Meinungen

Die Utopie einer Null-Risiko-Gesellschaft

Die Mentalität, wonach der Staat dem Einzelnen möglichst viele Lebensrisiken abnehmen soll, greift immer weiter um sich. Das allerdings ist gefährlich und dämpft die Risikobereitschaft. Ein Kommentar von Olivier Kessler.

Olivier Kessler
«Wer immer nach einer Möglichkeit sucht, alle Risiken auszuschalten, bringt sich auch um alle Chancen.»

Standen im Zuge des wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufstiegs noch Werte wie unternehmerisches Wagnis, Freiheit und Streben nach Fortschritt im Zentrum, weichen sie zunehmend einer übervorsichtigen Vollkaskomentalität. Mit dem rasanten Anstieg der Lebensstandards in den letzten Jahrzehnten einher ging ein wachsendes Bedürfnis, das Erreichte durch politische Massnahmen abzusichern. Das scheint verständlich: Wer schon viel gewonnen hat, möchte es nicht verlieren.

Zukunftssorgen, Abstiegsängste und Risikoaversion dominieren heute das Geschehen. Es herrscht immer mehr die Überzeugung vor, man könne jegliche Volatilität, Ungewissheit und Gefahr mit staatlichen Eingriffen verbannen. Das Tragen von Eigenverantwortung, die individuelle Vorsorge und das Erzielen eines Einkommens auf Märkten durch Leistung, Lernbereitschaft und Anpassungsfähigkeit werden von weiten Kreisen zunehmend als unnötige Last empfunden.

Allumfassende Betreuung

Nicht wenige wünschen sich, dass sie die Verantwortung für ihren Lebensunterhalt und zur Vorbeugung gegen Risiken dem Staat abtreten könnten. Dieser werde sich dann – so die naive Vorstellung – liebevoll, fürsorglich und vorausschauend um sie kümmern.

Von staatlich finanzierten Einheitskrankenkassen über grosszügige bedingungslose Grundeinkommen bis hin zur Ausschüttung von Hilfsgeldern in gigantischer Höhe bei jeder wirtschaftlichen Unsicherheit: Der schönen neuen Welt der allumfassenden Betreuung und des sorgenfreien Lebens jenseits von Risiken sind gedanklich keine Grenzen gesetzt. Willkommen in der Utopie der Null-Risiko-Gesellschaft.

Das ängstliche Festhalten am Status quo und die panische Abneigung gegen Veränderung waren auch dominierende Merkmale in den einstigen Stammesgesellschaften. Diesen Präferenzen war es geschuldet, dass kaum eine Entwicklung stattfand und man während einer enorm langen Zeit der Menschheitsgeschichte in bitterer Armut und jämmerlichen Lebensumständen stecken blieb.

Der Stamm kann am besten als eine «geschlossene Gesellschaft» be­zeichnet werden, um es in den Worten von Karl R. Popper (1902 bis 1994) zu formulieren. An der Spitze der Gruppe stand jeweils ein Oberhaupt oder eine religiöse Autorität, der die Stammesmitglieder bedingungslos Folge leisteten. Auf sich allein gestellt wären sie den wilden Kräften der Natur, feindlichen Stämmen und dem Zorn der Götter hilflos ausgesetzt gewesen, weshalb zur Unterwerfung unter das Kollektiv kaum eine Alternative bestand.

Die Herrscher der tribalen Gesellschaften wachten darüber, dass sich die Horde strikt an die religiösen oder kulturellen Routinen und Rituale hielt. Das Leben in der Stammesgesellschaft verlief deshalb in den immer gleichen Bahnen. Veränderungen waren keine vorgesehen. Vielmehr fürchtete man sich regelrecht vor ihnen, sie wurden als Bedrohung wahrgenommen.

Innerhalb einer derart geschlossenen Gesellschaft, die einem wimmelnden Bienenstock ähnelte, war der Einzelne lediglich ein Rädchen im Getriebe einer sozialen Maschinerie. Er war nichts weiter als ein Sklave seiner Gruppe, der er jederzeit gehorsam ergeben sein musste, damit sie ihn bei Gefahr verteidigte und beschützte.

Keine Eigenverantwortung

Er trug keine Eigenverantwortung und damit auch nicht die Bürde, darüber entscheiden zu müssen, was gut oder schlecht für ihn selbst ist. Vielmehr konnte diese Verantwortung bequem auf den Stammeshäuptling abgeschoben werden, der das übergeordnete Wohl anhand der schon immer dagewesenen Traditionen definierte.

Es mag zwar abwegig erscheinen, die heutigen Umstände mit der damaligen Zeit zu vergleichen. Doch wenn wir uns eine Achse vorstellen, bei der auf der einen Seite Individualitätsorientierung, Eigenverantwortung und Offenheit stehen und auf der anderen die Schwarmorientierung, der Kollektivismus und die Geschlossenheit, dann scheinen wir uns derzeit tendenziell in die Richtung von Letzterem zu bewegen.

Die Entwicklung gibt jedenfalls Anlass zur Sorge und passt so überhaupt nicht in die globalisierte und arbeitsteilige Welt, von der die Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten enorm profitieren konnte.

Unternehmerisches Wirken auf freien Märkten, die Entwicklung moderner Technologien und neuartige Geschäftsmodelle werden heute oftmals als Bedrohung wahrgenommen, weil sie bestehende Strukturen infrage stellen und sich Partikularinteressen benachteiligt sehen. Viele Produktive werden daher in der heutigen Null-Risiko-Gesellschaft erbarmungslos in dicke regulatorische Fesseln gelegt.

Unsere Bemühungen sollten dahin gehen, die Unternehmer zu befreien, um ihre Kreativität und Schaffenskraft im Dienst der Allgemeinheit nicht mehr länger zu behindern und ihnen nicht jede Möglichkeit zur Verbesserung zu verbauen. Es sollte sich wieder lohnen, Risiken einzugehen. Das bedingt, dass Unternehmer bei Misserfolg nicht nur für die Konsequenzen geradestehen müssen, sondern bei Erfolg auch den ihnen zustehenden Gewinn einfahren dürfen, ohne dass ein Grossteil gleich wegbesteuert und an unproduktivere Sektoren umverteilt wird.

Keine Chance ohne Wagnis

Wenn immer weniger Akteure vernünftige Risiken einzugehen bereit sind, geht die Innovationskraft verloren. Kann dieser Trend nicht gestoppt werden, drohen uns immer folgenreichere System- und Finanzierungskrisen, ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Abstieg sowie politische Instabilität. Es ist deshalb höchste Zeit, darauf hinzuweisen, dass das Leben in der Null-Risiko-Gesellschaft riskanter ist, als viele meinen.

Es gibt keine Chance ohne Wagnis, keine Modernisierung ohne Schritte ins Ungewisse, keine Freiheit ohne Akzeptanz von Alltagsrisiken. Wer immer nach einer Möglichkeit sucht, alle Risiken auszuschalten, bringt sich auch um alle Chancen. Nichts zu riskieren, ist der sicherste Weg, um zu scheitern.

Oder um es in den Worten des mehrfachen früheren Skiweltmeisters Jean-Claude Killy zu sagen: «Um zu gewinnen, muss man die Niederlage riskieren.» Wer beim Eingehen vernünftiger Risiken ab und zu scheitert, wird hingegen oftmals gescheiter und besser. Es wäre also an der Zeit, dass der Staat sich auf seine Kernaufgaben zurückbesinnt und sich von seiner paternalistisch-bevormundenden Rolle ein für alle Mal verabschiedet.

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