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Vorsichtige Politik der kleinen Schritte der EZB

Christine Lagarde eilt es nicht, die Geldpolitik zu straffen. Sie achtet darauf, die Währungsunion zu erhalten, während die Stimuli beendet werden. Ein Kommentar von Melvyn B. Krauss.

Melvyn B. Krauss, New York
«Eine zu schnelle Anhebung der Zinsen könnte die Währungsunion auseinanderreissen, indem sie die Kreditkosten in die Höhe treibt und die Erholung von hoch verschuldeten Mitgliedländern wie Italien, Spanien und Griechenland abwürgt.»

In den vergangenen Wochen haben die wichtigsten Notenbanken einen Gang zurückgeschaltet und Pläne für eine straffere Geldpolitik angekündigt. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat erklärt, sie werde die Zinsen 2022 nicht erhöhen, obwohl sie sich der heutigen Inflationsrisiken durchaus bewusst sei.

Im Gegensatz dazu erwartet das Fed, dass es den Leitzins 2022 drei Mal anheben wird, und die Bank of England hat ihren Leitzins bereits 15 Basispunkte erhöht. Um ein früheres Versprechen einzuhalten, die Zinsen erst nach Auflösung ihrer Bilanz zu erhöhen, wird das Fed ausserdem den Abbau der monatlichen Wertpapierkäufe beschleunigen.

Bedeutet dies, dass die EZB «inflationsfreundlich» ist und unter den grossen Zentralbanken eine friedliche Aussenseiterposition einnimmt? Hat Deutschlands beliebtestes Boulevardblatt, die «Bild-Zeitung», recht, wenn es EZB-Präsidentin Christine Lagarde spöttisch «Madame Inflation» nennt?

Hohes Fragmentierungsrisiko

Nein und nein. Die «Bild» mag zwar die traditionelle deutsche Sichtweise spiegeln, dass die Inflation in der Geldpolitik der EZB das Mass aller Dinge ist, doch diese Perspektive ist in der Eurozone des Jahres 2022 hoffnungslos überholt.

Lagarde weiss, dass die Rücknahme der geldpolitischen Anreize nach einer Krise eine heikle Aufgabe sein kann. Eine zu schnelle Anhebung der Zinsen könnte die Währungsunion auseinanderreissen, indem sie die Kreditkosten in die Höhe treibt und die Erholung von hoch verschuldeten Mitgliedländern wie Italien, Spanien und Griechenland abwürgt. Ökonomen nennen dies das Fragmentierungsrisiko. Die Fragmentierung des Währungsgebiets ist ein chronisches Problem der Eurozone, denn anders als das Fed und die BoE, die beide von einer einzigen Finanzbehörde gestützt werden, arbeitet die EZB mit neunzehn unabhängigen Finanzministerien.

Dies schien Lagarde bei ihrer Pressekonferenz im Dezember hauptsächlich im Sinn zu haben, als sie erklärte, dass Gradualismus notwendig sei, um einen «brutalen Übergang» zu einer restriktiveren Geldpolitik zu vermeiden. Es überrascht nicht, dass diese Äusserung eine unfreundliche Reaktion des scheidenden Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann auslöste, der traditionell ein Falke ist. In ähnlicher Weise sagt Christian Lindner, der neue deutsche Finanzminister, dass in Berlin die Befürchtung wächst, die EZB könnte aufgrund ihrer Sensibilität für die Kreditkosten der hoch verschuldeten Mitgliedstaaten die Stimuli zu langsam zurücknehmen.

«Kalter Entzug» wäre riskant

In gewisser Weise hat Lindner recht. Lagarde hat es in der Tat nicht eilig, die Geldpolitik zu straffen, weil sie darauf bedacht ist, dass die Währungsunion intakt bleibt, während die Konjunkturmassnahmen zurückgefahren werden. Wie ein verantwortungsbewusster Arzt will sie den Prozess der Entwöhnung eines Süchtigen von einer starken Droge nicht überstürzen. Und täuschen Sie sich nicht: Die Konjunkturpolitik der EZB hat eine starke Wirkung auf die Wirtschaft, die ihrerseits von ihr abhängig geworden ist.

Die politisch versierte Lagarde weiss, dass in einer Region, die einen mit 750 Mrd. € dotierten Rettungsfonds eingerichtet hat, um die Währungsunion zusammenzuhalten, eine Geldpolitik, die die Union zu spalten droht, in der Öffentlichkeit nicht gut ankommen würde. Ein «kalter Entzug» wäre politisch ebenso rücksichtslos wie wirtschaftlich.

Die grösste potenzielle Quelle des Fragmentierungsrisikos ist heute Italien mit seinen 2,6 Bio. € Staatsschulden und einer langen Geschichte politischer Instabilität. Die Bewältigung dieser Bedingungen erfordert eine sehr sorgfältige Handhabung. Bislang scheinen die Anleger mit der Führung des italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi zufrieden zu sein. Sie befürchten jedoch, dass die politische Instabilität zurückkehren wird, wenn Draghi nach dem Ausscheiden Sergio Mattarellas das Präsidentenamt (das im Allgemeinen eine eher zeremonielle Rolle ist) anstreben sollte.

Mario Draghi – Premier oder Präsident?

Die Finanzmärkte bebten bereits nach Draghis Jahresend-Pressekonferenz, als er andeutete, dass seine Amtszeit bald enden könnte. Doch die Anleger sollten sich entspannen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass Draghi Italiens nächster Präsident wird, ist sehr gering. Höchstwahrscheinlich war sein Hinweis eine Taktik, um den Aufruf der zwei grössten Gewerkschaften Italiens zu einem Generalstreik, wenige Tage vor einer Parlamentsabstimmung zur Verabschiedung eines wichtigen Haushaltsgesetzes, zu entkräften. Der gerissene ehemalige EZB-Präsident und heutige Politiker weiss, dass es manchmal nichts Besseres gibt als die Drohung, aufzuhören, um seinen Willen durchzusetzen.

Es versteht sich von selbst, dass Lagardes Bemühungen, das Fragmentierungsrisiko der Eurozone in den Griff zu bekommen, sehr viel einfacher sein werden, wenn ihr Vorgänger an der Spitze der EZB bis zum Ende seiner Amtszeit im Jahr 2023 auf seinem derzeitigen Posten bleibt. Womöglich wird er genau das tun. Aber etwas zusätzliche Ermutigung aus Brüssel und Berlin könnte viel dazu beitragen, dass Draghi auf seinem Posten und der europäische Aufschwung auf Kurs bleibt.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

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oliver schmid 05.01.2022 - 17:25
Kreditentzug ist für Hr. Krauss gleichbedeutend wie die Währungsunion auseinander reissen. Ein ziemlich schlechter Vergleich. Dann kann man genauso gut sagen Gratis-Kredite à la Lagarde bringen die Währungsunion in ein Fiasko. Dadurch werden nämlich Null Anreize gesetzt, ein ausgeglichenes Budget zu erzielen. Sparen ist ja unpopulär in der Politik und Ausgeben einfach, wenn man durch Frau Lagarde, an immer neue… Weiterlesen »