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Die wirklichen Rohstoffe des Wohlstands

Die beste Entwicklungsstrategie für ärmere Länder besteht nicht darin, eigene Rohstoffe aufzubereiten, sondern ihre Kompetenzen auszuweiten und neue Märkte zu erschliessen. Ein Kommentar von Ricardo Hausmann.

Ricardo Hausmann
«Die Moral von der Geschicht' ist, dass die Schaffung eines Mehrwerts für Rohstoffe zwar ein Weg zur Diversifizierung ist, aber nicht unbedingt ein langer und lohnender. »

Arme Länder exportieren Rohstoffe wie Kakao, Eisenerz und Rohdiamanten. Reiche Länder exportieren – häufig in genau diese armen Länder – komplexere Produkte wie Schokolade, Autos und Juwelen. Wenn arme Länder reich werden wollen, sollten sie aufhören, ihre Ressourcen als Rohstoffe zu exportieren, und sich darauf konzentrieren, ihnen einen Mehrwert hinzuzufügen. Andernfalls schöpfen die reichen Länder den Löwenanteil des Wertes und alle guten Arbeitsplätze ab.

Arme Länder könnten dem Beispiel von Südafrika und Botswana folgen und ihren natürlichen Reichtum dazu nutzen, die Industrialisierung voranzutreiben, indem sie den Export von Mineralien in Rohform einschränken (eine Politik, die lokal als «Aufbereitung» bekannt ist). Doch sollten sie das tun?

Einige Ideen sind nicht nur verkehrt, sondern geradezu schlecht: Sie sind einengend, da sie in ihrer Interpretation der Welt zweitrangige Aspekte hervorheben – zum Beispiel die Verfügbarkeit von Rohstoffen – und die Gesellschaft blind für vielversprechendere Möglichkeiten machen, die sich eventuell anderswo bieten.

Finnland – Nokia statt Holz

Nehmen wir Finnland, ein nordisches Land, das für seine geringe Einwohnerzahl viel Wald aufweist. Ein klassischer Ökonom würde argumentieren, dass das Land angesichts dieser Tatsache Holz exportieren sollte, was Finnland getan hat. Ein traditioneller Entwicklungsökonom würde dagegen argumentieren, es sollte kein Holz exportieren, sondern stattdessen daraus einen Mehrwert schöpfen, indem es das Holz zu Papier oder Möbeln verarbeitet – auch das macht Finnland. Dennoch stellen sämtliche Holzprodukte lediglich 20 % der finnischen Exporte dar.

Der Grund dafür ist, dass die Holzwirtschaft dem Land einen anderen und wesentlich lukrativeren Weg zur Entwicklung geebnet hat. Während die Finnen ihr Holz fällten, wurden ihre Äxte und Sägen stumpf, gingen kaputt und mussten somit repariert oder ersetzt werden. Das führte letztendlich dazu, dass sie gut darin wurden, Maschinen zu produzieren, die Holz fällen und schneiden.

Finnische Geschäftsleute erkannten schnell, dass sie Maschinen herstellen konnten, die andere Materialien schnitten, da nicht alles, das geschnitten werden kann, aus Holz ist. Als Nächstes automatisierten sie die Schneidemaschinen, da es langweilig werden kann, alles per Hand zu schneiden. Daraufhin entwickelten sie andere automatische Maschinen, da es im Leben nun mal mehr gibt als das Schneiden. Nach den automatischen Maschinen landeten sie am Ende bei Nokia. Heute machen unterschiedliche Maschinentypen über 40 % der finnischen Warenexporte aus.

Das Schokoladeland Schweiz hat keinen eigenen Kakao

Die Moral von der Geschicht’ ist, dass die Schaffung eines Mehrwerts für Rohstoffe zwar ein Weg zur Diversifizierung ist, aber nicht unbedingt ein langer und lohnender. Länder sind nicht auf die Rohstoffe beschränkt, die sie haben. Schliesslich hat die Schweiz keinen Kakao, und China stellt keine Chips mit erweiterter Speicherkapazität her. Das hat diese Länder jedoch nicht davon abgehalten, auf dem Markt für Schokolade bzw. Computer eine herausragende Position einzunehmen.

Rohstoffe in der Nähe zu haben ist nur ein Vorteil, wenn es sehr teuer ist, diesen Stoff zu transportieren, was eher für Holz gilt als für Diamanten oder selbst Eisenerz. Australien ist, obwohl es weit abgelegen ist, ein Hauptexporteur für Eisenerz, aber nicht für Stahl, während Korea Stahl exportiert, Eisenerz aber einführen muss.

Die Geschichte Finnlands zeigt, dass die vielversprechenderen Wege zur Entwicklung nichts damit zu tun haben, den eigenen Rohstoffen Mehrwert hinzuzufügen, sondern die eigenen Kompetenzen zu erweitern. Das bedeutet, neue Kompetenzen (zum Beispiel in der Automatisierung) mit bereits vorhandenen zu verbinden (zum Beispiel Schneidemaschinen), um in völlig andere Märkte vorzudringen. Um an Rohstoffe zu kommen, muss man dagegen lediglich bis zum nächsten Hafen fahren.

Aufbereitung bedeutet Einschränkung

Sich die Zukunft auf der Grundlage des differenziellen Transportkostenvorteils eines Stoffes auszumalen beschränkt Länder auf Produkte, die lediglich lokal verfügbare Rohstoffe intensiv nutzen. Dies erweist sich als eine gewaltige Einschränkung. Welche Rohstoffe genau muss ein Land in der Nähe haben, um in der Produktion von Autos, Druckern, Antibiotika oder Filmen wettbewerbsfähig zu sein? Die meisten Produkte benötigen viele Stoffe, und in den meisten Fällen macht ein Rohstoff einfach keinen ausreichend grossen Unterschied.

Die Aufbereitung zwingt die Rohstoffindustrie, lokal unterhalb ihres Exportpreises zu verkaufen, somit wirkt sie als implizite Steuer, mit der nachgelagerte Tätigkeiten subventioniert werden. Eine effiziente Besteuerung der Rohstoffindustrie sollte es der Gesellschaft im Prinzip ermöglichen, die Vorteile des natürlichen Reichtums zu maximieren. Aber es gibt keinen Grund, über die Steuer nachgelagerte Industrien zu begünstigen. Wie meine Kollegen und ich gezeigt haben, sind diese Tätigkeiten weder besonders naheliegend, was die Kompetenzen eines Landes angeht, noch sind sie ein besonders lohnendes Sprungbrett, um die Entwicklung zu fördern.

Die wohl grösste wirtschaftliche Auswirkung der britischen Kohleindustrie im späten 17. Jahrhundert war, dass sie die Entwicklung der Dampfmaschine förderte, um Wasser aus den Minen zu pumpen. Doch revolutionierte die Dampfmaschine daraufhin Produktion und Transport, was die Weltgeschichte und Grossbritanniens Platz darin veränderte – zudem steigerte sie den Stellenwert von Grossbritanniens Kohlevorkommen.

Vorbildlicher Wandel Dubais

Dagegen ist der Bau von Erdöl- oder Stahlwerken oder die Verlagerung von schlecht bezahlten Stellen in der Diamantenschleiferei aus Indien oder Vietnam nach Botswana – einem Land, das mehr als viermal so reich ist – ebenso fantasielos wie einengend. Wesentlich kreativer geht es in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu, die ihre Öleinnahmen in Infrastruktur und Fremdenverkehrseinrichtungen investiert haben und somit Dubai in ein erfolgreiches touristisches wie wirtschaftliches Zentrum verwandelt haben.

Die Vereinigten Staaten sollten daraus eine Lehre ziehen. Ihre Politik setzt seit dem Ölembargo 1973 vor allem auf die Aufbereitung; damals schränkten sie den Export von Rohöl und Erdgas ein. Während die USA immer mehr zum Energieimporteur wurden, sahen die Politiker keinen Grund, diese Strategie aufzugeben. Doch die jüngste Revolution in der Energiegewinnung aus Schiefer hat die Produktion von Öl und Gas in den vergangenen fünf Jahren dramatisch gesteigert. Infolgedessen liegt der Preis für Erdgas im Inland weit unter dem Exportpreis.

Dies kommt einer impliziten Subventionierung der Industrien gleich, die Öl und Gas intensiv nutzen, und könnte einige Investitionen aus dem Ausland anlocken. Doch werden so die Möglichkeiten des Staats zur Besteuerung und Regulierung des Handels optimal genutzt? Stünden die USA nicht besser da, wenn sie ihre Möglichkeiten, Erdgas zu besteuern, dazu einsetzen würden, die Entwicklung eines modernen Pendants zur revolutionären Dampfmaschine anzuregen?

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