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Die Weltwirtschaft im Jahr 2018

Michael J. Boskin
«John F. Kennedy formulierte es 1963 in berühmten Worten: ‹Die Flut hebt alle Boote.›»
Die globale Erholung dürfte andauern, mit einer etwas geringeren Wachstumsrate von rund 3,5%. Die offenkundigsten Risiken liegen in Europa und Nahost. Ein Kommentar von Michael J. Boskin.

Alle wichtigen makroökonomischen Indikatoren – Wachstum, Arbeitslosigkeit und Inflation – deuten darauf hin, dass 2017 das beste Jahr für die amerikanische Wirtschaft seit einem Jahrzehnt war. Die Weltwirtschaft wiederum erfreut sich eines kräftigen, synchronisierten Wachstums jenseits dessen, was allgemein erwartet wurde. Die Frage lautet nun, ob sich diese starke Entwicklung 2018 fortsetzen wird.

Freilich wird die Antwort von den geldpolitischen, fiskalischen, handelspolitischen und anderen damit zusammenhängenden Strategien in den USA und auf der ganzen Welt abhängen. Noch ist es schwierig vorherzusehen, welche Vorschläge für politische Massnahmen 2018 vorgelegt werden. In den USA, Frankreich und Grossbritannien sind relativ neue Staats- und Regierungschefs am Werk; in Deutschland hat man sich seit der Bundestagswahl im September noch nicht auf die Bildung einer Regierungskoalition geeinigt; die US-Notenbank Federal Reserve bekommt einen neuen Vorsitzenden, der auf seine Bestätigung wartet. Darüber hinaus lassen grosse Veränderungen in wichtigen Entwicklungsländern wie Argentinien, Saudi-Arabien und Brasilien die Aussichten noch ungewisser erscheinen.

Dennoch sollten wir auf das Beste hoffen, in erster Linie darauf, dass das derzeit auf knapp unter 4% liegende synchrone globale Wachstum auch 2018 andauert, wie vom Internationalen Währungsfonds im Oktober prognostiziert. Wachstum sorgt nicht nur für höhere Einkommen, sondern erleichtert auch die Bewältigung irritierender Probleme wie notleidender Kredite und Haushaltsdefizite. Der frühere US-Präsident John F. Kennedy formulierte es im Oktober 1963 in einer Rede, in deren Rahmen er die von ihm vorgeschlagenen Steuersenkungen für Unternehmen und Privatpersonen propagierte, in berühmten Worten: «Die Flut hebt alle Boote.»

Notenbanken müssen Geldpolitik normalisieren

Ich meinerseits prognostiziere, dass die globale Erholung zwar andauern wird, aber mit einer etwas geringeren Wachstumsrate von rund 3,5%. Die zwei offenkundigsten Risiken, die man im Auge behalten sollte, bestehen einerseits in Europa, wo der zyklische Aufschwung ins Stocken geraten könnte, und andererseits im ölreichen Nahen Osten, wo sich die Spannungen erneut verschärfen könnten.

Zweitens ist zu hoffen, dass das Fed unter der soliden Führung des neuen Vorsitzenden Jerome «Jay» Powell die Rückkehr zu geldpolitischer Normalisierung – sowohl durch die Erhöhung des Leitzinses als auch durch die Schrumpfung der aufgeblähten Bilanz – fortführen oder sogar beschleunigen wird. Wir sollten hoffen, dass die wirtschaftlichen Bedingungen es anderen wichtigen Zentralbanken, besonders der Europäischen Zentralbank, ermöglichen, diesem Beispiel zu folgen.

In diesem Bereich prognostiziere ich, dass die grossen Zentralbanken die Normalisierung der Geldpolitik langsamer als notwendig fortführen werden. Das grösste Risiko besteht darin, dass die Märkte versuchen könnten, das Fed unter der neuen Führung auf die Probe zu stellen, wenn beispielsweise die Inflation rascher steigt als angenommen.

Wann wirkt Trumps Steuerpaket?

Drittens ist zu hoffen, dass das Steuerpaket der Republikaner, falls es in Kraft tritt, seinen Versprechungen hinsichtlich höherer Investitionen, gesteigerter Produktion und Produktivität sowie höherer Löhne im nächsten Jahrzehnt gerecht wird. In diesem Zusammenhang prognostiziere ich, dass das Gesetz verabschiedet wird und dass die Investitionen in den USA in den nächsten Jahren relativ gesehen höher ausfallen werden, als dies ohne entsprechende Massnahmen der Fall gewesen wäre.

Ob die Investitionen von ihrem gegenwärtig gedämpften Niveau tatsächlich steigen werden, hängt freilich von vielen anderen Faktoren und nicht nur von der Höhe der Körperschaftssteuer ab. Dennoch darf man erwarten, dass das Steuerpaket Produktion, Produktivität und Löhne ankurbeln wird. Die Frage ist nicht, ob das geschieht, sondern wann.

Sollten die Gesetze nicht vor den Wahlen 2018 oder 2020 ihre vollständige Wirkung entfalten, könnte sich diese Verzögerung als politisch folgenschwer erweisen. Die grösste Gefahr besteht darin, dass die Vorteile der neuen Gesetze verspätet spürbar werden und die wichtigsten Bestimmungen zurückgenommen werden, sobald die Demokraten wieder an die Macht kommen.

Gefährliche Selbstzufriedenheit in Europa

Viertens ist zu hoffen, dass die Regierungen überall damit beginnen, auf die drohende Krise im Bereich der seit Jahrzehnten steigenden Kosten für staatliche Renten und staatliche Gesundheitsversorgung zu reagieren. Da Sozialprogramme kostspieliger werden, verdrängen sie staatliche Ausgaben für absolut Notwendiges wie Verteidigung und erzeugen immer mehr Druck, höhere wachstumshemmende Steuern einzuführen.

Besonders Europa darf sich angesichts des zyklischen Aufschwungs nicht in Selbstzufriedenheit wiegen. Viele EU-Staaten müssen weiterhin ihre Schulden abbauen, und die Eurozone muss die Krise der «Zombie-Banken» lösen. Darüber hinaus wären strukturelle Arbeitsmarktreformen der Art, wie sie der französische Präsident Emmanuel Macron verfolgt, höchst begrüssenswert.

Leider fürchte ich, dass sich der Fortschritt im Bereich der Strukturreformen bestenfalls vereinzelt einstellen wird. Die Gefahr besteht darin, dass langsames Wachstum nicht in dem ausreichenden Mass zu Lohnzuwachs und Arbeitsplatzschaffung führen wird, um damit die tickende Zeitbombe der Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern zu entschärfen. Ein weiteres Risiko ist, dass die Reformbemühungen politische Gegenreaktionen hervorrufen könnten, die für langfristige Investitionen schädlich wären.

Euro, Brexit, Nafta

Fünftens ist zu hoffen, dass die Eurozone eine Währungskrise vermeiden kann. Das wird grösstenteils davon abhängen, ob es Kanzlerin Angela Merkel gelingt, eine Koalitionsregierung zu bilden und die politische Stabilität in Europas grösster Volkswirtschaft wiederherzustellen.

Sechstens ist zu hoffen, dass sich die EU und Grossbritannien auf eine vernünftige Brexit-Vereinbarung einigen können, in deren Rahmen starke Handelsbeziehungen gewahrt bleiben. Das Hauptrisiko in diesem Zusammenhang besteht darin, dass sich lokal begrenzter Rückgang im Handel ausweitet und grösseren Schaden anrichtet.

Über Europa hinaus ist zu hoffen, dass die Verhandlungen zwischen den USA, Kanada und Mexiko über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) zu einem Arrangement führen, das den Handel auf dem Kontinent weiterhin erleichtert. Allgemein besteht im Bereich des Handels die grösste Gefahr darin, dass die Trump-Regierung in ihrem verständlichen Bemühen, den amerikanischen Industriearbeitern zu helfen, einen Handelskonflikt vom Zaun brechen könnte, der niemandem nützen würde.

Marktmacht und Regulierung

Siebtens ist zu hoffen, dass mit den neuen politischen Strategien im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie ein Ausgleich zwischen den konkurrierenden und legitimen Anliegen aller Beteiligten geschaffen wird. Einerseits besteht Grund zur Sorge hinsichtlich der Konzentration der Marktmacht gewisser Internet-Unternehmen, besonders in den Bereichen Online-Inhalte und Vertrieb sowie auch hinsichtlich der Auswirkungen neuer Technologien auf Privatsphäre, Strafverfolgung und nationale Sicherheit. Auf der anderen Seite könnten neue technologische Fortschritte immense wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen.

Es fällt leicht, sich Szenarien der Über- und der Unterregulierung vorzustellen. Ebenso leicht fällt es, sich eine breit angelegte öffentliche Gegenreaktion gegen grosse Technologieunternehmen vorzustellen, besonders wenn ungenügende Selbstkontrolle oder die Weigerung, mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten, zu einem schrecklichen Ereignis führen.

Terrorismus verhindern

In diesem Zusammenhang prognostiziere ich, dass es Jahre dauern wird, bis man die passende politische Balance herstellen kann. Wenn ein zukünftiges Ereignis den emotionalen Nerv der Menschen trifft, könnte sich die öffentliche Stimmung dramatisch ändern. Letztlich allerdings vermute ich, dass Wettbewerb und Innovation die bevorstehenden Regulierungen überleben werden.

Schliesslich und am bedeutsamsten: Es ist zu hoffen, dass Terrorismus überall verhindert wird, Konflikte abflauen, Demokratie und Kapitalismus wieder an Dynamik gewinnen und mehr Anstand und ehrlicher Dialog auf der öffentlichen Bühne Einzug halten. Sollte das eintreten, wird 2018 tatsächlich ein sehr gutes Jahr werden.

Copyright: Project Syndicate.