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Die verrückte Welt der Eigenkapitalquoten

Nach dem Regulierungsstandard Basel II dürfen Banken ihr Kreditrisiko mit eigenen Modellen abschätzen. Die Differenzen sind gewaltig.

Alexander Trentin

Es hört sich nach trockener Lektüre an, was die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) da verschickt. Aber die Studie  «Analysis of risk-weighted assets for credit risk in the banking book» im Rahmen des «Regulatory Consistency Assessment Programme» wird wohl für manch kritische Beobachter der internationalen Bankenregulierung eine amüsante Lektüre.

In der Studie geht es um einen internationalen Vergleich, wie das Risiko aus Krediten und verzinslichen Wertpapiere im Bankbuch berechnet werden kann und wird. Anlagepositionen einer Bank im Bankbuch (Banking Book) stehen im Gegensatz zu solchen im Handelsbuch (Trading Book) normalerweise nicht zum Verkauf – von ihnen wird erwartet, dass sie bis zum Ende Laufzeit gehalten werden. Bei der Risikoberechnung wird für jede Position ein Risikogewicht festgelegt, die Anlagen damit multipliziert und es kommt zu den berühmten risikogewichteten Anlagen (risk-weighted assets). Die Risikogewichtung ist so wichtig, weil darauf das Mindesteigenkapital der Bank berechnet wird. Zur Erinnerung: Sagt eine Bank, Sie hätte z.B. eine Kernkapitalquote von 12% ist dies nie auf die ganze Bilanz gesehen – sondern nur auf die risikogewichteten Anlagen.

Unter Basel I konnte die Kapitalgewichtung noch in einer einfachen Tabelle nachgeschaut werden. Mit Basel II wurde es kompliziert: Die Risikogewichte werden nach Ausfallwahrscheinlichkeit und Verlustquote bestimmt. Den Banken wurde mit dem Internal Ratings-based Approach  die Möglichkeit eröffnet, die Ausfallwahrscheinlichkeit und die Verlustquote eines Kredits oder Wertpapiers nun mit eigenen Modellen zu schätzen.

Die BIZ-Studie spielt nun in Zusammenarbeit mit echten Banken durch – insgesamt wurden hundert grosse Banken berücksichtigt– , wie stark solche Modelle von einander abweichen können. Und in Folge, wie stark die Mindestkapitalanforderungen durch die Berechnungsmethoden in den Finanzinstituten beeinflusst werden können. Dabei spielen natürlich auch unterschiedliche Anforderungen der nationalen Regulierer eine grosse Rolle. Um es vorwegzunehmen: Die Unterschiede erscheinen massiv und machen keine Lust, den Banken mehr Einflussmöglichkeiten bei den Kapitalanforderungen zu geben.

Der folgende Chart zeigt die Dramatik der Differenz zwischen 32 Finanzinstituten. Ihnen wurden hypothetische Anlagen zum Berechnen des Kreditrisikos gegeben. Die Balken zeigen, wie stark sich die Kernkapitalquote ändern würde, wenn die Banken statt der eigenen Risikogewichtung die mittlere der untersuchten  Finanzinstitute verwenden würde. Die Annahme ist, dass die ursprüngliche Kapitalquote 10% beträgt.

RiskWeight

Quelle: BIZ

Eine europäische Bank würde also 4,1 Prozentpunkte weniger Kapitalquote ausweisen können, wenn sie sich dem Mittel der anderen Finanzinstitute anpassen würde. Eine andere europäische Bank könnte 5,7 Prozentpunkte mehr Kapital ausweisen, würde sie ihre Risikoberechnung angleichen könnte.

Diese Modellierung basiert natürlich auf vielen Annahmen und bietet nur eine Illustration. Doch damit blenden die politischen Diskussionen, wie hoch denn die Mindestkapitalquote sein soll, einen wichtigen Aspekt aus: Die Berechnungsmethodologie kann bis zu zehn Prozentpunkte Differenz ausmachen. Ein starkes Argument für nichtbeeinflussbare – wenn auch weniger ausgeklügelte – Messgrössen wie etwa die Verschuldungsquote (Leverage Ratio).