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Die Vorteile offener Finanzdaten

Der Ausbau offener Ökosysteme für Finanzdaten stellt uns vor technische und regulatorische Herausforderungen, bietet jedoch grosse Vorteile. Ein Kommentar von Olivia White und Anu Madgavkar.

Olivia White und Anu Madgavkar
«Je mehr Wertschöpfung aus offenen Finanzdaten verfügbar wird, desto grösser ist das Innovationspotenzial, und dies wahrscheinlich auf Arten, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.»

Länder wie Australien, Brasilien, Nigeria und die Vereinigten Staaten führen neue Richtlinien und Regeln zur digitalen Verteilung finanzieller Daten ein. Das Ziel ist, digitale Datenökosysteme zu schaffen, die die Interaktionen zwischen Finanzinstitutionen und ihren Privat- und Firmenkunden erleichtern und beschleunigen. Aber die erfolgreiche Einführung offener Finanzdaten könnte auch dem Wachstum der Weltwirtschaft einen Schub verleihen.

Indem offene Datensysteme dafür sorgen, dass Kundendaten über Anwendungsschnittstellen (API) reibungslos zwischen Finanzinstituten fliessen, können sie die Notwendigkeit manueller Datenverarbeitung verringern oder gar aufheben. Die entscheidende Voraussetzung für ein solches System ist ein starkes Vertrauen der Konsumenten. Dies kann nur durch ein dickes Polster von Nutzerzustimmung, Datenschutz und Cybersicherheit hergestellt werden.

Werden solche Schutzvorrichtungen eingeführt, können die Vorteile erheblich sein. Einzelpersonen und kleine Unternehmen können Zugang zu Finanzdienstleistungen erhalten – beispielsweise können Daten, die zeigen, dass ein Neukunde verlässlich seine Miete, die Nebenkosten und andere Rechnungen bezahlt, seine Chancen auf einen Erstkredit erheblich vergrössern.

Vorteile für Finanzdienstleister

Andere Vorteile für Konsumenten könnten in einer leichteren Bearbeitung – ohne die Notwendigkeit, alle Formulare dreifach auszufüllen – und einer grösseren Produktpalette bestehen. In Grossbritannien, wo seit 2018 das so enannte Open Banking stattfindet, können Kunden leicht zwischen Konten mehrerer Institute wechseln, um einen höheren Ertrag zu erzielen. Ausserdem können sie Hypothekarzinsen verschiedener Anbieter vergleichen, ohne sich an gebührenpflichtige Vermittler wenden zu müssen. In den USA ist am 9. Juli eine Rechtsverordnung von Präsident Joe Biden in Kraft getreten, die den wirtschaftlichen Wettbewerb fördert. Sie bezieht sich insbesondere auf die verstärkte Weitergabe von Finanzdaten, damit «Kunden leichter zwischen Finanzinstituten wechseln und neue, innovative Finanzprodukte verwenden können».

Auch die Finanzdienstleister profitieren davon: Mit der Einführung offener Daten können sie ihre operative Effizienz steigern, da sie digitalen Zugang zu verifizierten Daten bekommen – was sie von der langwierigen Aufgabe befreit, sie manuell einzugeben oder in Datenpools nach Informationen zu suchen. So können die Kosten für die Korrektur schlechter Daten im Kundenbeziehungsmanagement verringert werden, die typischerweise etwa 20% des Einkommens eines Finanzinstituts ausmachen. Ausserdem kann die Automatisierung der Datenverarbeitung verbessert werden.

Mehr Austausch von Daten bedeutet auch, dass die Banken ihre Personalressourcen auf Hochrisikokunden konzentrieren und die Notwendigkeit der Datenintermediation verringern können. In den USA ist beispielsweise fast die Hälfte aller Immobilienanbieter auf Kreditherkunftsdaten von Drittanbietern angewiesen. Offene Finanzdaten würden einen Grossteil dieser Informationen öffentlich verfügbar machen. Schliesslich ist die Weitergabe von Daten ein effektives Mittel gegen Betrug, da sie dazu beiträgt, verdächtige Aktivitäten zu identifizieren, was den Instituten hilft, ihre präventiven Modelle zur Betrugskontrolle zu stärken.

Makroökonomische Vorteile

Dann sind da noch die makroökonomischen Vorteile: Bei einer aktuellen Analyse von 24 Initiativen zur Weitergabe von Finanzdaten im Bank- und Zahlungswesen haben wir festgestellt, dass die allgemeine Einführung von offenen Datensystemen zu einem erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung führen kann. Er könnte 2030 in der EU, Grossbritannien und den USA 1 bis 1,5% des BIP betragen und in Indien sogar 4 bis 5%.

Davon profitieren alle Marktteilnehmer – Finanzinstitute, Einzelkunden sowie sehr kleine, kleine und mittlere Unternehmen –, wenn auch in unterschiedlichem Masse, was von der finanziellen Tiefe und Struktur der einzelnen Länder sowie der Gestaltung ihrer offenen Datensysteme abhängt.

Momentan nutzen sogar Länder, die bei der Einführung offener Daten Vorreiter sind, nur einen Bruchteil ihres Potenzials. Wir schätzen, dass Grossbritannien heute nur 30 bis 40% der möglichen Vorteile nutzt, die USA und Europa nur 10%.

Standardisierung erforderlich

Um sämtlichen Nutzen abzuschöpfen, ist ein Niveau der Standardisierung und der breiten Weitergabe von Daten erforderlich, über das momentan nur wenige Länder verfügen. Die Standardisierung bezieht sich darauf, inwieweit für die Weitergabe von Daten standardisierte Mechanismen existieren, und auf die entsprechenden Zugangskosten, während die Breite der Weitergabe mit den unterschiedlichen Arten geteilter Finanzdaten zusammenhängt.

In einigen Fällen findet die Datenverteilung ziemlich aus dem Stegreif statt. In vielen Ländern müssen Konsumenten, die automatisierten Zugang zu konkurrierenden Hypothekenangeboten benötigen, die gleichen Antragsdaten an mehrere Anbieter weitergeben. Eine grossformatige Anwendung – und damit die grösstmögliche Wertschöpfung – erfordert hingegen eine grosse Menge von Finanzdaten, die zu minimalen Kosten durch Standard-API geleitet werden.

Wichtig sind auch zwei weitere Aspekte: eine robuste digitale Finanzinfrastruktur, auf der das System zur Datenweitergabe aufgebaut wird, und Innovationen, die gewährleisten, dass es auch zukünftig floriert.

Digitale Zahlungskanäle

Während der Covid-19-Pandemie konnten Länder mit hoch entwickelter digitaler Finanzinfrastruktur schnell und effizient Zahlungen an Unternehmen und Einzelpersonen weiterleiten. Solche Bemühungen hängen stark von den digitalen Zahlungskanälen ab – gemeinsam mit sicheren Systemen zur digitalen Identifizierung, die einen Grossteil der Bevölkerung umfassen und Mechanismen zum Konsumentenschutz enthalten. Auch ein grundlegender Internetzugang, die starke Verbreitung von Smartphones und eine verlässliche Stromversorgung sind für viele Schwellenländer Voraussetzung für die Nutzung aller wirtschaftlichen Vorteile eines Ökosystems zur Datenverteilung.

Die letzte Grenze sind die Innovationen: Je mehr Wertschöpfung aus offenen Finanzdaten verfügbar wird, desto grösser ist das Innovationspotenzial, und dies wahrscheinlich auf Arten, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Verschiedene Akteure – von traditionellen Banken über Technologieplattformen bis hin zu neuen Fintech-Start-ups – können dabei eine bedeutsame Rolle spielen, die auf ihren jeweiligen Stärken und Wettbewerbsvorteilen beruht.

Die Einführung und die Erweiterung offener Ökosysteme für Finanzdaten stellen uns vor komplexe technische und regulatorische Herausforderungen. Aber sichere und vertrauenswürdige Programme dieser Art können Konsumenten, Finanzinstituten und der Wirtschaft enorme Vorteile bieten.

Copyright: Project Syndicate.

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