im Hinblick auf die Konsumenten überzeugend. Jeder Mensch, dessen Eltern oder Grosseltern die Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre miterlebt hatten, weiss, dass diese einschneidende Erfahrung ihr Verhalten lebenslang beeinflusst hat.

Neben den direkten Auswirkungen auf Investitionen und Personaleinstellung wird Covid-19 auch längerfristige Produktivitätskosten mit sich bringen. Wenn die Pandemie vorüber ist, wird eine Generation von Kindern, besonders aus Haushalten mit niedrigerem Einkommen, tatsächlich ein Jahr Schulbildung verloren haben. Junge Erwachsene, die auf einem immer noch darniederliegenden Arbeitsmarkt Schwierigkeiten haben, ihre erste Stelle zu finden, müssen damit rechnen, in Zukunft weniger zu verdienen, als dies unter anderen Umständen möglich gewesen wäre.

Bau- und Investitionsboom möglich

Doch es gibt auch ein paar Hoffnungsschimmer. Obwohl die Pandemie in vielen Städten für einen Wertverfall bei Gewerbeimmobilien sorgte, könnte diese Entwicklung zu einer enormen Welle an Neubautätigkeit und Investitionen in Vorstädten sowie in den schon lange leidenden kleinen und mittleren Städten führen. Insgesamt erkennen Unternehmen, die Telearbeit in der Vergangenheit nur ungern zuliessen, mittlerweile, dass sie gut funktionieren kann und viele Vorteile bringt. Obwohl wir nicht darauf wetten sollten, könnte die Politik durch die Pandemie angespornt werden, für den Ausbau eines universellen Breitband-Internets zu sorgen und weniger privilegierten Kindern einen weit besseren Zugang zu PC zu ermöglichen.

Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit am Scheideweg. Die wichtigste Aufgabe der politischen Behörden besteht darin, zu versuchen, die massive anhaltende Unsicherheit zu verringern und gleichzeitig den am stärksten betroffenen Personen und Wirtschaftssektoren weiterhin Nothilfe zukommen zu lassen. Dennoch wird die durch Covid-19 geschürte Unsicherheit die Weltwirtschaft, auch nachdem das Schlimmste vorüber ist, wohl noch lange belasten.

Copyright: Project Syndicate.