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Die Weltwirtschaft in der Gefahrenzone

In den USA zieht der private Kapitalaufbau die Volkswirtschaft bereits nach unten. Deutschland könnte bald folgen. Für eine Entwarnung ist es zu früh.

André Kühnlenz

Viel wurde 2019 über die Gefahren einer Rezession geredet. Viele Ökonomen und Anleger scheinen zum Jahreswechsel aber davon auszugehen, dass die Verunsicherung durch die Weltpolitik (Handelsstreit, Brexit) und damit die Krisensorgen wieder etwas schwinden. Schliesslich gab es bislang keine grossen Übertreibungen im globalen Kapitalaufbau. Und wenn damit kein Platz für private Kreditexzesse war, könne es auch keinen gravierenden Grund für eine Wirtschaftskrise geben. Diese weitverbreitete Sicht zum Jahreswechsel muss gar nicht so falsch sein.

Doch werden wir hier in nur zwei Charts gleich sehen, was dieses Jahr gewesen ist und was nächstes Jahr sein wird – zumindest in den ersten Monaten 2020. Einer für Deutschland und einer für die USA. Tatsächlich könnte derzeit so etwas wie eine Bodenbildung (also noch kein Aufschwung) beginnen, oder aber: Es geht gerade erst los mit dem Abschwung. Wie die Überschrift bereits sagt, neige ich (durch die Brille der volkswirtschaftlichen Quotendynamik betrachtet) tatsächlich eher zur pessimistischen Variante. Aber dies ist nur eine Sichtweise, meine in diesem Blog, die allerdings nun auch schon seit gut vier Jahren tendenziell negativ ausfällt.

Psychologie wirbelt zyklische Trends durcheinander

Wenn wir im Fussball die Taktik richtig erkennen, können wir nicht selten schon den Sieg oder die Niederlage im Spiel erklären. Doch dann kommen immer wieder individuelle Stärken, Kampfgeist, Einstellungen, Glück oder Zufälle dazwischen, die alles durcheinander wirbeln. Ökonomen reden auch schon einmal von Zufällen, wenn sie Volkswirtschaften analysieren. Dann aber gerne auch von Erwartungen, Verunsicherung, Herdentrieb, von Schocks oder Panik: Solche psychologischen (Markt-)Phänomene verstärken fundamental-zyklische Grundtendenzen allerdings oft nur.

Für den wackligen Konjunkturzyklus seit der Finanzkrise typisch ist jedenfalls auch noch etwas anderes: Immer wenn Krisentendenzen auch nur latent aufkommen, lässt ein entscheidender Kick die Entwicklung in eine positive Richtung drehen. Dazu zählen natürlich auch die Notenbanken (die mit ihren Anleiheaufkäufen zumindest psychologisch auf die Märkte wirken). Während sich viele Leute im Norden Europas über Niedrig- und Negativzinsen bitterlich beklagen, darf sich die Mehrheit in Europa und den USA immerhin darüber freuen, dass in jüngster Zeit keine Krisen am Arbeitsmarkt ausgebrochen sind.

Zunächst aber meine Lieblingsgrafik des Jahres. Sie stammt aus einem Vortrag von Hyun Song Shin, dem Chefvolkswirt der BIZ, sie zeigt die wichtigsten Zentren der Wertschöpfungsketten auf der Welt und wie sie sich seit dem Jahr 2000 verschoben haben. Da uns für China einfach die Daten für eine ordentliche Betrachtung der Quotendynamik fehlen, die im Fokus dieses Blogs steht, werden wir uns eben auf die USA und Deutschland konzentrieren müssen, wo dies schon besser möglich ist.

Quotendynamik heisst einfach nur, dass wir uns die Kräfteverschiebungen der grossen Ausgabengruppen in den Volkswirtschaften etwas genauer anschauen: also Konsum und Investitionen in den Kapitalaufbau. Was Privatkonsum ist, wissen wir natürlich alle selber am besten, wenn wir täglich einkaufen – egal, ob im Internet oder im Supermarkt. Wenn Unternehmen Kapital aufbauen, geben sie Geld für neue Maschinen, Geräte, Patente, Wirtschaftsgebäude oder Fahrzeuge aus.

Und diese investiven Ausgaben entwickeln in einem typischen Aufschwung einer Marktwirtschaft oft eine so starke und ungezügelte Kraft, dass sie schneller als alle anderen Ausgaben wachsen – besonders der Konsum. Dies bedeutet aber, dass in jedem Aufschwung die Endnachfrage mit der Kapitalnachfrage nicht mehr Schritt hält, was schlussendlich zu einem Rückgang der Investitionen (und Jobs) führen muss, wenn sich zuvor im Aufschwung ein typisches Ungleichgewicht aufgebaut hat. Genau, was wir heute in den USA sehen.

Die Zeichen stehen also nicht auf Aufschwung in den Vereinigten Staaten, denn die Privatinvestitionen sind bereits 2019 wieder gekippt, ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt sinkt. Bislang können wir auch keine Wende hin zu einer besseren Investitionsdynamik erkennen. Die Gewinndynamik zumindest des Standorts, dessen alte Wirtschaftszweige Donald Trump vor allem im Blick hat, lahmt ebenfalls.

Das alles passt zum Rezessionsrisiko im Zinskurven-Modell der Notenbank von New York, das erst für nächsten Sommer den höchsten Wert anzeigt. Damit eine potenzielle Rezession tatsächlich aber akut wird, müsste noch der Arbeitsmarkt kippen – abgesehen von unvorhergesehenen Schocks. Davon kann aber bislang noch keine Rede sein, wie in meinem monatlichen Konjunkturthread zur USA auf Twitter zu sehen (der auch immer etwas von Kaffeesatzleserei hat).

Investitionen gerade in Ausrüstungen sind auch deshalb so wichtig, weil sie massgeblich dazu beitragen, dass die Gewinnsumme eines Standorts schneller als die Lohnsumme wachsen kann. Die wichtigste Voraussetzung eines Aufschwungs in einer Marktwirtschaft, wir wissen es alle, heisst aber: Eine verbesserte Produktivität muss in erster Linie die Profitabilität des Landes verbessern. Denn warum sonst sollten ausreichend viele Unternehmen investieren und dabei neue Jobs schaffen? Die zweite Bedingung lautet: Der Markt muss wachsen, meistens durch steigendes Masseneinkommen. Deshalb kann es auch keinen Aufschwung geben, wenn die Lohnsumme nur stagniert, wie in Deutschland vor 2005.

Dreht der deutsche Kapitalimpuls ins Negative?

Das bringt uns nach Deutschland, wo wir aktuell leider ein weniger klares Bild erkennen als in den USA. Hier wird die Profitabilität des Standorts auch massgeblich vom Auslandsgeschäft geprägt: Nicht selten gibt es einen schönen Gleichlauf zwischen den Betriebsüberschüssen (also den operativen Gewinnen in den volkswirtschaftlichen Statistiken) und dem Exportüberschuss. Beides schrumpfte im vergangenen Sommer etwas weniger stark. Zu den Details des deutschen Bruttoinlandsprodukts 2019 sei auf den entsprechenden Twitter-Thread verwiesen.

Der Abschwung in Deutschland ist bislang vor allem durch Sondereffekte gerade im Autobau geprägt, die das Land in einen Zickzackkurs zwängen, aber noch keine akute Rezession ausgelöst haben. Klar ist nur, dass die Industrie in der Krise steckt, die Dienstleister aber noch nicht. Bislang reichen Kurzarbeit und Leiharbeit aus, um den Abschwung aufzufangen. Gestützt wird alles auch durch eine expansive Fiskalpolitik der öffentlichen Haushalte, was dazu führen wird, dass es nächstes Jahr vielleicht keinen ausgeglichenen Bundeshaushalt mehr geben wird.

Hier der Chart, der für Deutschland dann doch etwas alarmistisch stimmt:

Wenn wir uns die deutsche Investitionsdynamik wie zuvor in den USA anschauen, erkennen wir aber noch immer wenig, was auch nur nach einer Krise aussieht. Denn alles in allem steigen die (Netto-)Investitionen immer noch schneller als das Bruttoinlandsprodukt: Die (Netto-)Investitionsquote wächst. Doch mittlerweile haben die für Profitabilität und die Produktivität so wichtigen Ausrüstungsinvestitionen einen Punkt erreicht, an dem auch sie abkippen könnten. Dies wird nur dadurch verdeckt, dass die Bauausgaben noch so stark steigen.

Wenn wir also eine Reihe von Sondereffekten gerade im deutschen Autobau ausser acht lassen, die mit den neuen Abgasvorrichtungen zu tun haben, könnte Deutschland 2020 der amerikanischen Volkswirtschaft auf dem Weg nach unten folgen, sollten die Ausrüstungsinvestitionen ebenfalls absacken. Denn die entsprechende Quote hat noch nicht einmal begonnen, zu sinken, so wie sie es auch in der milden Rezession von 2012/13 getan hat.

Einen beginnenden Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt könnten wir ebenfalls noch nicht ausmachen, im Gegenteil: Die deutsche Industrie insgesamt hat gerade erst begonnen, auf Jahressicht Jobs abzubauen. Bislang hatte sich nur das Wachstum im Stellenaufbau verlangsamt, was alles nur ein Vorspiel gewesen sein könnte zu dem, was jetzt folgt. Vieles hängt weiterhin davon ab, ob und wie stark der weitaus grössere Zweig der Dienstleister sowie das Baugewerbe dem Abschwung noch trotzen können.

Vielleicht reicht es ja, dass wieder ein entscheidender Kick die eher negative Richtung dreht, die sich in den volkswirtschaftlichen Quoten andeutet. Erste vorsichtige Hoffnungssignale gäbe es dafür zum Jahreswechsel.

Hinweis: Die Beiträge in diesem Blog erscheinen in Kooperation mit dem Online-Magazin Makronom. Worum es hier eigentlich geht, habe ich im ersten Beitrag beschrieben: Konjunkturanalyse geht jeden an – oder warum wir einen Taktikblog der Konjunkturanalyse brauchen. Zur State-of-Swing-Taktiktafel der Konjunkturanalyse geht es hier entlang auf die Makronom-Seite.