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Die wahren Kosten von Trumps Handelskriegen

Mit seiner jüngsten Zollsalve gegen China hat der US-Präsident den Einsatz in diesem schädlichen Konflikt weiter erhöht. Amerika dürfte als der grössere Verlierer daraus hervorgehen. Ein Kommentar von Daniel Gros.

Daniel Gros, Brüssel
«Chinas Regierung und Unternehmen werden ihre Bemühungen verstärken, sich in der Beschaffung wichtiger technologischer Bauteile von den USA unabhängig zu machen. »

Zumindest für eine Weile schienen die Handelsspannungen zwischen den USA und China sich bei einer «neuen Normalität» eingependelt zu haben. Nachdem beide Länder hohe Zölle auf einen beträchtlichen Anteil der Waren des jeweils anderen verhängt hatten, sah US-Präsident Donald Trump von einer weiteren Eskalation ab. Doch nach einer weiteren ergebnislosen Runde bilateraler Handelsverhandlungen in Schanghai erklärte Trump, dass die USA ab 1. September zehnprozentige Zölle auf weitere chinesische Waren im Wert von 300 Mrd. $ verhängen würden.

Falls die neue Massnahme wirksam wird, werden fast alle US-Importe aus China Zöllen unterliegen. (Die USA erheben schon jetzt Zölle von 25% auf chinesische Importe im Wert von 250 Mrd. $.) Obwohl die USA in ihrem Handelskrieg mit China ausserdem nichttarifäre Handelsbarrieren verhängt haben, sind die gegenseitigen Zölle das sichtbarste Element des Streits – und sie dürften Amerika mehr schaden als China.

Eine Methode, die restriktive Wirkung der Handelspolitik beider Länder zu vergleichen, besteht in der Betrachtung ihrer durchschnittlichen Zollsätze. Dies scheint für die USA ein relativ beruhigendes Bild abzugeben. Vor Trumps Amtsantritt betrug der durchschnittliche US-Zollsatz auf Industrieprodukte etwa 2% und lag damit leicht unter dem Chinas.

Zulasten der Konsumenten

Selbst unter Trump ist dieser Wert (bisher) nicht sonderlich stark gestiegen. Die Importe aus China machen etwa ein Viertel aller US-Importe aus, und der Zollsatz von 25% betrifft rund die Hälfte aller eingeführten chinesischen Waren. Dies bedeutet, dass der durchschnittliche US-Einfuhrzoll etwa drei Prozentpunkte auf rund 5% gestiegen ist, was nicht übermässig hoch erscheint.

Doch der Durchschnittszoll ist ein irreführender Indikator. Die Wirtschaftstheorie legt nahe, dass Zölle überproportional negative Auswirkungen auf das Wohl von Verbrauchern und Produzenten haben. Eine Verdoppelung eines Zolls etwa wird den Wohlfahrtsverlust mehr als verdoppeln. Ein  Zoll von 25% auf einen begrenzten Teil des Handels ist daher deutlich schwerwiegender als ein Durchschnittszoll von 3%.

Viele Länder erheben hohe Einfuhrzölle auf eine bestimmte Anzahl konkreter Produkte, wobei ein Wert von über 15% normalerweise als «Spitzenzollsatz» gilt. Doch während diese Spitzensätze in den meisten Industrieländern weniger als 1% der Gesamtimporte betreffen, sind es in den USA viel mehr.

Subvention für nicht-chinesische Konkurrenz

Darüber hinaus diskriminieren Trumps Zölle China: Der Zoll von 25% wird nur von chinesischen Herstellern und nicht von ihren europäischen, südamerikanischen oder asiatischen Wettbewerbern gezahlt. Ein derartiger länderspezifischer Zoll entspricht der Erhebung eines allgemeinen Zolls auf alle Importe bei gleichzeitiger Subventionierung konkurrierender Hersteller ausserhalb Chinas – wobei diese Subvention von den US-Verbrauchern in Gestalt höherer Preise gezahlt wird.

Weil die nicht-chinesischen Hersteller nun ihre Preise um bis zu 25% anheben können und trotzdem in den USA konkurrenzfähig bleiben, dürften die Preise für die amerikanischen Verbraucher in Bezug auf ein breites Spektrum von Waren steigen. Die indirekten Auswirkungen von Trumps Zöllen gegenüber China auf die Verbraucherpreise dürften daher viel höher ausfallen als die jüngste Schätzung einer direkten Auswirkung von nur 0,1%. Diese indirekten schädlichen Folgen länderspezifischer Zölle sind der Hauptgrund, warum das Prinzip der «Meistbegünstigung von Ländern» seit langem ein Eckstein des Welthandelssystems ist.

Zudem legen erste Studien nahe, dass die chinesischen Hersteller ihre Preise infolge der Trumpschen Zölle nicht wesentlich gesenkt haben. Selbst wenn sie das täten, würde der kleine Vorteil niedrigerer chinesischer Preise für die US-Verbraucher vermutlich deutlich durch die höheren Preise konkurrierender Importe überwogen werden, die durch Trumps länderspezifische Zölle auf den US-Markt umgelenkt werden.

Der Fall Huawei

Obwohl China in der Vergangenheit seinerseits einen Zoll von 25% auf viele seiner Importe aus den USA verhängt hat, dürften die negativen Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft begrenzt sein, weil US-Waren nicht einmal ein Zehntel der chinesischen Gesamtimporte ausmachen. Chinesische Vergeltungszölle haben daher eine geringe Auswirkung auf die chinesische Volkswirtschaft. China hat seine Zölle auf Importe aus der übrigen Welt tatsächlich gesenkt.

Zudem besteht ein grosser Anteil der chinesischen Importe aus den USA aus landwirtschaftlichen Rohstoffen wie Sojabohnen, die das Land gegebenenfalls problemlos zu einem ähnlichen Preis aus Brasilien einführen kann. Die USA würden dann voraussichtlich mehr Sojabohnen in bisher von brasilianischen Herstellern bediente Märkte unter anderem in Europa exportieren. (Dies würde Amerikas Handelsdefizit gegenüber Europa reduzieren und könnte den diesbezüglichen amerikanischen Druck auf die EU verringern.)

Die USA haben im Rahmen ihrer aggressiven Handelspolitik gegenüber China zudem ihre nicht-tarifären Handelsbarrieren erhöht. Namentlich hat Trump den chinesischen Technologieriesen Huawei auf die sogenannte «Entities List» – die Liste der Unternehmen, an die US-Firmen keine amerikanischen Produkte verkaufen dürfen – gesetzt. Zwar hat Trump auch erklärt, dass US-Lieferanten derzeit die notwendigen Lizenzen einholen sollten, um Huawei weiterhin zu beliefern. Doch werden amerikanische Technologieunternehmen es sich von nun an zweimal überlegen, bevor sie langfristige Verträge mit anderen prominenten chinesischen Firmen schliessen, die Gefahr laufen könnten, auf die «Entities List» gesetzt zu werden.

Handelskriege sind nicht zu gewinnen

Parallel hierzu werden Chinas Regierung und Unternehmen ihre Bemühungen verstärken, sich in der Beschaffung wichtiger technologischer Bauteile von den USA unabhängig zu machen. Die blosse Drohung mit der «Entities List» wird künftig als deutliche versteckte Barriere für den amerikanisch-chinesischen Handel fungieren. Weil diese Barriere ebenfalls diskriminierend nur gegen China gerichtet ist, wird sie dieselben hohen Kosten nach sich ziehen wie länderspezifische Zölle.

Wirtschaftsanalysen legen nahe, dass bilaterale Handelskriege in einer vernetzten Welt nicht zu gewinnen sind. Mit seiner jüngsten Zollsalve gegen China hat Trump den Einsatz in einem zunehmend schädlichen Konflikt weiter erhöht, und Amerika dürfte als der grössere Verlierer daraus hervorgehen.

Copyright: Project Syndicate.

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