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«Aus der Krise wurden nicht alle Lehren gezogen»

Hugo Bänziger, Partner von Lombard Odier, ehemaliger Chief Risk Officer der Deutschen Bank und Mitglied der Liikanen-Gruppe, spricht im Interview mit der FuW über die Aufarbeitung der Finanzkrise.

Für Hugo Bänziger, den ehemaligen Chief Risk Officer der Deutschen Bank und heutigen Partner der Privatbank Lombard Odier, ist nach der Finanzkrise eines klar: «Das Regelwerk darf man nicht den handelnden Akteuren überlassen.» Es sei eine Verantwortung der Gesellschaft und damit der Politik.

Der Schweiz stellt das ehemalige Mitglied der hochkarätigen internationalen Gruppe Liikanen, die sich für das Trennbankensystem ausgesprochen hat, ein gutes Zeugnis aus:  «Mit den Holdingstrukturen und den beachtlichen Eigenmittelvorschriften für grosse Banken hat die Schweiz den Sinn und Geist dieser Empfehlungen weitgehend umgesetzt.» Das sei «beruhigend und erfreulich».

Herr Bänziger, nach 25 Jahren Abwesenheit melden Sie sich in der Schweiz zurück mit einer bankhistorischen Tagung zum Risikomanagement. Wir hatten von einem neuen Partner bei Lombard Odier eigentlich eher einen Vortrag zum Private Banking erwartet…
Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist für jede Institution, sei sie politisch oder wirtschaftlich, wesentlich. Wer seine eigene Geschichte nicht genug kennt und vor allem nachvollziehen kann, kann kaum seine eigene Zukunft gestalten. Alle Banken hatten bereits vor der Finanzkrise 2008 eigene Risikoabteilungen. Trotzdem ist es zum GAU gekommen. Fast überall musste der Steuerzahler einspringen. Wir wollen deshalb die Finanzgeschichte aufarbeiten. Risikomanagement ist ein wichtiger Teil dieser – zugegeben sehr jungen – Geschichte.

Die Aufarbeitung der Krise ist aber doch schon weit fortgeschritten. Nicht nur in der Schweiz, auch in Amerika und der EU wurden viele neuen Vorschriften erlassen, um die Banken sicherer zu machen. Ist Ihre Tagung nicht überflüssig?
Wie viele andere Fachleute glaube auch ich nicht, dass bereits alle relevanten Lehren daraus gezogen worden sind. Unsere Tagung wird dies thematisieren und hochkarätig  hinterfragen.

Stichworte hierzu sind etwa die Ausgestaltung unseres Rechnungslegungssystems, die Regeln der verantwortungsvollen Unternehmensführung oder wie ein Markt geordnet werden soll, wenn er nachhaltig, sicher und zuverlässig  der Volkswirtschaft dienen soll.

Aber kann Geschichtsforschung wirklich einen Beitrag leisten zur Beantwortung von Fragen bezüglich der Rechnungslegung?
Selbstverständlich. Geschichtsforschung,  wie ich sie immer verstanden habe, bedeutet, zurückliegende Ereignisse so zu analysieren, dass wir verstehen, was wirklich vorgegangen ist, wo die Fehler geschehen sind und wie wir für die Zukunft daraus Schlüsse ziehen. Das bringt weit mehr für die Struktur und die Zukunft eines Finanzplatzes als etwa Versuche der Erklärung und des Verstehens mithilfe technischer Analysen.

Was ist darunter konkret zu verstehen?
Ein gutes Beispiel  ist die Entwicklung von Fair Value Accounting. Das Konzept wurde Mitte der Achtzigerjahre von den Terminbörsen entwickelt. In der Schweiz war es die Soffex. Im Handel mit börsennotierten Zins- und Währungstermingeschäften muss man Risiko und Ertrag täglich bewerten. Fair Value oder Bewertung zu Marktpreisen erlaubte das. Man kann damit auch offene Positionen mit Absicherungsgeschäften schliessen, da Fair Value die Nettobetrachtung erlaubt. Den eigentlichen Durchbruch fand Fair Value im Jahr 1994, als die Zinskurve drehte. Mehrere internationale Grossbanken, die noch mit dem alten System bilanzierten, erlitten beträchtliche Verluste und stellten um. Zusammen mit Value at Risk, einem zur selben Zeit von J. P. Morgan entwickelten Risikosystem, wurde es zum Standard für das Handelsgeschäft.

Es fand dann auch Eingang ins aufsichtsrechtliche Regelwerk…
Als Ende der Neunzigerjahre die Investmentbanken auch Kredit- und strukturierte Produkte zu handeln begannen, wurden auch diese Bereiche unter Fair Value bilanziert. Wie sich in der Finanzkrise gezeigt hat, war die Liquidität für diese Produkte aber fiktiv. Fair Value wurde zu einem der Mitverursacher der grossen Finanzkrise. Eine gesellschaftliche Debatte, wieweit Fair Value und Finanzmarktstabilität miteinander vereinbar sind, gab es allenfalls am Rand. Wir haben es hier fast mit «Mission Creep» zu tun. Eine der historischen Lehren lautet: Das Regelwerk darf man nicht den handelnden Akteuren überlassen. Es ist eine Verantwortung der Gesellschaft und damit der Politik.

Sie haben vorher auch das Thema Marktordnung angesprochen. Was meinen Sie damit?
Im Zuge der Finanzmarktliberalisierung in den Achtziger- und Neunzigerjahren wurde der Börsenzwang für den Wertpapierhandel aufgehoben. Der Effekt war eine starke Reduktion der Börsengebühren. Ein unerwarteter Nebeneffekt war allerdings die Fragmentierung der Liquidität. Trotz steigenden Wertpapiervolumen wurden viele Märkte nicht liquider, und  die für die Preisfindung so wichtige Transparenz nahm ab. Wenn Wirtschaftshistoriker die damaligen Entscheide analysieren, stellen sie fest, dass die Politik diese Konsequenzen unterschätzte.

Sowohl Anleger wie Emittenten bezahlen heute den Preis dafür.
Ohne Liquidität ist Risikomanagement kaum möglich. Wenn man Papiere, die man als risikoreich betrachtet, nicht handeln kann, wird man sie meiden. Das schadet dem Finanzmarkt. Wir brauchen deshalb eine neue, auf mehr Erfahrung beruhende Diskussion zur Struktur unserer Märkte. Die Wiedereinführung des Börsenzwangs ist durchaus überlegenswert. Wir vergessen zu schnell und ziehen oft zu wenige Lehren bei diesen superschnellen  Entwicklungen.

Als Mitglied der EU-Expertenkommission zu Strukturfragen im Bankgewerbe 2012 haben Sie sich auch für das Trennbankensystem ausgesprochen. Das ist hier in der Schweiz ja nach wie vor eine brennend aktuelle Frage. Wie stellen Sie sich heute dazu?
Die Liikanen-Kommission hat sich für die organisatorische Trennung des Handels vom übrigen Bankgeschäft ausgesprochen. Wir wollten damit verhindern, dass Handelsrisiken in andere Teile der Banken überschwappen, wie das in England, Holland und Deutschland der Fall war. Diese Empfehlung basierte auf einer eingehenden Analyse der europäischen Banken vor der Krise, auf historischer Forschung, wenn Sie so wollen. Unsere Empfehlungen  haben unverändert Gültigkeit und Aktualität. Mit den Holdingstrukturen und den beachtlichen Eigenmittelvorschriften für grosse Banken hat die Schweiz den Sinn und Geist dieser  Empfehlungen übrigens weitgehend umgesetzt. Das ist einerseits beruhigend, andererseits erfreulich.

Welche Bereiche im Risikomanagement bedürfen Ihrer Ansicht nach noch weiterer Entwicklung?
Wir sollten nicht vergessen, dass die privaten und die institutionellen Anleger in der Finanzkrise rund 75% der  Verluste von insgesamt 2000 Mrd. $ verkraften mussten. Das Risikomanagement für unsere Bankkunden ist zu verbessern. Als Banken sind wir verantwortlich für die Qualität der Produkte, die wir verkaufen. Wir haben eine Treuhänderfunktion. Kommissionsertrag darf nicht zum Massstab einer Kundenbeziehung werden. In England konnten wir in den Neunzigerjahren zusehen, wie Banken in schlagkräftige Verkaufsorganisationen umgewandelt wurden. Der Produktverkauf hatte oberste Priorität. Heute müssen dieselben Institute ihren Kunden Schadenersatz in Milliardenhöhe zahlen – und allzu oft haben die Kunden den Schaden. Auch hier sollten wir von der Geschichte lernen. Anstand im Verkehr mit Kunden ist nicht nur ein moralischer Imperativ. Er lohnt sich auch langfristig. Das ist meine tiefe Überzeugung.